Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Glänzende Bilder - glanzlackiert...

Über St. Petersburg
St. Petersburg
Buchformat: 28 x 30 cm (offen 56 x 30 cm); Schutzumschlag aus Transparentpapier; dreisprachig: deutsch/englisch/russisch
Edition Markus Böhm, Leipzig 2003, 179 S.

Noch ein Bildband über St. Petersburg* (zum dreihundertsten Jubiläum der prächtigen Newa-Metropole)? Wieder blattgold-güldene Kuppeln, wieder bettelnde Babuschkas? Nichts von alledem in dem aufwendig ausgestatteten Bildband von Daniel Biskup, dafür: auf Zelluloid eingefangene Momente ohne Knalleffekt. Biskup schlendert durch die Straßen der Stadt und hält fest, was er sieht: Liebespaare und Waffendealer, Models und Eierverkäuferinnen, Straßenmaler und hoch dekorierte Veteranen... Er sei kein Spaziergänger, meint Kai Diekmann in einer Nachbemerkung über Daniel Biskup; denn für den Weg über den Roten Platz brauche er 30 Minuten. Aber dann ist er doch ein begnadeter Spaziergänger, einer der hier und da verweilt ("Immer wieder bleibt er stehen, notiert mit der Kamera eine Szene.") und nicht im Dauerlauf an allem und jedem vorbeisaust. Besonders angetan haben es dem Fotografen offensichtlich die Petersburger Hinterhöfe und die Kommunalwohnungen und deren Klingelknöpfe...

Es fällt auf, dass ein Teil der meist seitengroßen über zweihundert Bilder schwarz-weiß ist, sie bedürfen der Farbe nicht. "Nichts wirkt lackiert", schreibt Diekmann, "nichts gestellt." Nichts wirkt lackiert? Daniel Biskup selbst lässt den Nutzer seine Homepage wissen, dass alle seine Bilder glanzlackiert sind. Und gestellt? Meist wohl nicht, das ist wahr. Aber stehen zum Beispiel drei Bedienstete zufällig gerade ausgerichtet mit verschränkten Armen vor ihrem Lokal? Da hat der Fotograf ganz sicher nachgeholfen. Warum auch nicht? Ich stelle mir auch vor, wie Biskup zum Beispiel geduldig vor der riesigen Reklamewand (Persil, Pril, taft) ausharrt bis, ja bis ein Transportauto mit der Aufschrift PENNY MARKT an der Riesenreklame vorbeifährt. Erst so aufgepeppt wird das Foto ein Biskup-Foto, bei dem man verharrt, mehrmals hinsieht. Diesen Bildband einfach so durchblättern - is nich.

Nicht zufrieden kann man mit den Bildtexten sein, die gar zu karg geraten sind. Oft steht da nur die Straße oder der Platz, wo das Foto aufgenommen wurde, obwohl es interessanter wäre, etwas zum Motiv zu erfahren. Auf Seite 70 zum Beispiel sehen wir eine junge modische Blondine auf einem Motorrad Marke YAHAMA und darunter steht kümmerlich: Gribojedow Kanal. Oder man sieht ein junges Pärchen, er Asiate, das sich anschickt, gemeinsam mit einem Fahrrad davon zu radeln, darunter: Italjanskaja Uliza. Wir erfahren nicht, wie viel Aufenthalte in St. Petersburg (und Leningrad?) nötig waren, um diesen Bildband zu erarbeiten. Einen Hinweis bietet allerdings die Bildgegenüberstellung auf den Seiten138/139 wo Daniel Biskup uns mit dem Marktangebot von 1993 und dem von 2003 bekannt macht.

Der bekannte russische Autor Wiktor (Viktor) Jerofejew schrieb die essayistische Einleitung zu dem Bildband über St. Petersburg - "Sie ist die einzige Stadt in Russland, wo die Menschen wissen, dass sie in Europa sind..." Nach seinem Buch "Fluss", in dem er vor lauter Sexismus sein Thema verfehlte, bin ich etwas ängstlich, was Jerofejew über St. Petersburg zu sagen weiß.  Und sieh an, was für schöne Sätze gelingen ihm, geradezu poetische, zum Beispiel: "In die Gesichter der Petersburger Frauen zeichnet die Feuchtigkeit der Stadt schamlos erotische Visionen, die in frühe Falten übergehen." Oder: "In Moskau fährt man, in Petersburg geht man zu Fuß. Oder: "Moskau schaut. Petersburg sieht." Interessant auch seine Überlegungen über die Stadt und deren Bewohner: "Ich kenne keine andere Stadt auf der Welt, wo sich Einwohner und Stadt so unähnlich wären." Und die Erklärung: "Um es mit einem russischen Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung zu sagen: Petersburg wurde seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit `swolotsch´ (deutsch etwa: `die Angeschleppten´) bevölkert, mit Menschen, die aus verschiedenen Orten hier angesiedelt wurden. Die moderne Bedeutung des Wortes `swolotsch´ (deutsch: `Gesindel´, `Lumpen´, `Pack´) hat ebenfalls seine Daseinsberechtigung. Doch die Stadt wirkt dermaßen disziplinierend, dass sie das `Gesindel´ zur Selbstachtung zwingt, was in Anbetracht des sowjetischen Bewusstseins dieser Leute einem Wunder gleich kommt." (Kennt Jerofejew die "Petersburger Skizzen" von Nikolaj Gogol? Gogol sagt in den "Skizzen" viel über die Stadt St. Petersburg, indem er sie mit Moskau vergleicht.)

Der 1962 geborene Daniel Biskup arbeitet für namhafte Zeitungen und Magazine. Auf seiner Homepage (www.danielbiskup.de) finden sich Reportagefotos (aus dem Kosovo), Prominentenfotos (Bohlen, Lagerfeld, Maischberger, Riefenstahl...) und Politikerporträts (Gorbatschow, Putin, Schröder...) Sind die Bilder in seinem Fotoband St. Petersburg noch Bildjournalismus oder schon Kunst?

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

* Der berühmte Wiener Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka sagt in seinem Interview anlässlich seines 8O. Geburtstages u. a.: "(...) Außerdem lehne ich es ab, dass man Leningrad Petersburg nennt. Petersburg ist für mich eine monarchistische Blödheit."

 Edition Markus Böhm, Leipzig, schreibt am 10.02.04 an www.reller-rezensionen.de

Liebe Frau Reller, habe soeben die Rezension auf Ihrer Internetseite gelesen, gefällt mir gut, teile Ihre Meinung in mancher Hinsicht.- Wenn es eine zweite Auflage gibt, werden wir Ihre Anregungen aufnehmen.

Einstweilen vielen Dank!

Markus Böhm

Weitere Rezensionen zum Thema "St. Petersburg":

  • Kay Borowski (Hrsg.), Petersburg - die Trennung währt nicht ewig.
  • Nikolaj Gogol, Petersburger Geschichten.
  • Gogols Petersburger Jahre, Gogols Briefwechsel mit Aleksandr Puškin (Alexander Puschkin).
  • Valeria Jäger / Erich Klein (Hrsg.), St. Petersburg. EUROPA ERLESEN.
  • Christoph Keller, Petersburg erzählt.
  • Edeltraud Maier-Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Maria Marginter, Fyodor Gawrilow, St. Petersburg. Weiße Nächte, kalte Tage.
  • Sergio Pitol, Die Reise. Ein Besuch Rußlands und seiner Literatur.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
  • Elfie Siegl, Russischer Bilderbogen. Reportagen aus einem unbegreiflichen Land.

Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedlichen Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Schatulle:
aus Stroh,
St. Petersburg,
1989.

 

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