Belletristik REZENSIONEN

Wozu werden hündisch ergebene Menschen gebraucht?

Russin
Für Nikita
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau-Verlag, Berlin 2004, 408 S.
 
Da hat die Daschkowa mit 25 Millionen verkauften Exemplaren doch tatsächlich die Marinina übertrumpft. Das wollte ich in meiner Rezension zum Buch der Dankowtsewa "So helle Augen" noch nicht für möglich halten und auch nicht, dass sie von den drei Krimiautorinnen Marinina, Daschkowa und Dankowtsewa über die ausgeklügeltste kriminelle Phantasie verfügt. Mit ihrem Buch Für Nikita beweist sie aber gerade dies. "Ich wollte etwas schreiben, was es bisher in dieser Form in Rußland noch nicht gegeben hat", schreibt Polina Daschkowa, "etwas Dynamisches, voller Abenteuer und verbrecherischer Geheimnisse."

Ist der Inhalt nur ihrer Phantasie entsprungen? Sekten jedenfalls hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Russland aus aller Welt angesiedelt und viel Unheil angerichtet. Einige hatten ihren Opfern Geld, Eigentum und Wohnung abgepresst. Gefügig gemacht wurden die Sektenmitglieder mit Hypnose und Drogen. "Ende der achtziger Jahre", schreibt Polina Daschkowa, "wurde Moskau von den verschiedensten Wahrheitsaposteln überschwemmt. Die Sekten, einheimische und importierte, gingen grob und geradlinig vor. Weiße Bruderschaft, Gottesmutter-Zentrum, Aum Shinrikyoe, Muns Vereinigungskirche, die Kirche des letzten Vermächtnisses von Wissarion, Ronald Hubbards Scientology und viele andere. (...) Allein die `Aum-Sekte´ gewann in Rußland fünfzigtausend Anhänger mitsamt deren Besitz. Geld ist nur Schmutz, darum muß man es rasch loswerden und alles, was man besitzt, dem großen Vater und Lehrer übergeben." Als ich 1991 in Moskau war, prägten rot-gelbe Krisha-Jünger das Stadtbild.

Die Autorin schreibt über die Machenschaften einer Sekte im sibirischen Sinedolsk, deren Guru der Koreaner Shanli ist. Zu ihm verirrt hat sich auch mit ihren beiden Söhnen die Frau des Piloten Iwan Jegorow, der alles tut, um seine Familie wieder zusammenzubringen. Aber Mutter und Kinder sind - behandelt mit Infraschall, Ultraschall, Ultrahochfrequenzstrahlung - schon zu hündischer Ergebenheit manipuliert worden. Eines Tages trifft Jegorow zufällig seinen Jugendfreund Grigori Russow, der wurde gerade zum Gouverneur eines großen Gebietes in Sibirien gewählt. "Ein gewaltiges Stück Sibirien voller toter Bohrtürme, überwuchert von Taiga, windschiefen verwilderten Dörfern, Sonderlagern, versoffenen Kriminellensiedlungen und schwarzweißen Plattenbaustädten, das in seinem kalten Schoß Erdöl, Gold, wertvolle Buntmetalle und strategisch wichtige Rohstoffe barg, war nun in seiner Hand." Jegorow fleht diesen mächtigen Mann, den er seit seiner Jugend kennt, um Hilfe an. Doch der Gouverneur lässt ihn eiskalt abblitzen. Eines Tages sieht Jegorow ihn zusammen mit dem Guru Shanli... Was will dessen Sekte von ihren Opfern? Blut? Organe? Kostenlose Arbeitskräfte?

Grigori Russow - durch seine Wahl zum Gouverneur übergeschnappt - bittet (besser: befiehlt) dem berühmten Schriftsteller Nikita Rakitin, der unter dem Pseudonym Viktor Godunow intelligente Krimis schreibt, seine Biographie zu verfassen. Nikita ist die erste und einzige große Liebe von Russows Frau Veronika, genannt Nika; sie ist Ärztin. Nachdem Rakitin hinter Russows ungeheuerliche Machenschaften gekommen ist, hat er einen tödlichen Brand-Unfall. Nika reist sofort nach Moskau zu seiner Beerdigung - auf Schritt und Tritt verfolgt von den Bodyguards ihres Mannes und einem geheimnisvollen Fremden.

Ist Nikita bei dem Brand doch nicht umgekommen? Jedenfalls erscheint die in Auftrag gegebene Biographie und bricht Russow das Gouverneursgenick.

Wie immer sind die handelnden Personen der Daschkowa psychologisch fein gezeichnet - das macht ihr nicht einmal jeder Autor großer Romane nach. Und so ist ihr wieder einmal ein Krimi gelungen, der neben einem hoch spannenden, außergewöhnlichen  Kriminalfall das Bild der heutigen russischen Gesellschaft zeichnet, das geprägt ist von Korruption und Machtgier.

Die in Moskau lebende Daschkowa, geboren 1960, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie studierte am Moskauer Gorki-Literaturinstitut und arbeitete, bevor sie zu schreiben anfing, als Dolmetscherin und Übersetzerin; für die Medien erstellt sie heute psychologische Tätergutachten in aktuellen Kriminalfällen.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 26.05.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 12.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

 

Wer sich in fremde Dinge einmischt, fasst auch einen tollwütigen Hund bei den Ohren.
Sprichwort der Russen

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