Belletristik REZENSIONEN

Entwertung von Biografien - in Zeitenwenden
Russe
Der kaukasische Gefangene
Drei Erzählungen
Aus dem Russischen von Annelore Nitschke
Luchterhand Literaturverlag, München 2005, 239 S.
 
Der Russe Wladimir Makanin (geboren 1937 in Orsk) gehört zu den wenigen Schriftstellern, die sowohl unter sowjetischem Regime erfolgreich waren als auch im heutigen Russland erfolgreich sind. Auf Anhieb fallen mir da außerdem noch die Russen Daniil Granin, Jewgenij Jewtuschenko, Anatoli Pristawkin sowie der Kyrgyse Tschingis Aitmatow ein.

Von Makanin - Autor von mehr als dreißig Prosawerken,  nicht nur ins Deutsche, sondern u. a. auch ins Englische, Französische, Italienische, Japanische, Polnische, Schwedische und Spanische übersetzt - kenne ich "Der Mann mit den zwei Gesichtern" (Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1986), "Die Verfolgungsjagd" (Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1987) und "Der Ausreißer" (Verlag Volk und Welt, Berlin 1988). Was Makanins Schreibweise anbelangt, so erinnere ich mich sogleich an seine vielen Klammerbemerkungen (die von Buch zu Buch mehr werden). Auch in den drei Erzählungen seines neuen Buches Der kaukasische Gefangene finden sie sich in großer Zahl. Sie ergänzen entweder ein Wort oder nennen ein Synonym oder nennen eine neue Tatsache... Einige Beispiele:

"Die Hausfrau bringt (in zwei weißen Kochtöpfen) die Reste des Mittagessens..."
"Die vom Sonnenlicht überflutete Gegend erinnert ihn an eine glückliche Kindheit (er hatte keine)."
"Stolze südliche Bäume (deren Namen er nicht kennt) stehen frei im Gras."
"Voller Mitgefühl (und Neugier) fragt er, wie viele es gewesen seien."
"Früher (in vergangenen Tagen) zog er (...) sogleich seine Paradeuniform an."
"Rubachin (...) versteifte sich geradezu auf die vertrauten (sowjetischen) Worte."
"Doch dann (und sehr vorsichtig) fragte der gefangene Jüngling..."

Bei so mancher Klammerbemerkung fragt man sich: Wozu? Es könnte doch  z. B. ganz einfach heißen: Doch dann fragte der gefangene Jüngling sehr vorsichtig... Aber eigentlich liest  sich manches so doch eine Nuance anders... Also gut, anerkennen wir Makanins Eigenart...

In der Titel gebenden Erzählung (Puschkin und Tolstoi nachempfunden) geht es um den Krieg zwischen Russen und Kaukasiern. Russische Soldaten nehmen einen Kaukasier (einen Tschetschenen?) gefangen. Sie schleppen ihn tagelang mit sich, gewöhnen sich an ihn. Er ist sehr jung und mädchenhaft schön. Der russische Soldat Rubachin verguckt sich in ihn, hilft ihm, gibt ihm sogar seine warmen Socken... " (...) wenn man´s recht bedenkt", überlegt er, "wieso sind wir eigentlich Feinde? (...) Wir waren doch mal Freunde!" Diese Geschichte, die von homoerotischen Gefühlen (oder nur von menschlicher Wärme) erzählt, geht sehr traurig, nein, tragisch aus. In einem Krieg ist sich eben doch jeder selbst der Nächste...

In der zweiten Erzählung "Der Buchstabe A" meißeln Strafgefangene im Gulag in ihrer Freizeit (Lagerhäftlinge hatten Freizeit?) einen Buchstaben in den Felsen. Sie beabsichtigen irgendwo in der sibirischen Taiga mit ihrer Botschaft eine Art Rebellion. Doch nachdem das A fertig ist, haben sie über die lange Zeit vergessen, wie es weitergehen sollte. Doch sozusagen über Nacht ändert sich die politische Großwetterlage und allmählich verbrüdern sich Aufseher und Häftlinge gegen jegliche Form der Unterdrückung. Mit einem Mal kann man einen Schritt zur Seite gehen, ohne gleich erschossen zu werden (am meisten wundern sich darüber die Hunde), mit einem Mal findet sich Fleisch im Essen, mit einem Mal bekommt jeder Tote ein eigenes Grab (sogar mit einem Namensschild). Gefangene und Aufseher nähern sich einander an. Schließlich fallen die Lagermauern, worauf sich die Befreiten hinsetzen und auf das zerstörte Lager und die neue Zeit scheißen - das ist wörtlich gemeint. Eine Befreiung à la Vladimir Sorokin, die ich Makanin gar nicht zugetraut hätte.

In der dritten Erzählung "Eine geglückte Liebesgeschichte" verliebt sich der Schriftsteller Tartassow ausgerechnet in seine eigene Zensorin. Und was wird aus den beiden im nachfolgenden russischen Kapitalismus? Die Zensorin wird Bordellbesitzerin, der einst berühmte Schriftsteller ein kleines Licht im Fernsehen. Eine Geschichte, die auch von der bitteren Entwertung von Biografien handelt, die eine Zeitenwende mit sich bringt.

Wladimir Makanin, der "postmoderne Schüler der Klassiker von Puschkin und Gogol bis Dostojewski" (F.A.Z.), erzählt in diesen drei abgründigen Geschichten von Schönheit, Freiheit und Liebe und vom unbesiegbaren Behauptungswillen der eigenen Würde mit der Fertigkeit des reifen Erzählers. Dennoch: An die hervorragende Titelgeschichte reichen die beiden anderen Erzählungen nicht heran.

Übrigens macht mich Hans Heise in seinem Eintrag meines Gästebuches dieser Homepage auf meine eigenen zahlreichen Klammerbemerkungen aufmerksam. Danke. Ich werde sie (etwas) einschränken.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 13.09.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 05.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wer nur an die Folgen denkt, kann nicht mutig sein.
Sprichwort der Tschetschenen

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