Belletristik REZENSIONEN

Pik Bube und der "Eunuch" Anissi

Russe
Russisches Poker
Fandorin ermittelt
Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003, 192 S.

Es gibt ein neues russisches Markenzeichen: den russischen Kriminalroman. Stand nach der Perestroika zuerst die westliche Trivialliteratur hoch im Kurs, so hat der russische Kriminalroman die Leser zur russischen Literatur zurückgeholt.

Boris Akunins Krimis sind Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt. Akunin (alias Grigori Tschchartischwili, geboren 1956) hat mit Fandorin eine Figur geschaffen, die es in der russischen Literatur so noch nicht gab: einen Überlebenskünstler, eine Art James Bond, Individualist zwar, doch als Beamter im Staatsdienst verlässlich und verfügbar. Sehr unähnlich dem Typ "Lischnije Ljudi" (überflüssige Menschen), der sich durch die ganze klassische russische Literatur zieht.

In Russisches Poker geht ein Betrüger um, der die gerissensten Gaunerstückchen inszeniert - "ein überaus starker und dreister Gegner". Was Tricks, Einfälle und Verkleidungskünste angeht, ist er dem Ermittler Fandorin durchaus ebenbürtig. Es scheint, Erast Fandorin hat seinen Meister gefunden... Weiß nicht warum, hat sich Fandorin in Russisches Poker einen "Watson" an die Seite geholt: Anissi Tulpow, einen unscheinbaren jungen Mann mit vielen Pickeln und abstehenden Ohren, der einem im Laufe der Verbrechensbekämpfung mehr und mehr sympathisch wird. Der manchmal stotternde Fandorin bietet ihm dann auch (stotternd) an, sein Assistent zu werden: "Wenn Sie nichts dagegen haben, ständig mit mir z-zusammenzuarbeiten, könnte ich Ihnen den Posten meines Assistenten anbieten. (...)  Ihnen fehlt es an Menschenkenntnis, sie neigen sehr zu Reflexionen und haben zu wenig Vertrauen in Ihre Kräfte. Aber gerade diese Eigenschaften können in unserem Gewerbe sehr nützlich sein, wenn sie in die nötige Richtung g-gelenkt werden." Boris Akunin sollte Acht geben, dass der oft von Skrupeln geplagte Anissi dem skrupellosen Fandorin nicht den Rang abläuft - was die Sympathie des Lesers anbelangt...

Es ist viel los in diesem schon vor fünf Jahren in Moskau erschienenen Kriminalroman. Mal als Pik Bube, mal als Momus gelingen dem Verbrecher-Helden Gaunerstückchen, zum Beispiel in Form einer "wohltätigen Lotterie", mit deren Erlös angeblich das Grabtuch Christi erstanden werden soll. Doch Fandorin ist auch nicht ohne. Der nämlich gibt sich als indischer Potentat aus, dessen Turban ein sagenhaft wertvoller Smaragd schmückt. Als Achmed Khan zieht er mit seinem "Hofstaat" und dem "Eunuchen" Anissi  in Moskau ein und lockt - wie vorauszusehen - Momus und seine Helferin Mimi in die Villa, in der er residiert. Doch trotz Pauken und Trompeten, Russisches Poker ist nicht so spannend wie seine vier Vorgänger. Liegt es daran, dass dieser Krimi eher als Schelmenroman daher kommt, denn als richtiger Kriminalroman? Oder wird man bei Buch fünf einer Serie der Machart überdrüssig?

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 31.03.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 16.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

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Sprichwort der Russen

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