Belletristik REZENSIONEN

Auch in Kiew gibt es Killer

Russe
Ein Freund des Verblichenen
Aus den Russischen von Christa Vogel
Diogenes Verlag, Zürich 2001, 142 S.

Woher nur kenne ich dieses Thema: Dass jemand aus dem Leben scheiden will, zu feige ist, sich selbst umzubringen und sich deshalb einen Killer dingt, dann aber durch eine plötzliche Lebensveränderung beschließt, doch am Leben bleiben zu wollen. Aber: Der Auftrag läuft! Ich glaube, ich habe dieses Sujet vor vielen Jahren als spannenden Fernsehfilm gesehen... Sollte Andrej Kurkow diesen Stoff kennen, so würde es mich wundern, wenn er ihn für sein Buch aufgegriffen hätte - soviel eigene Phantasie wie dieser russische Autor hat! Denn dies hier ist sein dritter turbulenter in Deutsch erschienener Roman. Ein Freund des Verblichenen spielt in der heutigen Ukraine - Kurkow lebt seit seiner Kindheit in Kiew -, wo man einen  bestellten Mord schon für 450 Grüne haben kann, eine  Falschaussage dagegen 1 000 Grüne kostet.

Tolja, so heißt unser lebensmüder Held, findet das Leben nicht mehr lebenswert, weil ihn seine Frau betrügt und - weil er allein nichts mit sich anzufangen weiß. Gerade zur rechten Zeit trifft er seinen ehemaligen Klassenkameraden Dima, der als Verkäufer in einem Schnaps-Kiosk guten Kontakt zu Mafia- und Killerkreisen hat. Dima glaubt, dass Tolja den Liebhaber seiner Frau aus dem Wege räumen will und verschafft ihm einen äußerst zuverlässigen Mörder. In seinen letzten Lebensstunden trinkt sich Tolja einen an und begegnet der jungen Prostituierten Wika, die er mit zu sich nach Hause nimmt. Nach erfolgter Liebesnacht sagt sie ihm ihren richtigen Namen Lena und weigert sich, Geld von ihm zu nehmen. Die beiden Verliebten beschließen, sich wieder zusehen. Was natürlich nur geht, wenn Tolja nicht gekillt wird. Wie Tolja am Leben bleibt, die schöne Marina zur Frau bekommt, dazu noch Mischa, ein schon fertiges Kind, eine schön eingerichtete Wohnung und 12 000 Grüne dazu - das ist ein echter Kurkow.

Warum eigentlich kommt kein Verlag, kein Rezensent auf die Idee, die Bücher von Kurkow (laut "Tagesspiegel" ein Autor von Gogols Gnaden) als Krimis zu bezeichnen? Spannend wie Krimis, wie gute Krimis, sind sie allemal. Aber vielleicht wäre das Kurkow auch gar nicht recht. In seinem neuen Buch "Die letzte Liebe des Präsidenten" las ich, wie er doch ein wenig abfällig über die Krimi-Autorin Donzowa schreibt: "Den Fahrer schickte ich nach Hause. Es war mir immer unangenehm, zu wissen, daß er, während ich es mir irgendwo gutgehen ließ, im Wagen saß und bestenfalls Darja Donzowa las."

Leider lässt Andrej Kurkow in diesem Buch kein Tier mitspielen. War es im ersten deutschsprachigen Buch ein liebenswerter Königspinguin, im zweiten ein die Farbe wechselndes Chamäleon, so hoffte der tier-süchtige Leser, es könnte diesmal ein Igelchen sein. Aber dieser kommt im Buch nur in einem Kinderlied vor und bleibt auch noch im Nebel... Schade.

Neuerdings hat Kurkow einen zweiten Wohnsitz in London und statt zehn Sprachen, wie noch vor einem Jahr, spricht er - laut Verlag - inzwischen elf. Igitt, igitt...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wer viel weiß, schläft schlechter.
Sprichwort der Ukrainer

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