Belletristik REZENSIONEN

Nur ein Hauch von russischer Seele...

Engländerin; über Russland
Der Bauch von Petersburg
Aus dem Englischen von Willi Herrmann
Ullstein Taschenbuch, Berlin 1998, 270 S.

Das englische Mädchen mit dem russisch an Natalja anklingenden Namen Natalie, führt bis zum Abschluss ihres Studiums ein ganz normales Leben - mit Mutter, Vater und einem Bruder. Die Arbeitslosigkeit in England treibt sie dann, ausgerechnet, nach Russland, wo sie an einer Schule in St. Petersburg Englisch unterrichtet. Da es für Natalie - und nicht nur für sie - täglich neu ein Erfolgserlebnis ist, eine Tüte Milch zu ergattern oder ein Laib Brot, muss die Handlung im Jahre 1991 spielen. (Da war ich bei meiner Freundin Raissa in Moskau und habe den täglichen Lebensmittel-Kampf selbst erlebt.)

Durch ihre lebenslustige englische Kollegin Anja, die es schon vor längerer Zeit nach Russland verschlagen hat, lernt Natalie eine Gruppe junger Künstler kennen. Deren Leben in schmuddligen Abrisswohnungen auf dreckigen Hinterhöfen fasziniert Natalie - immer im Zusammenklang mit Wodka, viel Bier und Marihuana. Sie verliebt sich in den russischen Maler Pjotr, der ihr gesteht, dass er zu Sowjetzeiten mit der schlimmsten Sorte von Menschen Freundschaft geschlossen habe, nur um nicht Teil des Systems zu werden. In der Sowjetunion, so meint er, konnten nur der Geisteskranke, der Gewalttätige und der Unmoralische frei sein. In der neuen Welt würden diese drei Gruppen aber das neue System bilden. Das seien jetzt die neuen Herren... Und mit eben diesen Herren lässt sich Pjotr ein, das allerdings sagt er Natalie nicht so ganz genau.

Dann wird Anja fast erstochen, der gefeierte Maler Tornikow nach einer Vernissage erschossen, der melancholische Pjotr Opfer eines Mordes. Oder war es Selbstmord?

Die trauernde Natalie - sie hat Pjotr, scheint´s, wirklich geliebt - hat Grund zu der Annahme, dass die Mafia ihre Hand im Spiel hat. Sie will alles über Pjotrs Leben und Tod herausbekommen und ermittelt auf eigene, abenteuerliche Faust. Was das mutige (oder naive) Mädchen da nicht alles an "postkommunistischer Kriminalität" zu sehen kriegt... Über Pjotrs Ableben allerdings erfährt sie nichts - bis sie eines Tages Besuch von einer Erniedrigten und Beleidigten bekommt, die ihr seitenlang haarklein alles aufdeckt. Hör auf, hör auf, möchte der Leser deren Redestrom stoppen, denn der weiß natürlich inzwischen, dass in St. Petersburg Rache Blutwurst ist. Keine fünfzehn Seiten weiter treffen die Verräterin dann die beiden unvermeidlichen Pistolenschüsse in Kopf und Brust, "überall ist Blut und Fleisch verspritzt".

Als Natalie, die natürlich mehr weiß als die Miliz, auf offener Straße von vier Männern zusammengeschlagen wird, wird es ihr endlich zu brenzlig in St. Petersburg, sie flüchtet nach Berlin. Die nicht gerade billigen Fahrkarten bezahlt sie wieder mal von ihrem Ersparten, das bei ihr die beneidenswerte Eigenschaft hat, nicht alle zu werden - obwohl Natalie in St. Petersburg nahezu gar nicht mehr arbeiten gegangen ist. Mir wäre wohler zumute, wenn das englische Mädchen mit dem russisch an Natalja anklingenden Namen Natalie gleich bis zu mammy und daddy nach England durchgefahren wäre.

Die "Times" schrieb nach Erscheinen des Buches 1996 in England: "In ihrem bemerkenswerten ersten Roman stellt Sophia Creswell ihren Lesern auf einfühlsame Weise die russische Seele vor." In diesem "bemerkenswerten Roman" werden im wesentlichen Trinker, Drogensüchtige, Prostituierte, Diebe, Schläger, Mörder, zwei Engländerinnen, ein Pole vorgestellt. Wo steckt bei ihnen das, was man unter russischer Seele versteht - oder nicht versteht? Ich jedenfalls konnte bei viel gutem Willen so was wie eine russische Seele höchstens bei Baba Lena entdecken, die als Natalies Wirtin hier und da gerade mal erwähnt wird.

Laut Pressemitteilung des Ullstein Buchverlages hat Sophia Creswell wie ihre Heldin Sprachen und Literatur studiert. Nun gut... Wenn aber stimmt, was die Verlagsangaben im Buch aussagen, so hat die Autorin in Durham nicht nur Philosophie, sondern auch Psychologie studiert...

Jedenfalls erhielt Sophia Creswell, Jahrgang 1969, für ihren ersten Roman den SOUTHERN ARTS LITERARY AWARD - was immer diese Auszeichnung zum Ausdruck bringen soll - und schreibt auf einem Hausboot in Oxford an ihrem zweiten Roman. Hoffentlich nicht wieder über ihren Aufenthalt im russischen St. Petersburg, wo sie für ein Kunstmagazin journalistisch tätig war.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Die Alte würde so gern wehklagen, doch der Alte will nicht sterben.
Sprichwort der Russen

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