Belletristik REZENSIONEN

Mit Witz, Charme und Methode...

Russe
Fandorin
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Aufbau Taschenbuch Verlag, 3. Auflage, Berlin 2001, 289 S.

Gerade als man von den Mafia-Geschichten mit Neuen Russen, Auftragskillern, Prostituierten und Drogenhändlern (Dankowtsewa, Daschkowa, Marinina) allmählich begann abzustumpfen, drängt ein neuer russischer Krimi-Autor auf den deutschen Büchermarkt: Boris Akunin, ein Pseudonym, das auf den berühmten russischen Revolutionär und Anarchisten Bakunin anspielt. Hinter B. Akunin verbirgt sich der Moskauer Philologe, Kritiker, Essayist  und Übersetzer aus dem Japanischen Grigori Tschchartischwili - ein Georgier? Der 1956 als Sohn eines Armeeoffiziers und einer Lehrerin Geborene veröffentlichte 1998 seine ersten Kriminalromane, die ihn auf Anhieb zu einem viel gelesenen Autor in Russland machten. In einem Interview mit der Zeitschrift "Ogonjok" sagte Akunin: "Ich spiele leidenschaftlich gern. Früher habe ich Karten gespielt, dann strategische Computerspiele. Schließlich stellte sich heraus, dass Krimis schreiben noch viel spannender ist."

Mit Fandorin liegt Akunins erster Krimi in Deutsch vor, innerhalb von einigen Wochen nun schon in dritter Auflage. Er spielt 1876 - dem Todesjahr Bakunins. Ein Zufall?

Im Moskauer Alexandergarten erschießt sich ein Student unter merkwürdigen Umständen. Keiner kann sich seinen Selbstmord erklären. In letzter Zeit häufen sich ähnliche Selbstmordfälle in Moskau und St. Petersburg.

Ganz neu sitzt in einer Schreibstube der Moskauer Polizei der unerfahrene, erst zwanzig Jahre alte Erast Fandorin, der einst bessere Tage gesehen hat. Sein Vater nämlich, Oberleutnant a. D., hatte, als ihn ein Herzschlag dahinraffte, seinem Sohn nichts außer ungedeckten Wechseln hinterlassen. Fandorins Vorgesetzter hält Erast für zu sensibel, als dass er bei der Polizei etwas werden könnte. Doch weit gefehlt! Erast Fandorin vermutet hinter dem Selbstmord des Moskauer Studenten ein finsteres Geheimnis und erbettelt sich geradezu, Ermittlungen aufnehmen zu dürfen. Als er bei seinen ersten Nachforschungen bei einer wunderschönen Frau beinahe erstochen wird - nur sein Korsett "Lord Byron" (eitel, der junge Mann!) rettet ihm das Leben - weiß er sich auf der richtigen Fährte. Iwan Brilling, sein neuer Chef, seines Zeichens Staatsrat, setzt großes Vertrauen in den klugen, charmanten, keinesfalls humorlosen Fandorin und schickt ihn, um den mysteriösen Fall aufzuklären, nach Berlin und Paris, nach London und St. Petersburg, wo ihn große Gefahren  für Leib und Leben erwarten; denn schließlich gilt es, eine vermutete Weltverschwörung aufzudecken.

Just als Fandorin, aus dem die mindestens sechsmal lebensgefährliche Verbrechersuche einen genialen Ermittler gemacht hat, die liebreizende Tochter eines Wirklichen Geheimrats geheiratet hat, explodiert ein Geschenkpaket. Fandorin - inzwischen den Wladimir-Orden am Revers - überlebt natürlich (denn weitere Fandorin-Fälle werden folgen), aber seine entzückende Braut Lisanka muss dran glauben. Als Fandorin "den schmalen, im Ellbogen abgerissenen Mädchenarm mit dem goldenen Ringlein am vorletzten Finger der rechten Hand" entdeckt, werden seine Schläfen augenblicklich schlohweiß, "als wäre ein Reif darüber hinweggegangen".

Akunins Krimi zeichnet sich durch Tempo und Einfallsreichtum aus, vom Anfang bis ganz zum Ende jagt eine Überraschung die andere. Ich schließe mich dem "Moskauer Echo" an, das schreibt: "Ein Leser, der ein Buch von Akunin zur Hand nimmt, muss wissen, dass er nichts mehr erledigen, kein Fernsehprogramm mehr sehen und nicht eher einschlafen wird, bis er diesen Krimi bis zur letzten Zeile gelesen hat."

Soeben erschien Akunins nächster Krimi "Türkisches Gambit", in dem wieder Erast Fandorin ermittelt. Nach allem, was er im ersten Krimi erleben und überleben musste, wünsche ich ihm (und mir), dass ihm in seinem weiteren Ermittlerleben nicht mehr gar so oft "eine verräterische Röte" ins Gesicht schießt...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 16.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Fürchte nicht das Gericht, fürchte einen ungerechten Richter.
Sprichwort der Russen
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