Belletristik REZENSIONEN

Der kein Misanthrop sein will...

Russe
Der Retter der Taiga
Geschichten von ungesühnten Verbrechen und verhängnisvollen Leidenschaften
Aus dem Russischen von M. David Drevs
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 199 S.
 
In allen diesen fünfzehn "Geschichten von ungesühnten Verbrechen und verhängnisvollen Leidenschaften" geht es um die "Neuen (reichen) Russen". Da ist Nikolai, der in einer nach sowjetischen Maßstäben wohlhabenden Professorenfamilie zur Welt kam. Eines Tages sagte er "Leckt mich!" und stieg groß ins vitaminreiche Moosbeerengeschäft ein. Als er genug Geld hatte, erfüllte er sich seinen Lebenstraum: Er errichtete im entfernten Winkel seines Landgutes ein schmuckes Krankenhaus mit einer Leichenhalle und einem Friedhof und gebärdete sich als Chirurg. Unter dem Motto "Probieren geht über Studieren" erlernte er im Laufe der Zeit die nötigen Handgriffe, wenn auch selten eine Operation glimpflich verlief... Und da sind Olga und Nikolai, sie, zwanzig Jahre jünger als er, hat bald schon einen Liebhaber. Wie er diesen ausschaltet, ohne ihn ganz auszuschalten - das geht nur mit viel Geld... Und da ist der Banker Dmitri, ein Produkt der großen russischen Literatur, seine Lieblingsautoren sind Fjodor Dostojewskij und Lew Tolstoj. Nach dem Vorbild russischer Romane des 19. Jahrhunderts errichtet er als Barin (Gutsbesitzer) ein Dorf mit Leibeigenen und veranstaltet zu seinem Vergnügen grauenvolle Gewaltexzesse. Wahrlich fünfzehn kriminelle Karrieren...

Falls es noch russische (russländische, wie der Autor richtig sagt) "Geldsäcke" gibt, die nicht wissen, wohin mit ihren Millionen (oder Milliarden), Wladimir Tutschkow bietet ihnen dieses "Lehrbuch" an - als Beweis, dass sich im heutigen modernen Russland jeder, der Geld hat, alles, aber auch wirklich alles, kaufen kann. Seine außerordentlich ungewöhnlichen Erzählungen sind grotesk, überraschend, komisch, auch grausam. Durch und durch ist mir die Geschichte von dem neureichen Vater gegangen, der zwei Söhne hat. Mit zwölf Jahren ermordet der jüngere den älteren Bruder kaltblütig, weil er weiß, dass er als Zweitgeborener immer hintan stehen würde. "Und der Vater wusste all das noch viel besser. Eben deshalb hatte er in weiser Voraussicht und mit Geschick die Rivalität unter den Kindern geschürt, damit am Ende der Stärkere übrig blieb." So und ähnlich böse sind viele der Erzählungen Tutschkows.

Wladimir Tutschkow, 1949 in Moskau geboren, gehörte nach dem Studium der Elektronik zu den Pionieren der russischen Computer-Szene. Nach einer Buchlesung zur Frankfurter Buchmesse 2003 fragte ein Zuhörer den Schriftsteller nach seinem Verhältnis zum Internet. Tutschkows Antwort: "Vor drei Jahren schrieb ich das Buch `Der Tod kommt durchs Internet´, in dem ich in allgemein verständlicher Form von Verbrechern in den Häusern neuer russischer Bankiers erzähle. Einige Geschichten daraus finden sich in `Der Retter der Taiga´. Ich denke, bestimmte Fertigkeiten, die ich beim Entwickeln von Computern erworben habe, helfen mir, ausgeklügelte Geschichten zu entwerfen."

Ausgeklügelt sind sie, ein gar düsteres Bild der russländischen Gesellschaft vermittelnd? Ein düsteres Bild verneint Tutschkow, wenn er in einem Interview sagt, dass er versuche, doch eher durch leichte Ironie anzudeuten, dass dies keineswegs die objektive Realität sei, sondern nur eine bestimmte Wahrscheinlichkeit der Realität. "Eine Art Untersuchung in Bezug gesetzt zu historischem Material, das wiederum auf die klassische russische Literatur des 19. Jahrhunderts anspielt." Offenbar, meint Tutschkow, habe er eine Art ironisches Bewusstsein. "Ähnlich wie Daniil Charms, der in seinen Gedichten paradox und düster erscheint und über den Tod scherzt, aber deswegen keineswegs ein Misanthrop war."

Wladimir Tutschkow stand mehrmals auf der Auswahlliste für den Andrej-Bely-Preis, wurde zweimal für den Anti-Booker-Preis nominiert und erhielt den Literaturpreis der Zeitschrift "Nowy mir" für seine ironisch-zeitkritischen Geschichten über den Neuen Russen - "der sozialen Zugehörigkeit nach ein Mittelding zwischen Bankier und Bandit - man könnte `Bandier´ sagen" - so der Kultautor Viktor Pelewin.

Wie oft habe ich mich schon darüber geärgert, dass die Worterklärungen am Schluss eines Buches vorne nicht angekündigt waren. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat in seiner Deutschen Erstausgabe diese leserfreundliche Geste Gott sei Dank nicht versäumt. Erfreulich, denn sonst wäre mir die Titel gebende Erzählung mit den vielen jakutischen Begriffen nahezu unverständlich geblieben.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de 
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Am 13.09.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Mit ein bisschen Grips kann selbst ein Idiot reich werden.
Sprichwort der (Neuen) Russen

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