Belletristik REZENSIONEN

Von einer grauen Maus zur schönen Eva

Russin
Die Frau mit dem Engelsgesicht
Kriminalroman
Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2002, 404 S.

Russin
Ein Püppchen für das Ungeheuer
Kriminalroman
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003, 311 S.

"Mein Thema", behauptet die in St. Petersburg lebende Viktoria Platowa, "ist der Durchschnittsmensch in ungewöhnlichen Situationen." Dieser Durchschnittsmensch ist in ihrem ersten deutsch erschienenen Kriminalroman Die Frau mit dem Engelsgesicht eine "graue Maus": "willenlos, rückgratlos, eine alternde fade Schrippe, ohne Pep, alles andere als abenteuerlustig, eine total taube Nuß",  (aber saufen kann´se). Ihr Hauptmerkmal besteht darin, sich anderen anzupassen - auch ihrem besten Freund, mit dem sie zusammen Drehbücher schreibt und der, traurig aber kriminalromanwahr, einen frühen Tod stirbt. Ihr nächster Freund überredet sie - für eine ganze Menge Geld - pornographische Drehbücher zu schreiben. Als "fade Schrippe" für einen solchen fiesen Job eigentlich denkbar ungeeignet, schlägt sie sich in diesem Metier so wacker, dass daraus im wahren Leben Mord und Totschlag wird...

Als der grauen Maus klar wird, dass auch sie auf der Todeskandidatenliste steht, unterzieht sie sich vom wacker verdienten Geld einer Schönheitsoperation: aus der "grauen Maus" wird die "schöne Eva", die auf der Flucht vor ihren Mördern ist. Absichtlich (Wir wollen es ihr abnehmen.) will die nunmehr rothaarige Eva niemanden töten, doch um sich zu verteidigen, muss der und die eine oder andere ziemlich grässlich dran glauben. So zieht denn Eva eine blutige Todesspur nach sich, wie die Autorin schreibt, die das Filminstitut in Moskau absolviert hat und sich so einen Durchschnittsmenschen vorstellt

Hat sich die Serienheldin im ersten Buch "nur" verteidigt, so lockt sie im zweiten deutsch erschienen Krimi Ein Püppchen für das Ungeheuer "eigenhändig Menschen in eine tödliche Mausefalle". Und das nicht zu knapp und ganz und gar nicht zimperlich. Damit man das Buch nicht angewidert weglegt, hat die Platowa der schönen Eva bei einem Autounfall das Gedächtnis geraubt. Ein angeblicher Freund versichert ihr, dass sie Anna ist, die zwei Morde auf dem Gewissen hat. Da kennt die nunmehrige Anna keine moralischen Skrupel mehr und wird zu einer "seelenlosen Maschine". Nichts regt sich in ihr, als sich Fisch, der sie liebt, eine Kugel ins Herz jagt, als der Journalist Jegor Samarin getötet wird, als Maschinenpistolen Andrejs Körper durchlöchern. Zu ergänzen wäre nur, dass "die graue Maus", alias "die schöne Eva" alias "das Miststück Anna" bei diesen barbarischen Todesfällen ihre zarten Hände im Spiel hat. Anna selbst über sich: "Ein Lockvogel, eine trojanische Stute, eine kaltblütige Mörderin, eine Geheimagentin, die nicht aus Zwang handelt, sondern nach ihrer eigenen perversen Inspiration." Kann - so fragt man sich - eine solche ekelhafte Serienheldin "funktionieren"? Will man nicht auch in einem Krimi wenigstens den Haupthelden oder die Hauptheldin positiv dargestellt haben? Das jedenfalls habe ich bisher angenommen. Aber: Viktoria Platowa ist - neben der Marinina, der Dankowtsewa und der Daschkowa der neue Star am Himmel der russischen Kriminalliteratur. Ihre Bücher erreichen Millionenauflagen, ihre Serie um die verführerische Eva Apostóli läuft erfolgreich im russischen Fernsehen.

Einige Textproben gefällig?

"Sirins zerplatzter Schädel wirkte darauf so anmutig wie die Stilleben der niederländischen Maler."/Ein paar Blutspritzer und Hirnmasse landeten in meinem Gesicht. Wie durch Watte hörte ich Vlas ("mit seinem propperen Hintern und gut geölten Schwanz") im Nebenzimmer schreien. Ich bewegte mich auf den Schrei zu, so wie ich gerade war, nackt, mit der Pistole in der Hand, und wischte mir im Gehen den Inhalt des fremden Kopfes aus dem Gesicht."/"Mein zärtlicher Irrer fing schon im Fahrstuhl an, mich auszuziehen. Die Wohnungstür kriegte er genauso schnell auf wie ich die Häkchen an meinem Kleid - und nahm mich gleich da, im Flur, auf dem abgenutzten Parkett: Vermutlich hielt er das für den Gipfel der Leidenschaft."/"Leckt mich doch alle. Bestell diesem Arsch, daß ich auf Schlampen nicht reinfalle. Und wenn sie darauf spekulieren, daß ich einen Bullen mit Silikontitten ficke, dann sollen sie mir nicht so oft in die Eier treten."

Was, so frage ich mich, veranlasst den renommierten Berliner Aufbau (Taschenbuch)Verlag - der etwa zeitgleich Rybakows "Die Kinder vom Arbat" und Nabokovs "Lolita" herausgab - Bücher solcher Couleur zu bringen?

Der Aufbau-Verlag wird am 18. August 2005  sechzig Jahre alt. Obwohl der neue Aufbau-Verlag dem alten nur noch in Teilen ähnelt, steht er noch immer für literarischen Anspruch. Hoffentlich bleibt es so...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de 
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Am 30.04.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Näh dir weite Ärmel, Witwe, damit du die
vielen Lügen verstecken kannst, die man über dich verbreitet.
Sprichwort der Russen

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