Belletristik REZENSIONEN

Jede Flamme im Kolben - Abbild einer lebendigen Seele

Russe
Der Animator
Aus dem Russischen von Christiane Körner
Carl Hanser Verlag, München 2007, 288 S.

Bei dem Wort "Animator" denken wohl die meisten an einen Urlaub, bei dem fesche Jungs und knackige Mädchen dafür bezahlt werden, dass sie nicht ausstehen können, wenn ein Urlauber auf der faulen Haut liegt. Bei Wolos ist die "Animation" jedoch nicht, was man normalerweise darunter versteht, sondern ein Zweig der Bestattungsindustrie; "animator" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Beleber".

Der "Beleber" in Wolos Roman ist Sergej Barmin, Dozent am Moskauer Animazentrum und als Animator viel gefragt und gut bezahlt. Barnim dreiundvierzig Jahre alt, hat eine erwachsene Tochter von der Mutter gegen den treulosen Vater aufgehetzt. Und Barnim hat eine Geliebte, Klara, die ihn eines Tages Hals über Kopf verlässt, weil sie, was er nicht weiß, von ihm schwanger ist. Er hatte ihr oft genug bedeutet, dass er keine Kinder mehr wolle. "Ja, ich war dagegen, mir Nachkommen anzuschaffen, bewusst und konsequent."

Im Buch wechseln sich die Kapitel, aus denen man von Sergej Barnims Privatleben erfährt, und die Kapitel, die über sein berufliches Leben als Animator berichten, in schöner Regelmäßigkeit ab. In den Kapiteln des Animazentrums spielen acht Tote eine Rolle: Wassili Nikoforow, neunundvierzig Jahre alt, hatte eine alltägliche Ehe mit Suff und Zank geführt und starb, weil er, von Beruf Wurstmacher, einen elektrischen Fleischwolf unfachmännisch zu reparieren versuchte; er bekam einen tödlichen Schlag. - Waleri Rebrow, einundsechzig Jahre alt, Physiklehrer, kommt bei einem Attentat in einem klapprigen Bus ums Leben. - Salah Madshidow, siebzehn Jahre alt, ist der tschetschenische Selbstmord-Attentäter, der nach entsprechender Schulung sein Leben für den "wahren Glauben" opfert und hofft, als Märtyrer ins Paradies zu kommen. - Nikolaj Korin, vierunddreißig Jahre alt, Oberstleutnant der russischen Armee, verkauft den Tschetschenen gestohlene Haubitzengeschosse, um sich für das Geld ein Traumhaus zu bauen. Ein eigenes "Haus bei Charkow (einem geräumigen, soliden Haus mit Kamin, Balkon, einem anständigen Grundstück, einer festen Garage und einem glänzenden, lautlosen Auto darin.") Bevor er das Geld ausgeben kann, wird er von den katschirischen (tschetschenischen) Islamisten erstochen. - Walentin Belosjorow, neunundfünfzig Jahre alt, Mitarbeiter der FABO, der Nachfolgeorganisation des KGB, wollte Sergej Barnim überreden, sein Können bei Lebenden anzuwenden, um zu erkunden, was sie im Schilde führen; er stirbt an einem Herzinfarkt. - Mamed "der Gerechte", sechsunddreißig Jahre alt, der Korin erstochen hat  und der Sergeant Pawel Gratschkow, neunundzwanzig Jahre alt, der eine Katschire (Tschetschene), der andere Russe, kommen um bei der Geiselnahme im Columbus-Theater. (Gemeint ist die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost".) Als Zuschauerin stirbt hier auch Klara, mit der sich Barnim gerade wieder versöhnt hatte. Beide wollten - mit Kind! - ein neues Leben beginnen...

Können solche skizzenartigen Geschichten ein Roman sein? Wolos nennt seinen vor sieben Jahren erschienenen Roman "Churramobod" einen "Roman in punktierter Linie", was bedeuten soll, dass die einzelnen, in sich abgeschlossenen Geschichten durch etwas - hier ist es die Stadt Churramobod - zusammengehalten werden. Auch Der Animator ist so ein "Roman in punktierter Linie", zusammengehalten jeweils durch einen Toten und seine Anamnese (Vorgeschichte): Der Leser erfährt jeweils wichtige Punkte aus dem Leben des Toten und wie es zu seinem Tod kam.

Laut Wolos hat sich die Gier der Menschen nach der Ewigkeit vervielfacht. Deshalb genügen den Angehörigen (in Russland) nicht mehr Grabsteine, Denkmale und Pyramiden, um ihre lieben Verstorbenen vor dem Vergessen zu bewahren. "Der Mensch ist sterblich. Und er weiß es. Und trotzdem hegt er eine stumpfsinnige Gier nach der Ewigkeit. (...) Wer lebt, möchte am Leben bleiben. Immer. Bis ans Ende aller Zeiten. Und wenn das nicht geht, dann will er wenigstens nicht vergessen werden. Im Kampf mit dem Vergessen ist jedes Mittel recht." Und so nutzt der Animator das Phänomen der "Noolumineszenz". Dazu benötigt er eine weiche Frequenzstrahlung, die Substanz eines menschlichen Körpers - einfacher ausgedrückt: eine Leiche - und eine spezifische Imaginationskraft. Diese kann durch einen Informanten beeinflusst werden, der dem Animator wichtige Einzelheiten aus dem Leben des Verstorbenen berichtet. Am Ende der Prozedur entsteht ein Kraftkolben, in dem eine Flamme glüht - das Abbild der Seele des Verstorbenen - je heller die Flamme, desto höher das Honorar des Animators.

Ein Science-Fiction-Roman? Nicht wirklich, denn Wolos lässt seinen Helden ausufernd von den Ideen des russischen Philosophen Nikolaj Fjodorow (1829-1903) schwärmen, für den die Auferweckung der Toten und ihre Wiedereingliederung in eine große "gemeinsame Sache" nicht bloß ein abstrakter Traum gewesen ist. Fjodorows Ideen wirkten auf Fjodor Dostojewskij und Lew Tolstoj und wurden während der Sowjetära von Andrej Platonow und Boris Pasternak literarisch verarbeitet. Nun also hat Andrej Wolos sich dieses Sujets für die Nach-Sowjetzeit angenommen...

Wolos schneidet in Der Animator viele innenpolitische Themen der Nach-Sowjetzeit an. Über alle habe ich bei anderen Autoren (Pelewin, Sorokin, Slapovsky...) schon Beeindruckendes gelesen. Auch über den Tschetschenienkrieg und die Geiselnahme im Theater "Nord-Ost" haben andere Autoren (Jussik, Adler, Cavelius...) eindrucksvoller geschrieben. Warum eigentlich benennt Wolos die Tschetschenen (verfremdend?) in Katschiren um? Warum sprechen sie katschirisch, und warum heißt ihre Hauptstadt Katschirtys? Es dauert ein Lese-Weilchen bis man dahinterkommt, dass sich hinter dem  fiktiven Volk der Katschiren die Tschetschenen verbergen. Wozu?

Ein kompliziert konzipiertes Buch, das an Wolos erstem Roman, an "Churramodod", von nationalen Auseinandersetzungen in Tadshikistan handelnd, nicht heranreicht.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de 

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Am  27.07.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 22.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Geschwätz hat tausend Mäuler und tausend Ohren.
Sprichwort der Tschetschenen


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