Belletristik REZENSIONEN

Kein simpler Reißer

Russin
Im Antlitz des Todes
Anastasijas achter Fall
Aus dem Russischen von Natascha Wodin
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2003, 345 S.

In Anastasijas (Nastjas) achtem Fall hält sich die Ermittlerin Kamenskaja erstaunlich zurück. Wieder begegnet uns ihr ungeheurer Kaffeekonsum, ihr schmerzender Rücken, ihr Mann Ljoscha Tschistjakow. Aber von ihrer ungeheuren Kombinationsgabe und ihrem außergewöhnlichen Gedächtnis ist in Im Antlitz des Todes wenig zu spüren. War es der Autorin Absicht, dass sich der Leser im achten Buch von der ständigen Ermittlerin und ihren Absonderlichkeiten erholen sollte? Was nicht verkehrt ist, denn die Machart der Marinina und ihre superkluge Kriminalistin (die sich vor dunklen Straßen fürchtet) ging einem schon auf den Wecker. Nun aber - so unberechenbar ist der Leser - hat mir Nastja ganz schön gefehlt. Auch ihr Chef Gordejew, genannt Knüppelchen, spielt diesmal eine ziemlich untergeordnete Rolle. Sein Name wird gerade mal erwähnt, wohl damit er bis zum Fall Neun nicht ganz in Vergessenheit gerät. Als Hauptheld der Miliz agiert in Anastasijas achtem Fall Jura Korotkow von der Petrowka 38 (dem Hauptgebäude der russischen Miliz), den wir auch schon aus Marinas vorangegangenen Fällen kennen.

Auf Seite 47 bekennt die Autorin, dass es sehr schwer sei, den schmalen Grat zu finden zwischen psychologischem Thriller und einem simplen Reißer. Nun, der Marinina ist mit Im Antlitz des Todes (was für ein einfallsloser Titel...) tatsächlich ein spannender psychologischer Thriller gelungen, den der Verlag schlicht einen "Roman" nennt. In diesem "Roman" wird Mila (Ljudmila Schirokowa) ermordet. Sie ist ein wollüstiges Flittchen und die engste Freundin von Ljuba Sergienko. Die beiden Mädchen hatten sich in die Türkei auf den Weg gemacht, wo sie (angeblich) eine gut bezahlte Arbeit in einem Vier-Sterne-Hotel erwartete. Natürlich wurden sie geprellt - um Stelle und Gehalt. Da sie das Geld für ein Rückfahrticket nach Moskau nicht hatten, verdingten sie sich weit unter ihrem Niveau. Mila ließ Ljuba im Stich, ohne ihren Anteil für die gemeinsame Bleibe zu bezahlen und trieb das nötige Geld für die Heimkehr auf ihre Weise auf. Ljuba, anständig und schüchtern, hungerte und schuftete sich das Geld zusammen. Als sie endlich wieder in Moskau eintrifft, erfährt sie, dass ihr langjähriger Freund inzwischen die raffinierte Mila geheiratet hat. Da glauben natürlich einige Bekannte und Beamte den Mörder (die Mörderin) Milas zu kennen. Doch die Miliz-Beamten in diesem Thriller halten nichts von einfachen Lösungen, ermitteln emsig weiter und stoßen schließlich in Ljubas Freundeskreis auf ein Jahrzehnte altes Geheimnis...

Oft weiß ich schon weit vor dem Schluss des Krimis die richtige Lösung. Diesmal hatte ich keinen blassen Schimmer...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 10.06.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 05.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Im Alkohol ertrinken mehr Menschen als im Wasser.
Sprichwort der Russen.

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