Belletristik REZENSIONEN

Zahlenzauber...

Russe
Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
"Die mazedonische Kritik der französischen Philosophie" wurde von Dorothea Trottenberg übersetzt
Luchterhand Literaturverlag, München 2004, 348 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz M.)

"Die Aufforderung: Erzählen Sie uns aus Ihrem Leben", erscheint mir dreist. Es ist, als verlange man von mir: Lassen Sie doch bitte mal die Hosen runter, damit wir sehen können, was Sie da haben..." Pelewin, der bisher sechs Romane und etwa fünfzig Erzählungen geschrieben hat, gibt nicht gerne etwas aus seinem Privatleben preis. Trotzdem weiß man inzwischen von ihm, dass er 1962 in Moskau geboren wurde, sein Vater, ein Offizier, in den neunziger Jahren starb, seine Mutter Wirtschaftswissenschaftlerin ist und aus der mittelasiatischen Republik Kasachstan stammt. Pelewin studierte zunächst an der Moskauer Hochschule für Energiewirtschaft, wechselte aber schon bald an das Moskauer Literaturinstitut. Er hat erst mit fünfundzwanzig Jahren zu schreiben begonnen, seit 1990 arbeitet er als freischaffender Autor. Seine Bücher - Verkaufsauflage etwa eine Million - erschienen bisher in mehr als zehn Sprachen, u. a.  in Englisch, Französisch, Japanisch. Glaubt man der "Süddeutschen Zeitung", so verdient er mit seinen Texten etwa 50 000 US-Dollar im Jahr, was ihm erlaubt, Russland regelmäßig zu entkommen. "Wenn ich in Korea bin und den ganzen Tag meditiere, scheint sich die ganze Welt in Stille aufzulösen. Ich höre auf zu rauchen, bin diszipliniert und kann mich auf das Wesentliche konzentrieren. Das Leben in Russland laugt einen intelligenten Menschen aus. Wir haben keine zivilisierte Gesellschaft, und die Bevölkerung ist einer korrupten Herrschaft ausgeliefert."

Pelewins Bücher - z. B. "Omon hinter dem Mond", "Die Entstehung der Arten", "Das Leben der Insekten", "Buddhas kleiner Finger", "Generation P" - sind eine Mischung aus Historie, Massenmedien, Internet, Buddhismus, Schamanentum, Drogenmissbrauch - alles eingebettet in sich ständig ändernde Zeitebenen, pendelnd zwischen Realität und Illusion. Pelewin verhehlt übrigens nicht, dass er seinerzeit selbst LSD genommen hat, heute aber nicht einmal mehr Alkohol trinkt.

Sein neues Buch Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin enthält nach der einleitenden absurden "Elegie 2" sieben weitere, nicht minder absurde Texte: den Roman "Die Zahlen", sinnigerweise Sigmund Freud und Feliks Dzierżyński gewidmet, die Novelle "Die mazedonische Kritik der französischen Philosophie" und fünf Erzählungen.  Der pausbäckige Buchheld Stepan Michailow,  Buddhist und Zahlenmystiker, schließt einen Pakt mit den Zahlen, um seine Karriere zu sichern. Mit der Sieben, auf die James Bond und der sowjetische Doppelagent Stirlitz abonniert sind, klappt es nicht. Die 34 hingegen (T-34 ist der Name eines legendären sowjetischen Panzers) erweist sich als Glückszahl, während sich die 43 (1943 fand die entscheidende Panzerschlacht am Kursker Bogen statt) als negative Größe, als direkte Antipode,  entpuppt.

Gegen Ende der Perestroika, während der späten Gorbatschow-Zeit, steigt Stepan in den Computerhandel ein. Mit Unterstützung von Freunden aus der Zeit, als Business noch Komsomol hieß, gründet er eine Bank: die Sanbank (deren Name suggeriert, er fördere die Sanierung und das Sanitärwesen). Kurz vor der Bankenkrise 1998 ändert er den Namen in Sun Bank um, das war zu " Gorbatschows Zeiten, als die Sanbank in einer Atmosphäre, die von Haschisch geschwängert, doch von Pulverrauch noch fei war". Stepan macht die englische Fremdsprachenkorrespondentin Meowth zu seiner Geliebten. Sie klärt ihn nicht nur über die russische Seele auf, sie bringt ihm auch bei, was in Russland von einem "businessmen" verlangt wird, nämlich "ein bisschen Ganove, ein bisschen Jurist und ein bisschen Weltmann" zu sein. Doch im Bankgeschäft spielen die Oligarchen eine Rolle, denen es unter Jelzin gelungen ist, das ganze Land zu privatisieren. Die ins englische gewendete "Sun Bank" wird zur Pocke Bank einer russisch-französischen Firma, die ihren Hauptsitz in Paris hat, aber aus steuerlichen Gründen im Handelsregister des Autonomen Kreises der Ewenken eingetragen ist. (Die Pocket-Bank Delta zum Beispiel ist zwecks Steuervermeidung im Autonomen Kreis der Nenzen eingetragen.) Einmal wird Stepans Geschäft von einem Trupp vorübergehend in Moskau gastierender Tschetschenen heimgesucht, doch Stepan wusste für sie eine "baldige Begegnung mit Allah zu organisieren"... "Die Zeiten, ja, das Leben an sich waren letztlich so absurd, Ökonomie und Business dermaßen verstrickt in wer weiß was, daß jeder, der seine Entscheidungen aufgrund nüchterner Analyse fällte, sich ausnahm wie ein Idiot, der bei Windstärke neun Schlittschuh zu fahren versuchte."

Stepans vierunddreißigstes Lebensjahr fiel in die Hochzeit der Jelzin-Epoche. Die Geschäfte liefen gut. Er verdiente viel Geld, parkte einen Teil davon im Ausland. Die Hellseherin Binga ("Sie sah die Zukunft anderer Leute genauso klar wie ein normaler Mensch seine Vergangenheit."), in der man die in Russland populäre bulgarische Prophetin Wanga erkennt, sagt dem Helden den Tod im verhängnisvollen Alter von 43 Jahren voraus, wenn er den geheimnisvollen Mondbruder nicht besiegt. Die Hälfte des Romans sucht der Buchheld seinen Feind, den Mondbruder. Als solcher erweist sich ein gewisser Mark Firkin, ein Bankier, in dessen Empfangsraum ein Bild hängt, auf dem sich ein Soldat in die offene Luke des legendären Panzers T-34 entleert. Statt Firkin mit einem im Vibrator verborgenen schießenden Kugelschreiber zu töten, wird Stepan zu einem aktiven Homosexuellen und Liebhaber seines Feindes - eine für mich unbeschreibliche masochistische Angelegenheit. Übrigens geht Firkin seinen sexuellen Perversionen grundsätzlich vor einem sichtbar aufgestellten Foto von Wladimir Putin im Judo-Kimono nach. So beugt er der Gefahr vor, dass jemand, der ihn heimlich bei seiner Obsession filmen würde, ihn jemals mit der Drohung einer Veröffentlichung erpressen könnte.Von seiner Freundin beraubt, ist Stepan gezwungen, aus Russland zu fliehen. Hier endet der Roman so, als ob es der Autor überdrüssig war, weiter zu schreiben... Es folgen die anderen sechs Texte, die in kaum einem Zusammenhang mit dem Roman stehen.

Vor uns liegt eine Schmähschrift, ein böses Bild des neuen Russland. Obwohl der Autor ausdrücklich darauf hinweist, dass Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit zufällig sind, erkennen wir durchaus den Demokraten Tschubais, den Kommunisten Sjuganow, den Sänger Boris Moisejew...; es ist das Russland Putins.

Für die einen ist Pelewin ein Kultautor, für die anderen unlesbar. Und für Wladimir Kaminer? "Korrekt übersetzt sollte Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin "DÜNN" heißen, obwohl es mit fetten 348 Seiten alles andere als dünn ist."

Ich finde den Titel sperrig, die Genrebezeichnung Roman - es ist eher ein Sammelband - einen Etikettenschwindel. Die Zahlenspiele - wenn sich eine Gabel mit einem Messer, aber auch wenn sich Stepan mit seiner Geliebten Meowth Julianowna verrenkt - sind nur selten witzig. Man ist als Leser froh, wenn sich Stepan durch seine Flucht aus dem russischen Staub macht und ins westliche Kapitalismusparadies verschwindet. Gäbe es nicht Viktor Pelewins Meisterwerk "Das Leben der Insekten" würde ich nicht immer wieder hoffnungsvoll zu einem Buch von ihm greifen - ungeachtet dessen, dass er für Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin den russischen Literaturpreis "Nationeller Bestseller" erhielt.

Als Pelewin vor sechs Jahren in Berlin weilte, hat er "Das Zimmer des Schweigens" am Brandenburger Tor besucht. Er habe zuerst nicht verstanden, wozu man es braucht. "Ich bin rein gegangen, hab mich hingesetzt und geschwiegen. Ich saß dort so lange, bis ich´s verstanden hab, sicher drei Stunden lang." Sollten wir den Autor bitten, vor Beginn seines nächsten Buches noch ein bisschen länger zu schweigen?


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 13.03.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wer sich vor Wölfen fürchtet, sollte nicht in den Wald gehen.
Sprichwort der Russen

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