belletristik REZENSIONEN

Von der Sichtagitation zur Reklame

Russe
Buddhas kleiner Finger
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Verlag Volk & Welt, Berlin 1999, 2. Auflage, 422 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz M.)

Tschapajew und Petka durchschwimmen im MG-Feuer der Weißen einen Fluss. Tschapajew droht zu ertrinken, lässt aber seinen Koffer nicht los. "Lass doch den Koffer los", schreit Petka, "wir saufen ab!" Darauf Tschapajew: "Geht nicht! Da sind die Generalstabskarten drin!" Wie durch ein Wunder gelangen sie ans andere Ufer. Petka öffnet den Koffer und sieht, dass er voller Kartoffeln ist. "Wo sind denn die Generalstabskarten?", fragt er. "Das sind sie doch", sagt Tschapajew und nimmt in jede Hand eine Kartoffel.  "Das sind wir. Und das sind die Weißen."

Solche Witze - manchmal geistreich, oft obszön - über den schon legendären Truppenführer Tschapajew  "galten", schreibt Pelewin "Anstelle eines Nachworts", "als ein Riesendepot gratis zu beziehender Beruhigungsmittel". Anfang der neunziger Jahre, als die russische Privatisierung begann, schienen sie in Vergessenheit zu geraten. Doch dann schwappte eine neue Welle von Witzen über Russland hinweg - diesmal Witze über die so genannten Neuen Russen: Typen in grell himbeerfarbenen Sakkos, mit Handy, Kalaschnikow, dickem Goldkettchen "und die Finger seltsam verrenkt (Gangsterzeichensprache). Der sozialen Zugehörigkeit nach ein Mittelding zwischen Bankier und Bandit - "man könnte sagen", meint Pelewin, "ein `Bandier´." Das Verblüffende: In den Witzen von den Neuen Russen ist der alte russische Mythos vom Feldkommandanten auferstanden. "Auch ihm, dem Neuen Russen, kann keiner. Er ist die Macht auf seinem gewählten Territorium und wird einzig von seinesgleichen in die Schranken gewiesen. Die Feldkommandeure im Bürgerkrieg der zwanziger Jahre fuhren mit `Tatschankas´ durch die Welt: dreispännige Kaleschen mit Maschinengewehr am Heck. Die Neuen Russen fahren zumindest in den Witzen [und Kriminalromanen] - ausschließlich 600er Mercedes S-Klasse, und im Kofferraum liegt eine MPi. (...) Der sowjetische Kosmos, wie er bis zur Perestroika existierte, jener klapprige zahnlose Stalinismus mit Gorbatschows menschlichem Antlitz, ist bis auf die Grundfesten zerstört. Russland fiel zurück in die Epoche der Frühzeit, gelangte wieder zur Titanomachie, zum Kampf der Feldkommaneure. Und wieder herrscht eine Ideologie, nämlich die des oligarchischen Konsumismus - bestehend in dem Glauben, die immer exzessive Konsumtion durch eine immer geringere Zahl von Ex-Kommunisten wäre der Weg zum simplen menschlichen Glück. Was zu Sowjetzeiten die Sichtagitation war - die verordnete Hirnwäsche, die einen dazu zwang, im Reich des Witzes Zuflucht zu suchen - finden wir heute in der Reklame."

Der Originaltitel von Buddhas kleiner Finger lautet "Tschapajew und Pustota" (1996) - damit sind die beiden Haupthelden des Romans genannt. Hinter Wassili Tschapajew - im Roman ein weiser Mann, der eigentlich längst im Nirwana residiert und nur dadurch, dass er, wenn er mit dem (linken) kleinen Finger  Buddhas auf eine Erscheinung weist, diese ihre wahre Natur offenbart und ins Nichts verschwindet  - "verbergen sich vier grundverschiedene Personen", schreibt Pelewin. "Da wäre zunächst der realhistorische Träger dieses Namens, ein Offizier in der Roten Armee, der anno 1919 mit seiner Truppe im Vorland des Uralgebirges gegen die Weißen kämpfte [und 1919 im Ural ertrank, von Kosakenkugeln getroffen]. Zweitens die Hauptfigur aus einem gleichnamigen Film der Gebrüder Wassiljew in den dreißiger Jahren [1934], einem der bedeutendsten und beliebtesten sowjetischen Filmklassiker. Drittens kennen wir Wassili Iwanowitsch Tschapajew aus einer zu Sowjetzeiten weit verbreiteten Endlosserie von Witzen, worin außer ihm noch sein Adjutant Petka, Kommissar Furmanow und die schöne Maschinengewehrschützin Anna vorkommen. Und viertens gesellt sich der literarische Held zweier Tschapajew-Romane dazu. Den einen schrieb [1923]  Dmitri Furmanow [1891-1926], der zuvor Politkommissar des authentischen Tschapajew gewesen war. (Sein Buch diente dem Film der Wassiljews im weitesten Sinne als Vorlage.) Den anderen habe ich geschrieben - oder sagen wir, auch in meinem Buch gibt es eine handelnde Person, die Wassili Tschapajew heißt" - und die weise Gelassenheit des Buddhismus ausstrahlt.

Pelewins Buddhas kleiner Finger führt im Schnelldurchlauf durch achtzig Jahre russische Geschichte. In Pelewins Buch ist der sechsundzwanzigjährige Avantgarde-Dichter Pjotr Pustota 1919 wegen frecher Verse aus Petrograd nach "Moskau auf der Flucht, um sich dem Zugriff der Geheimpolizei zu entziehen. Aber Grigori von Ernen, ein Freund aus Kindertagen, bei dem er untertauchen will, gehört selbst zur Truppe - von Kopf bis Fuß in schwarzem Leder, das Pistolenhalfter an der Hüfte baumelnd, eine absurde Art Hebammenköfferchen in der Hand - und will ihn ausliefern. Im Handgemenge erwürgt der Dichter den miesen Freund und muss flugs in dessen Rolle schlüpfen, weil zwei Matrosen der Revolutionsgarde die leider nunmehrige Leiche - "in Tschekistenquartieren ein üblicher Einrichtungsgegenstand" - zu einem Einsatz abholen wollen. Der Einsatz besteht im Ausheben des literarischen Cabarets "Spieldose", in dem sich die dekadenten Dichter der hinweggefegten Zaren-Epoche treffen. Pustota kann den gealterten, abgemagerten Dichter Waleri Brjussow - der am Tisch mit Alexej Tolstoi sitzt - gerade noch hinausschicken und donnert dann ein revolutionäres Stegreif-Gedicht nach Majakowski-Manier ins verblüffte Publikum. Darauf geht ein munteres Gemetzel los, bis vom literarischen Cabaret nichts mehr übrig ist. Pustota wird von der Anstrengung ohnmächtig und erhält eine Injektion. Sogleich befindet er sich in einer Gruppensitzung in der der Psychiater von mexikanischer Seifenoper, Hollywood-Thriller und ungefestigter russischer Demokratie faselt. Er erwacht jedoch in seiner Welt von 1919, wo ihn der legendäre Armeeführer Tschapajew mit Guru-Qualitäten als Kommissar für seine Truppe anheuert, beeindruckt von dessen Auftreten in der "Spieldose".

Aus solchen Zeitsprüngen - im ersten Kapitel lebt Pustota im Jahre 1919, im letzten 1991 - besteht Pelewins Roman: Hier die Zeit des Bürgerkrieges, da die "Neuaufteilung der Reviere mit Handy, Pump-gun und Kokain, am Ende sogar in jener Halbwelt-Bar in Moskau, wo dereinst ein literarisches Cabaret zu finden war". (Gregor Ziolkowski) Der (zweitrangige) Dichter Pustota hetzt nicht einfach nur zwischen den Zeiten herum, er ist auch besessen von der Suche nach Wirklichkeit, beseelt von dem Wunsch, aus dem Traum auszubrechen. Sein Psychiater aus den neunziger Jahren rät ihm, seine Träume aufzuschreiben, und Tschapajew findet das 1919 völlig in Ordnung. Alle Figuren und Geschichten des Romans existieren nur im Kopf Pustotas, sind Zitate aus alter und neuer Mythologie, Produkte der totalen Visualisierung der Welt. Pustota heißt im Russischen "Leere". Und Leere gilt im Mahayanabuddhismus als etwas Wahrnehmbares, das nur Form ist, aber keinerlei Inhalt hat.

Wie nach der Wende in der DDR gab es seit dem gesellschaftlichen Umbruch in der Sowjetunion große Erwartungen an die Literatur. Das Augenmerk richtete sich auf etablierte Autoren, die zuvor Schwierigkeiten hatten, ihre Werke zu veröffentlichen. Doch heute zeigt sich, dass die Texte zu "Russland heute" - "Sowjetmacht minus Ideologie" - im wesentlichen die neue russische Autorengeneration verfasst hat: Sorokin, Jerofejew, "Slapovsky, Tutschkow, Terechow, Denežkina, Senčin...

"Fulminant", "vergnüglich", "raffiniert", "gehaltvoll"... meinten die Kritiker in Deutschland. "Ein Thriller", "eine love story", "eine Sammlung von Kalauern" fanden die Kritiker in Russland. Einer der vielen Pelewin zugetanen Kritiker schreibt, dass dessen Roman so "gestrickt" sei, dass man eine halbe Stunde lacht, eine halbe Stunde weint, eine halbe Stunde lacht, eine halbe Stunde weint... Mir scheint, dass an allem ein bisschen dran ist. Jedenfalls ist Buddhas kleiner Finger ein recht unterhaltsamer Roman, in dem sich Philosophien und Mythen, Ying-Yang und Kosakenromantik, Seifenoper und Cyberspuk, Komisches und Tragisches, Geschichte und Gegenwart in interessante Bilder verwandeln. Bis jetzt ist es nicht gelungen, Pelewin in eine Schublade zu stecken. Deshalb nennt Wladimir Kaminer dieses Genre einfach "Viktor Pelewin". "Das Genre Pelewin", schreibt Kaminer in der "taz" (am 26. März 1999), "ist eine der wichtigsten literarischen Hervorbringungen Russlands in den Neunzigern." Ein Tipp zum besseren Verstehen dieses nicht leicht zu lesenden Buches: Lesen Sie Pelewins "Anstelle eines Nachworts", bevor Sie mit der Lektüre von Buddhas kleiner Finger beginnen, dann verstehen Sie manches skurrile Abenteuer besser. Jewtuschenko  sagt in seiner Autobiographie "Der Wolfspass", dass es in  Buddhas kleiner Finger neben starken Abschnitten auch "Dünnbier" gibt. Bin ich begeistert von Pelewins Roman "Das Leben der Insekten", so lässt mich Buddhas kleiner Finger ziemlich ratlos zurück. Vielleicht sollte man es ein zweites Mal lesen?

Im "Magazin" entdeckte ich einen e-mail-Briefwechsel zwischen Pelewin - "Mit einem Bein in der Satire, mit dem anderen in der Philosophie, mit beiden fest in der Realität" (Christoph Keller)  - und seinem exzellenten Übersetzer Andreas Tretner - 1959 in Gera geboren, er ist Russist und Bulgarist. Wladimir Kaminer nennt ihn einen "Superübersetzer". "Ich habe beide Fassungen gelesen: die deutsche ist noch besser als das Original." In diesem Briefwechsel hat Tretner viele Fragen an Pelewin, z. B. fragt er: "Tschapajew äußert sich [in Deinem Buch] über französischen Kognak: Er rieche nach Wanzen. Ist das ein Feinschmeckerurteil? Wie riechen denn Wanzen?" Pelewins Antwort: "Der Kognak riecht nach Wanzen, verlaß Dich drauf. In Rußland weiß man seit langem, daß guter Kognak nach zerquetschten Wanzen riechen muß. Nicht weil es hier viel guten Kognak gäbe, sondern weil es hier so viele Wanzen gibt." Als Pelewin einmal nicht schnell genug auf Tretners Übersetzer-Fragen antwortet, erbittet Tretner als Entschädigung einen Tschapajew-Witz. Pelewin reagiert prompt: "Wassili Iwanowitsch, können Sie einen ganzen Liter Wodka trinken?" - Kann ich, Petka." - "Zwei Liter auch?" - "Klar!" - "Und einen ganzen Eimer Wodka?" - Nee, Petka, das nun nicht. Einen ganzen Eimer auf ex - das kann nur der Große Lenin." "Tja, mein Lieber", mailt Pelewin, "Du hast es so gewollt. Tschapajew-Witze sind zäh."

Und zum Abschluss noch ein Tschapajew-Witz, den mir meine russische Freundin Nina erzählte: Eine Schulklasse kommt ins Moskauer Revolutions-Museum. Dort steht ein Skelett. "Was ist denn das für ein Skelett?" - "Das ist ein Skelett von Tschapajew." - "Und das viel kleinere daneben?" - "Das ist das Skelett von Tschapajew in seiner Jugend."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de 

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Am 09.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Ohne gefressen zu haben, geht auch ein Fuchs nicht ans Beten.
Sprichwort der Russen

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