Belletristik REZENSIONEN

Die Stunde X

Russe
Rattenjagd
Aus dem Russischen von Thomas Wiedling
Verlag C.H.Beck, München 2000, 416 S.

Erst hieß die Stadt im Kreis Tambow Jagoda - nach dem "Henker aus der Stalinzeit". Nach der Perestroika nennt sich die Stalinsiedlung aus den dreißiger Jahren Swetlojar - die Leuchtende, die Reine. Dieser lichte Name soll den Swetlojarern die Zuversicht vermitteln, dass auch ihrem Provinznest samt Fleisch-, Geflügel- und Wodkafabrik ein heller Weg in die Marktwirtschaft beschieden ist. Überhaupt: "Wer nicht ganz und gar bescheuert ist, muss sich seine Stadt selbst machen" - und die aus Swetlojar sind nicht ganz und gar bescheuert; denn ihr Bürgermeister hat beschlossen, dass Swetlojar als angebliche Altstadt des "Goldenen Rings" Touristen und Devisen in die Stadt bringen soll. Dazu ist es nötig, den erst einige Jahrzehnte alten Ort zur russischen Urstadt zu erklären - weshalb eine Tausendjahrfeier auszurichten und die Quelle des Don, des Vaters aller Flüsse, nach Swetlojar umzulegen ist. Wegen der Tausendjahrfeier wird, wer unliebsam ist, aus der Stadt ausgewiesen. Soldaten, Staatsschutzbeamte und Milizionäre ersetzen die fehlende männliche Bevölkerung, Frauen und Kinder werden vom Blindenverband und den Besserungsanstalten gestellt. Da Frauen fehlen, werden an die Soldaten Kopftücher ausgegeben - im Winter sehen sowieso alle gleich aus. Museen des ganzen Landes spenden kostbare Ausgrabungsstücke, die angeblich in Swetlojar ausgebuddelt wurden. Und so beweisen Archäologen und Historiker, dass die Stadt Swetlojar von Juri Dolgoruki gegründet wurde, genau an der Stelle, wo eine allseits bekannte Nonne gelebt hat, und wo es viele Himbeeren gibt. Vorläufig aber gibt es in Swetlojar wesentlich mehr Ratten als Himbeeren, weshalb aus Moskau zwei Rattenjäger - so genannte Deratiseure - gerufen werden. Sie sollen den Festsaal des vierundzwanzigstöckigen Hotels "Don" von den Nagern säubern, derer es hier so viele gibt, dass sie sogar von der feierlich-erhabenen Decke fallen... Und das geht ja nun wirklich nicht, haben doch der russische Präsident und der UN-Generalsekretär ihren Besuch angekündigt.

Etwa in der Mitte des Buches haben es die Ratten-erfahrenen Deratiseure mit ausgeklügelter Technik geschafft - der Festsaal ist rattenfrei. Doch jetzt fängt Terechow erst so richtig an. Der Ich-Erzähler - einer der Rattenfänger - gerät in die unglaublichsten Situationen, mal ist er Rattenjäger, mal Rattenopfer, mal Geisel, mal Terrorist, der die Ermordung des Präsidenten plant...

Die Geschichte, die Terechow erzählt, ist eine Gesellschaftsparabel in bester russischer Tradition, die das klassische Bild des Potemkinschen Dorfes neu variiert, und sie ist eine Parodie auf die Gegenwart, die Sumpf und Korruption der postkommunistischen Gesellschaft aufs Korn nimmt.

Der Roman ist in 18 Kapitel unterteilt. Als der Tag X auf Seite 365 endlich angebrochen ist, atmet der rattengestreßte Leser auf - endlich, denn trotz ungeheuerlicher Turbulenzen, der Autor hat sich wirklich große Mühe gegeben, wird das Buch mit der Zeit ein bisschen  langweilig.

Mit der Perestroika war die Enthüllungsliteratur angesagt. Die Verkaufszahlen stiegen in den Himmel und gingen relativ schnell wieder in den Keller; denn man wurde gar zu traurig, wenn man eine zu große Dosis Wahrheit verabreicht bekam. Diese Art Literatur ist dann auch als die "schwarze Literatur" in die Literaturgeschichte Russlands eingegangen. Die heutigen russischen Autoren überbieten sich in Action - der Leser darf aus dem Staunen nicht herauskommen. Irgendwann aber hat ein jeder Leser genug gestaunt und beginnt zu gähnen - was bei Rattenjagd wohl auch an dem zu großen Teilen abrupten Telegramm-Stil liegt, in dem die Personen sprechen - mit vielen nicht ausformulierten Sätzen. Der Verlag nennt den Roman grotesk (was stimmt) und charmant (was keineswegs stimmt). Was oder wer soll in diesem Buch charmant sein? Der Ich-Erzähler ist grob ("Noch mal uff se druff!"), vulgär, derb, rüde. Es bleibt ein Rätsel, warum eine seiner zeitweiligen Sex-Partnerinnen glaubt, dass ausgerechnet der Briefwechsel von Lew Tolstoj mit seinen Verwandten die richtige Lektüre für diesen ungehobelten Klotz sei...

Außerdem sei noch angemerkt: Die Ratten (die reinliche Tiere sind, bei denen jede Familie auf einem abgegrenzten Territorium, dem so genannten Rattentisch, frisst), dauern einem, wenn sie lebendigen Leibes angezündet oder vergiftet mit Antikoagulans blind vor Schmerz sind.

Alexander Terechow wurde 1966 in Nowomoskowsk geboren und hat Journalismus in Moskau studiert. Während der Perestroika wurde er als kritischer Journalist und Mitarbeiter der Wochenzeitschrift "Ogonjok" bekannt. Heute ist Terechow leitender Herausgeber zweier Zeitschriften und hat mehrere Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

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Kaufe nie das Pferd eines Popen, freie nie die Tochter einer Witwe.
Sprichwort der Russen

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