Belletristik REZENSIONEN

Wer begraben wird, muss nicht gestorben sein...

Andrej Kurkow
Pinguine frieren nicht
Aus dem Russischen von Sabine Grebing
Diogenes Verlag, Zürich, 2003, 536 S.
Russe; u. a. über die Ukraine, Russland, Tschetschenien
Ganz gewiss erinnern sich Andrej Kurkows Stammleser, dass in dessen Buch "Picknick auf dem Eis" Mischa-Pinguin vom Buchhelden Viktor Solotrew im Krankenhaus zurückgelassen wird, als er - des Pinguins Platz im Flugzeug einnehmend - vor seinen potentiellen Mafia-Mördern in die Antarktis ausbüchst. In seinem neuen Buch Pinguine frieren nicht verspricht Viktor (und der Autor Andrej Kurkow), dass er diese Zurücklass-Schuld unbedingt begleichen würde. Mir scheint, der Autor hat sich mehr schuldig gegenüber seinen Lesern gefühlt, als gegenüber seinem flugunfähigen Haustier; denn Kurkow ist zu Buchlesungen immer und immer wieder von seinen Zuhörern (auch von mir) gefragt worden, warum in seinen nachfolgenden Büchern "Ein Freund des Verblichenen" und "Petrowitsch" der allen ans Herz gewachsene schwarzweiße Polarvogel nicht mehr auftaucht...

Nun also erzählt Kurkow, wie Viktor, der aus der Antarktis in die Ukraine zurückgedüst ist, auf abenteuerlichen Wegen sein extrem dem Wasser angepasstes Haustier wieder findet, und auf welch mindestens ebenso spannende Weise er sein exotischer Hausgenosse letztendlich in die nasse, kalte Freiheit entlässt. Für artgerechte Tierhaltung sensibilisiert, bin ich nun doch froh, dass der Königspinguin in Zukunft nicht mehr in zwei Stübchen und Küche hausen muss.

Immer im Zusammenhang mit Mischa-Pinguin verschlägt es Viktor an turbulente Schauplätze: Von der Arktis zurück  nach Kiew (wo der Autor und sein ukrainischer Buchheld leben), weiter nach Moskau, Tschetschenien, zurück in die Ukraine, weiter nach Kroatiens Hauptstadt Split und noch weiter nach Argentinien statt wie erwartet zurück in die Antarktis. Trotz des vielen Ortswechsels ist Pinguine frieren nicht ein Buch über das Leben in der postsowjetischen Ukraine. Da kann einer, der wie Viktor "Köpfchen hat", sogar Abgeordnetenberater werden. (Abgeordnete dagegen werden die, die massig Geld haben und die, die schön korrupt sind...) Neben Abgeordneten und Abgeordnetenberatern treten in Kurkows neuem Buch unter vielen anderen Bodyguards auf und Krematoriumsbetreiber, Afghanistan- und Tschetschenienkämpfer, Sportler ohne Beine, die sich - eine der grandiosen Ideen Viktors - dem Sport des Armdrückens verschrieben haben.

Alles ist wie im richtigen Leben. So lernt Viktor über das Internet zwei Kroaten kennen, die gar keine Kroaten sind, sondern serbische Bosnier, deren Trip angeblich in die Antarktis von einem dritten Mitreisenden mitfinanziert werden soll. Viktor, der seinen Pinguin ausgerechnet in Tschetschenien wieder gefunden hat, hat beschlossen, ihn in der Antarktis auszusetzen. Aber die als Kriegsverbrecher gesuchten serbischen Bosnier haben mit der klirrend kalten Antarktis gar nichts im Sinn, sondern segeln Richtung warmes Argentinien. Auf dem Seeweg dorthin gedenken sie, Viktor über Bord zu werfen. Aber da haben sie die Rechnung ohne des einen Töchterlein gemacht, die nämlich will den Viktor heiraten. Der Vater gibt sich schließlich geschlagen, an Bord findet die Hochzeit statt, und bald schon sind sie alle eine einträchtige Familie ("Slawen sollten zusammen halten.") - die Kriegsverbrecher, deren zielbewusstes Töchterlein und Viktor, der nun auch kein Armdrücken-Trainer mehr sein wird, sondern Bäcker, wie ihm sein Schwiegervater in Aussicht stellt; denn in Argentinien wartet schon ein großes Haus und ein Restaurant und bald auch eine Bäckerei: "(...) ich lehre dich das Handwerk meines Vaters. (...) Brot wird überall gebraucht."

Andrej Kurkow hat eine überbordende Phantasie, unbestreitbares Schreibtalent, ist sprachkundig (laut Verlag spricht er elf Sprachen, u. a. Japanisch), hat Humor (in der Art: "Vom Krankenhaus zum Friedhof ist es nicht weit. Selbst wenn man gesund ist.") Doch es geht in Kurkows Büchern von Mal zu Mal schauerlicher zu, diesmal - wenn Obdachlose an Stelle von Chefredakteuren oder Mafiabossen ins Grab gesenkt oder wenn Lebende in Krematoriumsröhren verbrannt werden. Es tut mir leid: Aber richtig spannend ist dieser Nachfolgeroman trotzdem nicht und - auch nicht anrührend. Aber genau dies beides war "Picknick auf dem Eis", Kurkows erster deutsch erschienener Roman.

Und natürlich gehören in postsowjetische Bücher absurde Sexabenteuer, hier mit der niedlichen Prostituierten Sweta, mit der Koreanerin Marina, mit der serbischen Bosnierin Vesna. Da verwundert an anderer Stelle (S. 310) das Kinderwort Po statt Arsch - wie es bei Sorokin und Jerofejew geheißen hätte. Die bei vielen russischen Autoren übliche Fäkaliensprache ist bei Kurkow nicht angesagt.

In meiner Rezension zu "Ein Freund des Verblichenen" fragte ich mich, warum der Verlag Kurkows als Romane ausgewiesenen Bücher nicht als Krimis bezeichnet. Inzwischen ist zu fragen, warum er sie nicht Thriller nennt...

Übrigens: Andrej Kurkow hat im Oktober 2003 im Bergzoo in Halle eine Patenschaft für den blinden Pinguin Hedwig übernommen. Infolge einer Virusinfektion erblindete Hedwig (13) vor zwölf Jahren, kann auch nicht mehr schwimmen und lebt allein in der Voliere bei der Siedlung der Humboldt-Pinguine. Leider war nicht herauszukriegen, was diese Patenschaft beinhaltet.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Es gibt keine schöneren Geschichten, als die, die das Leben schreibt.
Sprichwort der Ukrainer

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