Belletristik REZENSIONEN

Des Innenministeriums perfider Fragebogen

Russe
Das Formular
Geheimschrift im Klartext
Aus dem Russischen von Alfred Frank
Claassen Verlag, München 2001, 286 S.

Slapovsky ist auch in unseren Breiten kein ganz unbekannter Autor. 1995 gewann er den ersten Preis des Europäischen Dramatiker-Wettbewerbs, der erstmalig verliehen wurde. Unter 1 200 Dramen aus 29 Ländern hatte sich die internationale Jury für Slapovskys Stück "Das Kirschgärtchen" entschieden. Und so wurde die Uraufführung des Dramas im Kasseler Schauspielhaus im Januar 1995, die der Autor selbst mit Spannung verfolgte, gewissermaßen zur Siegerehrung. Handlungsort in fast allen Werken Slapovskys ist Saratow, die Millionenstadt an der unteren Wolga, einst Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik. Der Autor, in Saratow geboren, ist einer der fast zweieinhalb Millionen Einwohner. Auch sein erster ins Deutsche übersetzte Roman spielt in Saratow, es geht um das Ausfüllen eines Fragebogens mit etwa 350 perfiden Fragen. Wie es dazu kam? Der Buchheld Anton Pawlowitsch Kajalow wohnt zusammen mit seiner Schwester Nadeshda und deren Tochter Nastja in einer Zwei-Raum-Wohnung. Mit dem Basteln von Kreuzworträtseln für verschiedene Zeitungen verdient sich Anton seinen bescheidenen Lebensunterhalt.  Eines Tages bittet ihn seine Schwester, sich doch endlich eine anständige Arbeit zu suchen und eine Frau, schließlich sei er schon neununddreißig Jahre alt; und außerdem ist Anton 1,76 Meter groß, raucht und trinkt nicht, erhielt eine Ausbildung an der Fachschule für kulturelle Volksbildung. Schwester Nadeshda hält bereits fünf Anzeigen von kontaktfreudigen Frauen für ihn bereit. Durch seinen Wohnungsnachbarn, den Milizhauptmann Kuricharow kommt Anton auf die Idee, sich ebenfall bei der Miliz Arbeit zu suchen. Kuricharow besorgt Anton die dafür nötigen Bewerbungsunterlagen, unter anderem den perfiden Fragebogen. Anton also macht sich ans Werk, sowohl, was das Kennenlernen der fünf Frauen, als auch was die wahrheitsgemäße Beantwortung der Fragen anbelangt.

Unser Autor ist nicht nur ein Provinzstädter mit alltagsphilosophischen Neigungen, sondern auch ein humorvoller Mann; Slapovskys Buch ist in bester Tradition der russischen Satire geschrieben. Lässt er Anton bei Larissa, Marina und Irina noch einigermaßen ungeschoren davonkommen, dreht ihm Tamara ihr Kind an, den sechsjährigen Sohn Vitali und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Und als ihm nicht die Mutter Tanja, die Fünfte im Frauen-Bunde, gefällt, sondern deren sechzehnjährige Tochter Nina, da fällt ihm Frage Nr. 99 des Bewerbungstests ein: Ihnen gefallen wesentlich ältere oder jüngere Vertreter des anderen Geschlechts. Durch diese Bewerbungsfrage auf den Geschmack gekommen, zieht es ihn nun auch noch sexuell zu seiner fünfzehnjährigen Nichte Nastja. Hier erlaubt sich Slapovsky einen Abstecher zu Nabokovs "Lolita": "Den ersten Teil konnte ich nicht ohne Abscheu lesen, den zweiten nicht ohne Begeisterung..." Da erlaube auch ich mir  einen Abstecher: 1965 bis 1967 hatte Vladimir Nabokov sein von ihm englisch geschriebenes Lieblingsbuch "Lolita" ins Russische übersetzt. Zweifelnd fragte er sich: "Ich kann mir in meinem prüden Vaterland kaum ein Regime vorstellen, ob liberal oder totalitär, unter dem die Zensur `Lolita´ durchlassen würde." Es vergingen zwei Jahrzehnte, und die Ausgaben von "Lolita" überschwemmten 1989 die Sowjetunion. Und so entdecke ich zufällig in "Die Regenhexe" der litauischen Autorin Jurga Ivanaukaitė an der Stelle, als der geniale Maler Go befürchtet, für Viktorija zu alt zu sein, in ihrer Antwort: "Du und alt? Ich bin wirklich nicht mehr zwölf. Lolita können wir nicht mehr spielen." Und bei dem Litauer Teodoras Četrauskas ist in "Als ob man lebte" die Rede von einem lolitamäßigen Kindermädchen...

Slapovsky kommt noch einmal auf Nabokov zu sprechen - da geht es um Antons geliebte Kreuzworträtsel. Nabokov-Leser wissen, dass sich der später berühmte Autor für seine Bücher nicht nur Schachaufgaben ausdachte, sondern für die Zeitschrift "Rul" (Das Ruder) am Anfang seiner Karriere auch englische Kreuzworträtsel. Und wenn Anton von jemanden gefragt wird, was er von Beruf ist, sagt er stolz "Kreuzwortler" - ein von Nabokov geprägter Begriff.

Hat Anton früher zwei Kreuzworträtsel am Tag geschafft, so kriegt er jetzt des öfteren tagelang gar keines zustande, weil er sich mit der Beantwortung der Bewerbungsfragen abplagt, die nur jeweils mit "Zutreffend" oder "Nicht zutreffend" beantwortet werden dürfen. Die Fragen stammen übrigens aus dem Jahre 1986, verfasst vom Innenministerium der UdSSR und werden an die Bewerber noch 1996 ausgegeben - in diesem Jahr spielt Slapovskys verrückte Geschichte. Haben Perestroika und Glasnost um Saratow einen Bogen gemacht? Der neurussische Kapitalismus jedenfalls hat auch diese Stadt fest im Griff. Im eigentlichen Sinne sind alle Fragen eigentlich gar keine Fragen, sondern heimtückische Behauptungen: Wenn man Ihnen etwas sagt, vergessen Sie es auf der Stelle./Sie haben große Angst vor Schlangen!/Von Zeit zu Zeit empfinden Sie Hass gegen Ihre Angehörigen, die Sie für gewöhnlich lieben... Alexej Slapovsky schreibt in einer kunstlosen Alltagssprache. Unvermögen? Doch eher Absicht.

Besonders schwierig ist natürlich, jeweils zu bedenken, dass man die Fragen nicht für sich und nicht wahrheitsgemäß beantworten sollte, sondern für die Aufnahmekommission der Miliz. Jedenfalls sieht sich Anton Pawlowitsch Kajalow auf Grund des in doppeltem Sinne vielseitigen Fragebogens veranlasst, sein Leben Revue passieren zu lassen. Was der Leser da nicht alles zu lesen bekommt - an Erinnerungen und Selbstanklagen. Antons bisher gemächliches Leben gerät regelrecht aus den Fugen. Bei der Behauptung des Fragebogens "Sie befürchten den Verstand zu verlieren", gibt Anton auf. Er bleibt "Kreuzwortler", überlegt jedoch ernsthaft, Präsident von Russland zu werden. Ob er tatsächlich den Verstand verloren hat?

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Russisches
Schmuckbehältnis:
Ende des
17. Jahrhunderts.

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