Belletristik REZENSIONEN

Auch die, "die auf dem Grund leben", haben eine Seele...

Russe
Der Iltis
Aus dem Russischen von Alfred Frank
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1997, 229 S.

Daniil Iwanowitsch Chorjow hat ein flaches Gesicht mit schiefem Mund, die huschenden blitzenden Augen und die abstehenden Ohren passen haargenau zu seinem Spitznamen "Iltis", der von seinem Familiennamen Chorjow abgeleitet ist. Seine Mutter - sie hat ihn "mit fidelen achtzehn Lenzen" gekriegt - ist Trinkerin, die unermüdlich neue Kerle ins Haus holt. Seinen Vater kennt er nicht.

In der Schule lernt Iltis schlecht, seine Mitschüler lästern über ihn wegen seiner krummen Beine und wegen seines "schiefen Mauls". In der achten Klasse verliebt er sich in die gleichaltrige Shenka, die aber ist mit dem Anführer einer Räuber-Gang liiert. Iltis schafft den Nebenbuhler auf seine Weise aus der Welt: Er stürzt ihn vom Dach eines neungeschossigen Hauses...

Als es Iltis zu Hause in der alkoholgeschwängerten Wohnung mit der zänkischen Mutter und den ekligen Liebhabern nicht mehr aushält, macht er sich Hunderte Kilometer weit auf den Weg in die großen nordischen Wälder, ist mutterseelenallein mit dem wilden Getier und "dem Klang der Stille". "Jetzt, hier in dieser Abgeschiedenheit spürt Iltis plötzlich irrsinnige Scham, Schmerz, Entsetzen über das Angerichtete, hier und jetzt erst war es ihm zu Bewusstsein gekommen, es ließ ihm keine Ruhe, quälte und peinigte ihn unablässig und unausweichlich." Doch nicht der perfekte Mord an seinem Nebenbuhler quält ihn so unablässig und unausweichlich, sondern ihn, den Jäger, peinigt, dass er keinen starken, gesunden Elch getötet hatte, sondern einen bereits angeschossenen. Der in Geborgenheit lebende Leser wird es nicht leicht haben, sich in Iltis hineinzuversetzen.

Gegenwärtig gibt es in Russland mehr von aller Welt vergessene Kinder und Jugendliche als nach der Revolution. Sie haben keine Zukunft, hungern, frieren, gehen in Lumpen; stehlen, rauben, morden... Nach der Revolution von 1917, nach Intervention und Bürgerkrieg, vagabundierten schon einmal Millionen Kinder als verwahrloste Gewalttäter durch das russische Riesenreich. Damals richtete man Kinderkolonien ein, berühmt geworden ist die Kinderkolonie von Poltawa, geleitet von Anton Makarenko, einem begabten Pädagogen. Seine Prinzipien - Selbsterziehung, Erziehung zur Arbeit und bewusste Disziplin - werden heute belächelt, obwohl man keine Alternative für die Erziehung der nie Erzogenen zur Hand hat. Niemand kümmert sich im heutigen Business-Russland um die von ihren Eltern Vernachlässigten, Verstoßenen, Weggelaufenen - die Gesellschaft behandelt sie wie Wegwerfartikel. Doch auch die Vergessenen, die, "die auf dem Grund leben", wie Maxim Gorki es nannte, haben eine Seele! Und diese Seele hat ein unstillbares Verlangen nach einem Zuhause, nach Familie und Geborgenheit.

Als der Jäger Vitali, mit dem Iltis die letzten Wochen mehr schlecht als recht verbracht hatte, bei der Elchjagd ums Leben kommt, empfindet Iltis erstmals Einsamkeit, und er flieht zurück zur Mutter. Nach der Beichte bei einem Popen, bei der er wie in Raserei Mord und Diebstahl gesteht, ist ihm die Miliz auf der Spur. Wieder flieht er in den weiten nordischen Wald. Diesmal begegnet ihm der Mönch Innokenti. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass Iltis auf einen Menschen trifft, der ihn versteht, mit dem er in Einklang lebt, und mit dem zusammen er inbrünstig betet. Doch Vater Innokenti befürchtet, sich Iltis schon bald nicht mehr aus dem Herzen reißen zu können. Deshalb verschwindet er seines Tages ohne Abschied. Aus Iltis ist inzwischen Daniil geworden, der mit Vater Innokentis Hilfe begriffen hat, was Menschsein heißt. Er verlässt den menschenleeren Wald, um wieder nach Hause zurückzukehren. Da ist seine Mutter seit einer Woche tot.

Wieder geht er davon - nach Norden, aber nur bis in das Dorf, in dem er auf seiner ersten Flucht die einzigen glücklichen Menschen beobachtet hatte. Hier wird er mit der geschiedenen Sonetschka bekannt. Er heiratet sie. Aus Daniil wird "Sonetschka ihrer", der sich "nur hin und wieder zum Fuseltrinken verleiten" lässt.

Pjotr Aleschkowski, 1957 in Moskau geboren, sagt in einem Interview mit der "Literaturnaja gazeta": "Der Iltis besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil ist der Held wie ein junges Tier. Im zweiten Teil geht es um das Verstehen der Sprache Gottes. Iltis begreift im Wald, das dies alles von irgend jemanden geschaffen ist, er spürt die Teile des Weltalls. Und, Schritt für Schritt reift in ihm die Erkenntnis, dass die Schöpfung, der Himmel, die Erde, die Sterne nicht von Händen geschaffen wurden und dass er, der Mensch, mit jedem Atem vom Schöpfer geschaffen wurde. Im dritten Teil gerät er mit einem Mönch in Konflikt und kehrt zum naiven Christentum zurück - denn er war in der Kindheit getauft worden. Nach seiner Heirat nimmt er einen neuen Familiennamen an, aus Chorjow wird Anastassjew, vom griechischen Wort `Astasija´, was `Auferstehung´ bedeutet."

Aleschkowski erzählt hinreißend. Er beschreibt die riesigen nordischen Wälder so, dass man geradezu die Wipfel rauschen hört, dass man fühlt, wie sich der Auerhahn in die Lüfte schwingt, dass man zusammen mit Iltis vor Kälte bibbert. Aleschkowski erzählt von den "neuen" reichen Russen und von alten tiefreligiösen Weiblein, von modischen Jeans und der orthodoxen Kirche. Er lässt uns erkennen, wie weit das Leben in den Weiten Nordrusslands von der Politik des Kreml entfernt ist. Mit seinem Roman Der Iltis setzt Aleschkowski die große russische Erzähltradition meisterhaft bis in die Gegenwart fort. Pjotr Aleschkowski studierte Archäologie. Von 1979 bis 1984 arbeitete er bei der Restaurierung alter Kirchen und Klöster mit - in Nowgorod, Pskow, Wologda und auf den Solowezki-Inseln in Russlands hohem Norden. Er arbeitete als Hausmeister und Taxifahrer, seit 1989 lebt er als freier Schriftsteller in Moskau. Der Iltis ist sein dritter Roman, aber der erste, der in deutscher Sprache erschien.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de. 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 16.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Glück fährt Kutsche, Verstand geht zu Fuß.
Sprichwort der Russen

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