Belletristik REZENSIONEN

Eine Perlenschnur aus Jade

Russe
Der Tote im Salonwagen
Fandorin ermittelt
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, 2. Auflage, 399 S.

Im neunten Band der Fandorin-Serie hat Erast Petrowitsch, inzwischen Staatsrat,  ganz schön mit seinem Selbstwertgefühl zu kämpfen. Denn neben ihm gibt es noch einen Ermittler, der ihm nicht nur gewachsen ist, sondern ihm gar überlegen zu sein scheint: Oberst Posharski, der vom Innenminister persönlich mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt ist.

In diesem Krimi, dem Genre der Detektivromane zugehörig, geschieht der Mord gleich zu Beginn des Romans, denn sonst gäbe es ja nichts zu ermitteln... Ermordet wird in seinem ministeriellen Salonwagen General Chaprow. Er fällt einem Attentat zum Opfer, weil er die politische Gefangene Polina Iwanzowa foltern ließ. Es ist Ende des 19. Jahrhunderts - in Moskau und in St. Petersburg herrscht politischer Terror. Zwei Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber: einerseits die Staatsmacht, der Zarismus, andererseits die Revolutionäre, die diese Staatsmacht stürzen wollen. Akunin zeichnet in seinem Krimi die Terroristen menschlich und ihre Motive nachvollziehbar. Er macht auch deutlich, dass es nicht immer einfach ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die wie immer bei Akunin gut recherchierten politischen Hintergründe - Überfälle, Verschwörungen, rasante Verfolgungsjagden, Attentate, Hinterhalte - erzählen viel über die Anfänge der Revolution im zaristischen Russland.

Der Attentäter von General Chaprow, der die brillante Idee hatte, sich - mit schwarzen Haaren und ergrauten Schläfen - als Fandorin zu verkleiden, ist schnell gefasst. Doch alle Versuche, die Hintermänner dingfest zu machen, scheitern - wohl auch weil Fandorin es bisher immer mit Mördern, Hochstaplern und ausländischen Spionen zu tun hatte, "Revolutionäre waren ihm noch nie untergekommen". Auch diesen Krimi hat Akunin nach allen kriminellen "Gesetzen" als einen spannenden Detektivroman "gestrickt". Nach einem ungeschriebenen Krimi-"Gesetz" ist der Ermittler in der Regel, stolz, charmant, eigenwillig, intelligent, einfallsreich, gebildet, durchtrainiert (im Falle Fandorins von seinem japanischen Kammerdiener Masa), einsam - obwohl sich Fandorin nicht nur die verschleierte Diana in seinem Bett durchaus vorstellen kann... Und er lässt - außergewöhnliche Eigenheiten sind laut Professor Nusser ("Der Kriminalroman", Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2003) von Vorteil für einen einprägsamen Ermittler - oft eine Perlenschnur aus Jade durch seine Finger gleiten, wenn er konzentriert nachdenken will.

Wie es sich für einen guten Kriminalroman schickt (im Gegensatz zu Polina Daschkowas "Nummer 5 hat keine Chance") hat Der Tote im Salonwagen Hochspannung bis zur letzten Seite. Und der "Hintermann" ist, man glaubt es kaum, nicht etwa ein ganz zum Schluss neu auftauchender Romanheld, sondern einer, der im Roman lange schon kräftig mitmischt. Akunins Kunst ist es, Mitspieler seiner Romane als die gesuchten Verbrecher zu präsentieren, auf die man als Leser meist nicht kommt, obwohl sie ganz logisch als solche konzipiert sind.

Imposant, wie der Staatsrat Akunin seine Beförderung des Großfürsten zum Polizeipräsidenten mit den kühlen Worten ablehnt: "Ach, wissen Sie, euer Gnaden... Ich habe beschlossen, den Staatsdienst zu quittieren." - Abstoßend der Beischlaf des Revolutionärs Grin mit der Revolutionärin Nadel an einem seltsamen Ort: mit umgeworfenem Sessel, umgeschlagenem Teppichsaum und drei blutigen toten Körpern.- Fehlerhaft, wenn der Autor (oder der Übersetzer?) von "jüdischen Siedlungsrayons" spricht, wenn "jüdische Ansiedlungsrayons" gemeint sind.

Bisher war mir bekannt, dass des Autors Pseudonym Boris Akunin auf den berühmten russischen Anarchisten Bakunin zurückzuführen ist. Doch nun lese ich (im Internet) dass Akunin wohl auch als Anspielung auf das japanische Wort "akunin", was "der böse Mann" heißt, gedacht ist; Boris Akunin hat Geschichte und Japanologie studiert.

Hat der Aufbau-Verlag die Liebe zu Akunin inzwischen eingebüßt? Ich finde, der Verlag behandelt den weltberühmten Autor geradezu lieblos: immer dieselben biographischen Angaben über ihn, obwohl es (z. B. im Internet) regelmäßig neue Fakten von und über ihn gibt; immer dieselbe Lobeshymne von Wladimir Kaminer über ihn, den "Meister der russischen Kriminalautoren"; immer ein fast gleich lautender Verlagstext zum Inhalt des Buches im Buch und auf der letzten Umschlagseite...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 16.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wer gewarnt ist, ist gewappnet.
Sprichwort der Russen

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