belletristik REZENSIONEN

Neurussisch agierende Mücken, Nachtfalter, Pillendreher...

Russe
Das Leben der Insekten
Aus dem Russischen übertragen von Andreas Tretner
Reclam-Bibliothek, Taschenbuch 1694,  Verlag Reclam,  Leipzig 2000, 203 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz M.)

Inzwischen kenne ich vier Fotos von Wiktor (Viktor) Pelewin, eines sogar ohne dunkler Sonnenbrille. Aber es stimmt schon, dass Pelewin pressescheu ist. In einem der wenigen Interviews, die er gab, äußerte er sich dazu in der "Zeit" (vom 04.11.1999) so: "Ich habe keinerlei Kontakte zur literarischen Welt. Ich muß nicht meinen Arsch präsentieren, um mich zu verkaufen." Jewgeni Jewtuschenko macht sich in seiner Autobiographie "Der Wolfspass" (Verlag Volk & Welt, Berlin 2000) über Pelewins "supergeheime Telefonnummer" lustig, die er nicht einmal mit Hilfe ihres gemeinsamen Moskauer Verlages "Vagrius" herausbekommen konnte. "Pelewin ging Journalisten aus dem Weg wie Salinger, auf den Schutzumschlägen seiner letzten Bücher war das Gesicht des unsichtbaren Autors von einem schwarzen Balken verdeckt, "und es ging das Gerücht, dass er viele Monate irgendwo in südkoreanischen Klöstern verbringe, wo er mal aus dem Buddhismus ins Internet tauche, mal aus dem Internet in den Buddhismus".

Wiktor Pelewin (geboren in Moskau 1962, oft ist 1963 zu lesen) ist Absolvent der Moskauer Hochschule für Energiewirtschaft und studierte an der Hochschule für Literatur. Er verließ die Hochschule ohne Abschluss, "weil ich bereits mehr Erfolg hatte als meine Lehrer". Und weil er, das fünfte Mal in marxistisch-leninistischer Philosophie geprüft werden sollte und außerdem: "Wäre ich dort noch zwei Jahre länger geblieben, wäre ich an einer Leberzirrhose zugrunde gegangen." Pelewin schreibt seit 1987; inzwischen erschienen acht Bücher von ihm, auf Deutsch u. a.: Das Leben der Insekten, "Die Entstehung der Arten", "Omon hinterm Mond", "Buddhas kleiner Finger", "Generation P", "Der Wasserturm", "Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin".

Pelewin genießt in Russland außerordentliche Popularität, besonders bei der Jugend. Inzwischen ist er in zehn Sprachen übersetzt, natürlich in Englisch, sogar in Japanisch. Der "New Yorker" kürte ihn zu einem der "besten europäischen Schriftsteller unter 35", inzwischen ist er dreiundvierzig Jahre alt. Apropos Übersetzung: In "Das Magazin" entdeckte ich einen seitenlangen E-Mail-Briefwechsel zwischen Wiktor Pelewin und seinem Übersetzer Andreas Tretner. Da will der verzweifelte Übersetzer von Pelewin z. B. wissen, was "Vietnamki" sind? "Irgendein Billigturnschuh?" Und Pelewin antwortet: "Vietnamki heißen in Rußland die Latschen mit Schlaufe, die zwischen großem Zeh und nächst großem Zeh einzufädeln ist. Sie heißen Vietnamki, weil sie in Wirklichkeit aus Japan stammen." Zu lesen ist dann (auf S. 24) in Das Leben der Insekten: "Der Junge hatte blaue Latschen an den Füßen, die der Volksmund `Vietnamki´ nannte; mit dem linken Bein schlurfte er, weil die Gummischnalle am Schuh abgerissen war." An anderer Stelle heißt es, "Ach, Andreas, wenn du mir bis jetzt penibel vorgekommen bist, dann nur, weil ich die Japaner noch nicht kannte. Die drehen dir jede Hieroglyphe einzeln durch die Mühle." Für die `penible´ Übersetzung, auch der weiteren Pelewin-Bücher, sei Andreas Tretner sehr bedankt, obwohl er noch immer nicht pingelig genug war; denn (auf S. 33) steht falsch "seit alters her", obwohl es doch "seit alters" oder "von alters her" heißen muss.

Das bei Reclam* Leipzig, erschienene Buch Das Leben der Insekten ist zwar fabelhaft zu lesen, hat jedoch nichts Fabelhaftes an sich,  keine Spur sozusagen von dem Fabeldichter Iwan Krylow, obwohl er (auf S. 202) mal kurz erwähnt wird. In Pelewins Roman agieren Insekten (teils mit hochentwickelten Sinnesorganen) wie Mücken, Mistkäfer, Pillendreher, Ameisen, Motten, Libellen, Wespen, Zikaden, Glühwürmchen, Nachtfalter, Fliegen, Küchenschaben, Marienkäfer, Hanfflöhe, die Arnold, Arthur, Sam, Archibald, Marina, Natascha Nikolai, Mitja, Dima, Maxim, Serjosha heißen. Sie diskutieren über Konzeptualisten und Postmodernisten, tragen Jeans, Bikinis und Schuhe mit spitzen Absätzen, drehen aus Shit ihren Joint, gehen ins Kino; eine Fliegenmutter bringt das Kunststück fertig, aus Arkadi Gaidars sowjetpatriotischer Erzählung "Das Schicksal des Trommlers" eine postästhetische Kunsttheorie abzuleiten. Die Insekten verpuppen sich und entpuppen sich als Menschen, als zutiefst animalische und höchst vergeistigte Wesen. Die fünfzehn Episoden des Romans sind also keine klassischen Allegorien, in denen Tiere der artenreichsten Tierklasse für Menschen stehen, um menschliche Schwächen aufzuspießen. Pelewin geht einen schwierigeren Weg; denn seine Protagonisten sind gleichzeitig beides, und die Übergänge von Mensch zu (Kerb-)Tier - oder umgekehrt - erfolgen blitzschnell und immer verblüffend. Pelewin - der geborene Erzähler!

In Das Leben der Insekten (nicht alle 750 000 Arten treten bei Pelewin auf) versammeln sich die Gliederfüßer in einem vergammelten postsowjetischen Kurort nahe Fedossija auf der ukrainischen Krim: "Eine Nacht auf der Krim ist zum Staunen schön. Bei Einbruch der Dämmerung wird der Himmel hoch, klar treten die Sterne hervor. Die Krim hört auf, Erholungsheim der Union zu sein, heimlich wird sie zur römischen Provinz". Auf dieser wahrhaft schönen Krim (Ich besuchte die Krim, um in der DDR-Illustrierten FREIE WELT über die Krimtataren zu berichten.) sind die Blut saugenden Mücken gerade dabei, ein Joint Venture mit einer amerikanischen Anopheles abzuschließen; die Pillendreher schieben ihre Kugel Mist wie Sisyphos über Betonplatten aufs Meer; die philosophisch angehauchten Nachtfalter suchen nach dem Sinn des Lebens; eine kleine grüne Schmeißfliege macht sich an einem Amerikaner ran; Hanfflöhe agieren als Drogendealer...

In der Episode 5 sitzen eben noch Menschen beim Essen, als einer der Herren (Es ist der Amerikaner Sam.) zwischen Kartoffelpüree und Möhrensoße eine junge Fliege entdeckt. Er nimmt sie vorsichtig zwischen zwei Finger und setzt sie auf einen freien Stuhl. Die Fliege "mit den süßen rosafarbenen Saugnäpfchen" ist einen Absatz später das junge Mädchen Natascha in grünem Kleid, mit Ponyfransen und süßen "rosafarbenen Hauspantöffelchen". Bald fragt sie flüsternd: "Sag, Sam, gibt es in Amerika viel Scheiße?" Davon lebt eine Schmeißfliege schließlich... "Keiner in Rußland", schreibt Christoph Keller, "schreibt frischer, frecher, gewagter."

Mir scheint, Wiktor Pelewin hat beim Schreiben öfter mal an Vladimir Nabokov gedacht - den Romancier, Schmetterlingssammler und Insektenforscher. Wie sonst ist z. B. die Beschreibung des russisch sprechenden Amerikaners Samuel (Sam) Sucker zu verstehen, dem man den Ausländer ansieht - "an der besonderen milden Bräune gleichsam Nabokovscher Coleur, wie sie die Haut ausschließlich am anderen Ufer erwirbt; Nabokow - russischer Amerikaner - nannte seine russischsprachigen Memoiren "Andere Ufer".

Ein äußerst gelungenes Buch über Russland nach dem Sozialismus, das neugierig macht auf die weiteren Romane Wiktor Pelewins, der wie Jerofejew und Sorokin in den Medien nicht nur gelobt, sondern oft auch attackiert wird.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Der Reclam Verlag wird zum Jahreswechsel 2005 seinen Standort Leipzig schließen. Reclam Leipzig - mit derzeit 25 Titeln pro Jahr - soll als "virtuelle Marke" erhalten bleiben und wird künftig von Philipp Reclam jun. Ditzingen aus betreut. Der Verlag verlässt die Stadt, wo er 1928 von Anton Philipp Reclam gegründet worden war, der dort 1867 die berühmte Reclams Universalbibliothek startete. Nach 1945 war das Leipziger Unternehmen zu 51 Prozent enteignet worden; der Eigentümer Ernst Reclam ging in den Westen und gründete in Stuttgart die Reclam Verlag GmbH. In der DDR ging der Betrieb in Leipzig weiter - mit einem glänzenden Editionsprogramm, geprägt von dem passionierten Verleger Hans Marquardt. 1992 wurde das Leipziger Stammhaus reprivatisiert. Seit der Reprivatisierung  sei Reclam Leipzig, so der Leipziger Verleger Elmar Faber, immer mehr "heruntergefahren" worden.

 

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Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Wiktor (Viktor) Pelewin:
pressescheu, oft mit

Sonnenbrille, gibt Interviews
fast nur per E-Mail.

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