Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Zwischen Nichtmehr und Nochnicht...
 
Russe
Moskau-Berlin
Strassenbilder
Zweisprachig. Aus dem Russischen von Jewgeni Simanowitsch
Herausgegeben vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst
ESPRESSO Verlag, Berlin 2000, 95 S.
 
Die  siebzig Fotos dieses Bildbandes sind jeweils von Strassen aus fotografierte Aufnahmen  - das ist wahr. Der Untertitel des Fotobandes Moskau-Berlin ist also stimmig. Aber erfüllt Valerij Stignejew auch die Erwartungen, die man nach dem Lesen von Vorwort (Peter Jahn) und Einleitung (Karl Schlögel) hegt? Nicht in jedem Falle!

Stignejews Aufnahmen nämlich - und dies ist das wahre Anliegen des Buches - sollen Zeugnisse des Umbruchs sein aus den beiden Hauptstädten Deutschlands und Russlands, den beiden größten Ländern Europas. Über die Vergangenheit, polemisiert Schlögel, könne jeder reden, Resultate und Ergebnisse seien bekannt. Auch über die Zukunft, die niemand kennt, lasse sich gut streiten und philosophieren. Mit der Gegenwart aber, die uns am nächsten und am fernsten sei, verhalte es sich anders: "Gegenwart ist das Nochnicht und Nichtmehr in einem."

Stignejews Aufnahmen sind keine Dokumentarfotos, sondern künstlerische Fotografien, "anspruchsvolle Zeugnisse der Fotokunst" (Jahn), dies für mich besonders augenfällig bei dem Bild 67 "Bauarbeiten an der Schloßbrücke. Spreeinsel": Wir sehen unter blauem Himmel eine weiße Marmorskulptur auf weißem Marmorsockel., daneben, gewaltiger noch als die viele Meter hohe Skulptur einen knallroten Kran-Ausschnitt. Überhaupt sind bei Stignejew sichtbare Symbole für den Umbruch in beiden Städten immer wieder Baustellen, Baukräne, Baugerüste, Baubuden, Baugruben... Und Reklame fasziniert den Moskauer Fotografen: Werbung für Zigaretten, Dior-Kosmetik, Bier, McDonalds, westliche Filme... Da macht sich das schäbig gekleidete, krumme alte Mütterchen vor einem Hot Dogs-Verkaufsstand besonders gut (Bild 29). In diesem Sinne eindrucksvoll auch die über Gebühr große Westzigarette zwischen knallig roten Lippen und - winzig klein im Hintergrund ein verschwommenes Lenin-Denkmal. Hin und wieder sind auch Moskauer dargestellt, die selbstbewusst das Neue präsentieren (z. B. auf Bild 39 die Reihe hübschbeiniger Girls) oder die unbeirrt am Alten hängen (z. B. der Kriegsveteran mit Stalinporträt auf Bild 9). Was meint Karl Schlögel aber damit, wenn er schreibt, dass in Moskau, solange es sowjetische Hauptstadt war, Menschen in Fotobänden nur als Masse vorkamen, in einem Demonstrationszug marschierend oder einer Parade zujubelnd? Von welchen Fotobänden spricht er, welche kennt er? In diesem Bildband dagegen, meint Schlögel, seien sich die Moskauer nun wichtig genug, um sich selber ins Bild zu setzen. Welche Moskauer auf welchen Bildern?

Vielmals zeigt sich das neue Moskau in Beziehung zu den Silhouetten des alten, manchmal präsentiert es sich aber auch beeindruckend ganz und gar neu - mit dem Denkmal Peter des Großen von Zerenteli und der  wieder aufgebauten Kathedrale Christus des Erlösers an der Moskwa auf Bild 7. Spiegelt sich das neue Moskau meist durch Baugeschehen und grelle westliche Reklame, so spiegelt sich das neue Berlin oft in den Glasfronten des alten. Aber sollte Ost- und Westberlin nicht differenzierter voneinander unterschieden werden? Der Umbruch, um den es in diesem Bildband geht, hat doch vorrangig in Ost-Berlin stattgefunden.

Viele Fotos wirken durch Überblendung, Spiegelung, Überlagerung von mehreren Aufnahmen. Die meisten sind dadurch besonders reizvoll, einige aber einfach nur verschwommen und keine Spur von Umbruch (z.B. Bild 55 "Dekorationsarbeiten in einem Schaufenster des KaDeWe" oder Bild 38 "Poklonnajahügel in Moskau - Berlin Alexanderplatz").

Manchmal hätte es einer ausführlicheren Bildunterschrift bedurft, um dem Betrachter den Umbruch deutlich zu machen. So ist auf Bild 31 eine verrottete Fernwärmeheizung auf einem Hof an der Uliza Marosjejka zu sehen. Ein Umbruch? Ja, denn auf der vergammelten Hofmauer steht handschriftlich mit Ölfarbe der Hinweis Турагенство = Reisebüro geschrieben. Wo hat es in Sowjet-Moskau Reisebüros gegeben - wurden Reisen (sowohl ins sowjetische Inland als auch ins nichtkapitalistische Ausland) doch fast ausschließlich an Bestarbeiter in den Betrieben vergeben (was der westliche Fotobetrachter sicherlich gar nicht weiß...).

Stignejews Bildband enthält beeindruckend gute Fotos, doch das Anliegen, den Umbruch darzustellen, wurde bei der Fotoauswahl (Peter Jahn) nicht konsequent genug verfolgt: Verkaufsstände (Bild 65) wurden in Berlin auch schon vor dem Umbruchs auf- und wieder abgebaut, Menschen (Bild 15) gehen (auch in Moskau) seit eh und je durch herbstliche Parks (Bild 15), die Treppen im Europa-Center (Bild 49) rollten schon vor dem Umbruch, ebenso wie die beeindruckend ins Bild gesetzte Skulptur vor der Urania (Bild 52) schon seit Vor-Wende-Zeiten vor der Urania steht... Außerdem bemerkt der Betrachter den qualitativen Unterschied zwischen Stignejews wissendem Insiderblick (1937 geboren,  lebt er seit vierzig Jahren in Moskau) und seinem staunenden Außenseiterblick (in Berlin war er einige Male zu Besuch); denn einige Berliner Motive scheinen eher zufällig (z.B. der Bus 129 auf Bild 48) und der "Kurfürstendamm" (Bild 45), wo auch mit Lupe kein Umbruch auszumachen ist...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
Weitere Rezensionen zum Thema "Moskau":

  • Kay Borowski (Hrsg.), Bei mir in Moskau leuchten die Kuppeln. Eine Stadt im Spiegel ihrer Gedichte.
  • Claudia Erdheim, Eindrücke.
  • Andrea Hapke / Evelyn Scheer, Altrussische Städte.
  • Valeria Jäger / Erich Klein (Hrsg.), Moskau. EUROPA ERLESEN.
  • Edeltraud Maier-Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Sonia Mikich, Planet Moskau.
  • Sergio Pitol, Die Reise. Ein Besuch Rußlands und seiner Literatur.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
  • Karl Schlögel, Moskau lesen.
  • Gregor M. Schmidt / Christa Damkowski, Moskau und der Goldene Ring.
  • Elfie Siegl, Russischer Bilderbogen. Reportagen aus einem unbegreiflichen Land.

Am 30.04.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Dem Glück geht Neid zur Linken, Leid zur Rechten.
Sprichwort der Russen

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