Belletristik REZENSIONEN

Gefeiert wie ein Popstar

Russin
Lenas Flucht
Aus dem Russischen von Helmut Ettlinger
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2004, 2. Auflage

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Anneliese Schröder.)

Die Daschkowa wurde 1960 geboren, ist Absolventin des renommierten Gorki-Literatur-Instituts, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften, ferner als Simultandolmetscherin für Englisch und als Übersetzerin. Inzwischen kann sie von ihren Büchern leben; denn trotz der großen Autorinnen-Konkurrenz (Marinina, Dankowtsewa, Donzowa, Platowa, Stepanowa...) ist sie mit Millionen-Auflagen heute die "Königin des russischen Kriminalromans", gefeiert wie ein Popstar.

Selten geht es bei ihr um einfachen Mord und Totschlag, fast immer schildert sie besondere, oft ausgefallene Kriminalfälle. In "Für Nikita" schreibt sie über den koreanischen Guru einer Sekte im sibirischen Sinedolsk, die ihre Mitglieder zu hündischer Ergebenheit manipuliert. In "Russische Orchidee" geht es mörderisch zu wegen einer kostbaren Brosche mit dem sagenhaften Diamanten "Pawel", vererbt von einer gräflichen Großmutter.

In Lenas Flucht hat sich die Daschkowa etwas besonders Abartiges ausgedacht: Gewissenlose Ärzte überweisen schwangere Frauen in ein Krankenhaus in Lesnogorsk, wo weitere gewissenlose Ärzte für künstliche Wehen sorgen, um Kinder der 22.-26. Schwangerschaftswoche auf die Welt  zu bringen. Diese lebenden Winzlinge werden - für viel Geld - zu gefragten medizinischen Präparaten "verarbeitet". Den Müttern wird weisgemacht, ihre Kinder seien tot geboren worden oder schon im Mutterleib tot gewesen.

Leiterin der gynäkologischen  Abteilung des Krankenhauses von Lesnogorsk, einem Außenbezirk von Moskau, ist Amalia Petrowna Sotowa. Sie ist sechzig Jahre alt, "eine würdevolle Erscheinung, groß und etwas füllig - wie es für eine Frau jenseits der Fünfzig nur von Vorteil ist". Der Tag begann für sie mit einer halben Stunde Gymnastik und Wechselduschen. "Ein-, zweimal die Woche besuchte sie einen sehr teuren und angesehenen Schönheitssalon. Das korrekt geschnittene und frisierte graue Haar ließ sie mit einer auserlesenen französischen Farbe bläulich tönen. Vor Jahren hatte Amalia Petrowna dafür gewöhnliche blaue Tinte benutzt, die sie in vier Litern Wasser auflöste. Damals besaß sie kein einziges Paar ungestopfter Strumpfhosen... Jetzt aber blitzten an ihren Ohren und Fingern große, lupenreine Brillanten. Unter den Fenstern ihrer Dreizimmerwohnung stand ein nagelneuer silberglänzender Toyota."

Um sich ein solches Luxusleben "zu erarbeiten" muss man gewissenlos sein. Und Amalia Petrowna ist es in unvorstellbarem Maße...

Eine Frau, Lena Poljanskaja, die als Schwangere ebenfalls nach Lesnogorsk verfrachtet wird, deckt die Machenschaften der Gynäkologie-Chefin und ihrer kriminellen Mitarbeiter auf. Lena Poljanskaja? Ich erinnere mich, dass sie schon als Laiendetektivin in "Die leichten Schritte des Wahnsinns" Hauptheldin war. In jenem Krimi (Deutsch 2001)  ist sie mit einem Obersten der Miliz verheiratet, den sie aber erst in Lenas Flucht (Deutsch 2004) kennen lernt. Womit erwiesen ist - und dazu bedarf es nun wirklich keiner kriminellen Fähigkeiten - dass Lenas Flucht ein alter Krimi der Daschkowa ist, den der Verlag neu ausgegraben hat. Da verwundert mich dann auch nicht mehr, dass dieser Kriminalroman der Daschkowa nicht ganz so brillant geschrieben ist wie ihre folgenden, allen voran "Die leichten Schritte des Wahnsinns". Aber auch schon in diesem Krimi, ihrem allerersten, sind die handelnden Personen psychologisch fein gezeichnet, besonders die Frauen.

Wie es der Verlag fertig bringt, auf Seite 2 von "heute 12 Millionen verkauften Büchern" der Daschkowa zu schreiben, um auf der letzten Umschlagseite desselben Buches  "weltweit mehr als 25 Millionen Exemplare" zu nennen - das ist ein unaufgeklärter Fall.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
Weitere Rezensionen zu "Kriminalliteratur":

  • Boris Akunin, Fandorin.
  • Boris Akunin,Türkisches Gambit.
  • Boris Akunin, Mord auf der Leviathan.
  • Boris Akunin, Der Tod des Achilles.
  • Boris Akunin, Russisches Poker.
  • Boris Akunin, Die Schönheit der toten Mädchen.
  • Boris Akunin, Der Magier von Moskau.
  • Boris Akunin, Die Entführung des Großfürsten.
  • Boris Akunin, Der Tote im Salonwagen.
  • Boris Akunin, Die Bibliothek des Zaren.
  • Boris Akunin, Die Diamantene Kutsche.
  • Boris Akunin, Pelagia und die weißen Hunde.
  • Boris Akunin, Pelagia und der schwarze Mönch.
  • Boris Akunin, Pelagia und der rote Hahn.
  • Boris Akunin, Die Liebhaber des Todes.
  • Boris Akunin, Der Favorit der Zarin.
  • Kristina Carlson, Das Land am Ende der Welt.
  • Sophia Creswell, Der Bauch von Petersburg.
  • Anna Dankowtsewa, So helle Augen.
  • Anna Dankowtsewa, Ein Haus am Meer.
  • Polina Daschkowa, Die leichten Schritte des Wahnsinns.
  • Polina Daschkowa, Club Kalaschnikow.
  • Polina Daschkowa, Russische Orchidee.
  • Polina Daschkowa, Für Nikita.
  • Polina Daschkowa, Nummer 5 hat keine Chance.
  • Polina Daschkowa, Keiner wird weinen.
  • Darja Donzowa, Ein Hauch von Winter.
  • Darja Donzowa, Spiele niemals mit dem Tod.
  • Darja Donzowa, Bis dass dein Tod uns scheidet.
  • Darja Donzowa, Nichts wäscht weißer als der Tod.
  • Darja Donzowa, Perfekt bis in den Tod.
  • Marek Halter, Die Geheimnisse von Jerusalem.
  • Elfi Hartenstein, Moldawisches Roulette.
  • Leonid Jusefowitsch, Im Namen des Zaren.
  • Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis.
  • Andrej Kurkow, Petrowitsch.
  • Andrej Kurkow, Ein Freund des Verblichenen.
  • Andrej Kurkow, Pinguine frieren nicht.
  • Anna Malyschewa, Tod in der Datscha.
  • Alexandra Marinina, Mit verdeckten Karten.
  • Alexandra Marinina, Tod und ein bisschen Liebe.
  • Alexandra Marinina, Auf fremdem Terrain.
  • Alexandra Marinina, Der Rest war Schweigen.
  • Alexandra Marinina, Die Stunde des Henkers.
  • Alexandra Marinina, Der gestohlene Traum.
  • Alexandra Marinina, Widrige Umstände.
  • Alexandra Marinina, Im Antlitz des Todes.
  • Alexandra Marinina, Mit tödlichen Folgen.
  • Viktoria Platowa, Die Frau mit dem Engelsgesicht.
  • Viktoria Platowa, Ein Püppchen für das Ungeheuer.
  • Viktoria Platowa, Die Diva vom Gorki-Park.
  • Tatjana Stepanowa, Der dunkle Hauch der Angst.
  • Tatjana Stepanowa, Der süße Duft des Blutes.
  • Bernhard Thieme, Russisch Roulette.
  • Sergej Ustinow, 12 Uhr Majakowski Platz, Hörbuch.
  • Tatjana Ustinowa, Blind ist die Nacht.
  • Robin White, Sibirische Tiger.

Ins Netz gestellt am 06.03.2007. Letzte Bearbeitung am 12.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Dieb ist Dieb, ob er nun ein Ei stiehlt oder einen Stier.
Sprichwort der Russen
 [  zurück  |  drucken  |  nach oben  ]