Belletristik REZENSIONEN

Harte Kritik und kalkulierter Klatsch

Russin
Die Mutanten des Kreml
Mein Leben in Putins Reich
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Franziska Zwerg
Tropen Verlag, Berlin, 2. Auflage 2006, 379 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Herrmann Schön.)

Die Mutanten des Kreml ist - im wesentlichen - ein Buch über den russischen Präsidenten Putin, Wladimir Wladimirowitsch. Die eigentliche Buchheldin aber ist die Autorin Elena Tregubova selbst, 1973 geboren, arbeitete sie fünf Jahre lang als Kreml-Reporterin für die große Moskauer Tageszeitung "Kommersant"* (Handelsmann) - drei Jahre unter Jelzin, zwei unter Putin, den sie im Gegensatz zu Boris Jelzin einen kalten und mitleidslosen Menschen nennt. "Deshalb", behauptet sie in in einem Gespräch mit "Spiegel online", "hat er vor vier Jahren beim Untergang des Atom-U-Bootes `Kursk´ ein paar Tage gebraucht, bis er von seinem Urlaubsort aufgebrochen ist, und er sich an die Eltern und Verwandten der Matrosen wandte. Deshalb auch hat er so lange zum Tod von Politowskaja geschwiegen und sich nur gegenüber dem amerikanischen Präsidenten und in Deutschland geäußert."

Die Tregubova ist eine auf Fotos blonde (in Wahrheit rothaarig gelockte) gut aussehende Frau (worauf sie in ihrem Buch oft genug verweist), die für sich in Anspruch nimmt, Putin "entdeckt" zu haben - weil sie nämlich als erste ein Interview mit dem Geheimdienstmitarbeiter geführt hatte, das veröffentlich wurde, als Putin es gerade geschafft hatte, den Posten eines Abteilungsleiters im Kremlstab zu ergattern. Dieses Interview mit dem unscheinbaren Kremlbeamten schlug in "Politikerkreisen ein wie eine kleine Bombe". Putin, nunmehr Chef der Hauptkontrollverwaltung des Präsidenten Jelzin, gab in dem Interview markige Sprüche zur Korruptionsbekämpfung von sich und behauptete, dass nur der Geheimdienst in der Lage sei, Russland zu reformieren. Prompt wurde Wladimir Putin Direktor des russischen Geheimdienstes FSB (Nachfolger des KGB) und lud seine "Entdeckerin" (im Dezember 1998) zu einem romantischen Sushi-Essen ein. Ein Weilchen nach dem Essen zu zweit im romantischen japanischen Restaurant ernannte Jelzin Wladimir Putin, für alle unerwartet, zum Premierminister. Da darf die schöne Tregubova zu Wladimir Wladimirowitsch schon mal liebevoll Wolodja oder gar Wolodenka sagen. Elena Viktorovna, seit ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr zum Kremlpool gehörig, sieht sich als unabhängige und kritische Journalistin, schreibt aber über ihren "Freund" Wolodja nicht nur, was ihm gefällt. Als Putin dann 1999 mit oligarchischem Geld Präsident wird, lässt er unwillfährige Journalisten die Akkreditierung streichen, immer auch wieder seiner "Freundin" Elena. Und so werden aus ihr und dem Mann, der "die Karriereleiter mit dem Tempo einer tropischen Unkrautpflanze emporkletterte", so nach und nach Feinde.

Als Elena Tregubova mal wieder keine Akkreditierung erhält, zieht sie sich kurz entschlossen für einige Wochen in ihre Wohnung zurück, und schreibt ihr welt-aufsehenerregendes Buch über das russische Machtsystem und die Machtergreifung Putins. Zu vielen Ereignissen der Jahre 1998 bis 2003 erfahren wir brisante Einzelheiten: über das 1999 in Moskau explodierte neunstöckige Haus, über die skandalöse Geschichte des Verschwindens von Andrei Babickijs, dem Korrespondenten von "Radio Free Europe - Radio Liberty", über die Verhaftung  des Medienmoguls Wladimir Gussinski, um ihm seinen unabhängigen Fernsehsender NTW wegzunehmen...

Da weiß Elena Tregubova oft mehr als die Autoren des Buches "Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin".

Besonders eingängig und spannend deckt die Tregubova den Zusammenhang zwischen Kreml und Oligarchentum im heutigen Russland auf. Durch ihre Berichterstattung werfen wir einen ganz anderen Blick auf den im Londoner Exil lebenden Beresowski und auf den im Arbeitslager schmachtenden Chodorkowskij.

Die Mutanten des Kreml ist die überarbeitete und aktualisierte Fassung ihrer beiden russischen Bücher "Geschichten eines Kreml-Diggers" und "Abschied eines Kreml-Diggers". Sehr aufschlussreich, wie die Tregubova den überaus mutigen russischen Verleger ihrer Bücher fand: Alexander Iwanow, der auch den immer wieder wegen Pornographie geschmähten Wladimir Sorokin verlegt.

Im zweiten Teil von Die Mutanten des Kreml berichtet die Autorin von den dramatischen Ereignissen nach dem Erscheinen ihres Buches in Russland - als sie 2003 nur durch ihren Hang zur Unpünktlichkeit einem Bombenattentat entging -, von ihrem ungeheuren Erfolg und schließlich von der systematischen Demontage ihrer Person in der Öffentlichkeit: Sie wurde beim "Kommersant" gekündigt, erhielt als weltweit bekannte Kämpferin für eine freie, unabhängige Presse, keine neue journalistische Arbeit und hat ständig Angst vor einem neuerlichen Anschlag auf ihr Leben. In der alljährlich von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" vorgelegten Rangliste der Pressefreiheit belegt das putinsche Russland den 138. Platz von insgesamt 167 Staaten. Einer "Statistik zur Verteidigung von Glasnost" ist zu entnehmen, dass die Zahl der Gerichtsverfahren gegen Medien und Journalisten 2006 auf 240 stieg, neun Journalisten wurden 2006 umgebracht. Nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" sind mindestens vierzehn Journalisten in Russland ermordet worden.

Manchmal wirkt Elena Tregubova durch ihre von sich eingenommene Art unsympathisch, meist kann man ihr aber für ihren bewundernswerten Mut seine Anerkennung nicht versagen. Ihr Buch ist keine soziologische Machtanalyse, sondern ein emotionaler Erfahrungsbericht einer Journalistin über die Machenschaften in einem Land, das noch weit von einer Demokratie entfernt ist, eben über ihr Leben in Putins Reich. Unangenehm fällt auf, dass die Tregubova ihr Buch professionell auf Wirkung geschrieben hat; es ist eine Mischung aus harter Kritik am und kalkuliertem Klatsch aus dem Kreml. Jedenfalls hätte es nicht des Mordes an Anna Politowskaja bedurft, um als Leser zu begreifen, was für ein gefährliches Handwerk Elena Tregubova betreibt, wenn sie die Eingriffe der russischen Regierung in die Pressefreiheit kritisiert.. "Ich kennen niemanden", sagt sie, "der es jetzt noch riskieren würde, mich einzustellen." Und: "Jeder, der sich im heutigen Russland Putin entgegen stellt, befindet sich ohne Übertreibung in tödlicher Gefahr."

Nach Solschenizyn, Sacharow und Sorokin hat kein Autor einen solchen Aufruhr in Russland verursacht wie Elena Tregubova mit Die Mutanten des Kreml. Sie, die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkovskaja** und der insgesamt sechs Jahre inhaftierte Militärjournalist Grigori Pasko sind Beispiele dafür, was kritischen Journalisten im  Russland von heute passieren kann...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Den "Kommersant" nennt selbst die kritische Darja Donzowa in ihrem Kriminalroman "Spiele niemals mit dem Tod" eine angesehene Zeitschrift.

 ** Die ermordete Journalistin und Regierungskritikerin Politkovskaja ist 2006 in ihrer Heimat posthum mit einer staatlichen Menschenrechtsmedaille ausgezeichnet worden.

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Am 06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Gehst du in den Kampf, halte den Feind nie für schwächer als dich selbst.
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