Belletristik REZENSIONEN

Macht macht einsam

Russe
Die letzte Liebe des Präsidenten
Aus dem Russischen von Sabine Grebing
Diogenes Verlag, Zürich 2005, 696 S.
 
Können Sie, die Sie von Kurkow - in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt - schon "Picknick auf dem Eis", "Petrowitsch", "Ein Freund des Verblichenen" oder / und "Pinguine frieren nicht", gelesen haben, sich vorstellen, dass der Autor stets mit einer Taschenwaage einkaufen geht? Andrej Kurkow nennt eine solche Waage seine "Hauptwaffe um persönliche Würde": "Ich verlange also vom Verkäufer ein Pfund Käse. Er wiegt den Käse auf seiner Waage ab, die sechshundert Gramm anzeigt, dann wiege ich auf meiner Taschenwaage nach, die vierhundert anzeigt. Schließlich bezahle ich für das Gewicht, das meine Waage anzeigt. Das Ganze wird manchmal von einem kleinen Skandal begleitet, manchmal geht´s auch friedlich ab." 

So absurd wie im wirklichen Leben geht es auch in Kurkows jüngst erschienenem Buch Die letzte Liebe des Präsidenten zu. "Hier beschreibe ich", fasst Kurkow den Inhalt seiner fast siebenhundert Seiten (Auf Deutsch in alter Schreibweise erschienen.) zusammen, "wie jemand 2013 zufällig Präsident wird und sich das russisch-ukrainische Verhältnis gestalten könnte." Der ukrainische Präsident des Jahres 2013, Sergej Stepanowitsch Bunin, ist mit Anfang fünfzig auf der Höhe seiner Macht. Aus kleinen Verhältnissen stammend, kannte er die richtigen Leute bereits vor ddem Zusammenbruch der Sowjetunion. Später halfen sie ihm, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Privat allerdings lässt ihn das Glück im Stich... Da beschließt Sergej Stepanowitsch Politiker zu werden. Er arbeitet Tag und Nacht und wird schließlich Präsident. Doch im Parlament wimmelt es von Intriganten. Wem kann Sergej Stepanowitsch noch trauen? Den Parteifreunden, die ihn um ein Haar vergiftet hätten? Dem Arzt, der ihm ein fremdes Herz transplantiert hat? Doch da taucht eine unerfüllte Liebe aus früheren Zeiten wieder auf. "Alte Liebe rostet nicht", erfährt der Präsident am eigenen Leibe. Im Epilog (vom 15. März 2016) ist (als Fazit?) zu lesen: "Und jetzt stellte ich mir vor, wie ich nach der Geburt des Kleinen sachte meinen Rücktritt erklären würde. Ein kleines, nahestehendes Wesen zu lieben war so viel leichter, als zu versuchen, ein ganzes Land zu lieben. Leichter und erfreulicher, gar nicht zu reden davon, daß ein Kind gewöhnlich Liebe mit Gegenliebe beantwortet. Ganz im Gegensatz zu einem Land."

Andrej Kurkow - 1961 im russischen Leningrad (heute: St. Petersburg) geboren, seit seiner Kindheit im ukrainischen Kiew lebend - durchbricht in seinem Roman ständig die Chronologie - ohne dadurch die Lektüre zu stören. Von Kapitel zu Kapitel wechseln sich drei verschiedene Zeitebenen ab - beginnend mit 1975, da ist der zukünftige Präsident, vierzehn Jahre alt, nach einer kleinen Sauferei im Zentrum Kiews unterwegs nach Hause. Die zweite Ebene, 1983 beginnend, weiß von vier Hochzeiten, drei aus Schwangerschaftsgründen, eine davon die des zukünftigen Präsidenten. Hinter ihm liegen die Schule, ein Dutzend Arbeitsstellen, von denen er es auf keiner länger als drei Monate ausgehalten hat, die Heirat. Die dritte Ebene beginnt 2015, da bekommt unser Held "mit schwierigem Charakter", der inzwischen als Präsident regiert, ein neues Herz. "Ich stellte mir irgendein Schulbuch in vielleicht hundert Jahren vor! `Präsident Bunin, S. P., wurde das Herz eines tragisch verunglückten Oligarchen eingepflanzt. Das Herz war krank und arbeitete nur dank einer eingesetzten Batterie, oder, wie heißt das noch, eines Schrittmachers. Als Präsident Bunin versuchte, Einzelheiten über die eigene Operation herauszufinden, stellte sich heraus, daß der Chirurg gestorben, seine beiden Assistenten bei ein und demselben Autounfall umgekommen, der Anästhesist verschwunden war, und sämtliche OP-Schwestern im Land leugneten, an der Operation beteiligt gewesen zu sein...´" Ansonsten galt die Lage im Land 2015 als normal: "Siebenunddreißig Tote in der Produktion, achtzehn tödliche Vergiftungen mit selbstgebranntem Wodka, drei Auftragsmorde und dreizehn gewöhnliche." Allerdings: "Wer im Staatsdienst Karriere macht, entfernt sich immer weiter vom Normalen (...). Ich bin schon lange nicht mehr normal, weil ich der Präsident bin. Und unser Präsident kann nicht normal sein, das ist unsre nationale Eigenart. Einen Normalen wählt man nicht, der wäre zu einfach, beschränkt, naiv und gutherzig..."

Neben den drei Zeitebenen - in denen sowohl über die Sowjetzeit als auch über die postsowjetische Zeit erzählt wird - gibt es viele Rückblenden, trotzdem nie ein zeitliches Tohuwabohu!

Der russische Präsident Putin soll seit der antirussischen "orangenen Revolution" die meisten ukrainischen Autoren in Russland verboten haben, u. a. den Russisch schreibenden Bestseller-Autor Andrej Kurkow, der von sich selber sagt, dass er sich nicht als Russe fühle, sondern als Ukrainer russischer Herkunft. In seinem jüngsten Roman Die letzte Liebe des Präsidenten spricht Kurkow recht despektierlich von dem  "eher kleinen und mageren" Putin. (Überraschend hat sich eine kleine ukrainische Partei im September 2005 den Namen "Partei der Politik Putins" gegeben.) Übrigens: Den Giftanschlag auf den heutigen ukrainischen Präsidenten Juschtschenko hat Kurkow in seinem Buch Die letzte Liebe des Präsidenten fiktional vorweg genommen. Gegenwärtig soll es in Moskau - teilte mir meine Freundin Nina mit - nicht einmal Reiseführer über Kiew in den Buchhandlungen geben. In Kiew hingegen besetzte bis zur "orangenen Revolution" die "Kultur der Kolonisten" den ukrainischen Buchmarkt zu neunzig Prozent. Dennoch: Die Heimat von Taras Schewtschenko, Bulgakow und Gogol wird bereits als Gastland der Frankfurter Buchmesse für das Jahr 2008 gehandelt. Dann werden wir staunen, wie viele übersetzenswerte ukrainische Autoren es gibt...

Sein nächstes Buch, verspricht Kurkow, werde sich mit der gegenwärtigen Ukraine befassen. "Viele haben Angst, dass die Ukraine von radikalen Nationalisten übernommen wird." Auch Kurkows Eltern - die Mutter ist pensionierte Ärztin, der Vater war Testpilot - fürchten eine solche Entwicklung. Die ältere Generation, meint Kurkow, sei genetisch noch immer der von Furcht besetzte postsowjetische Mensch. "Auch in meinem Herzen gibt es, wie im Herzen eines jeden postsowjetischen Menschen, ein Quäntchen Nostalgie, das sich auf die alten Zeiten bezieht. Wir vergleichen dauernd das Leben heute mit dem von damals, in der Zeit der Sowjetunion. Und auch wenn wir nicht zurück wollen, irgendwie lässt uns diese Zeit nicht los." Und so schreibt Kurkow dann auch in seinem Buch: "(...) meine Mutter litt unter dem Ende der sowjetischen Moralprinzipien. Denn jetzt galt überhaupt keine Moral mehr. Moral war nicht mehr im Umlauf, fast gleichzeitig mit dem Ende des sowjetischen Rubels. Jetzt waren Dollars im Umlauf, und ich wußte seit Kindertagen, daß es dort, wo Dollars waren, weder Moral noch Gerechtigkeit gab."

Andrej Kurkow gehört zu den wenigen Autoren in der Ukraine, die von der Schriftstellerei leben können. "Ich habe Glück gehabt", sagt er bescheiden. Dem Glück hat er allerdings kräftig auf die Beine geholfen. So hat er sich zum Beispiel für seinen zweiten Roman - eine hintergründige Abrechnung mit der Stalin-Zeit - 25 000 Rubel zusammengeborgt, Druck und Vertrieb selbst organisiert. Auch die Werbung nahm er in die eigenen Hände: Er plakatierte Kiews Busse und Lastwagen mit Werbung für sein Werk, den "Bestseller, über den alle reden", und das, bevor auch nur ein einziges Buch verkauft worden war. Einige Wochen später konnte er seinen Freunden das Darlehen samt Zinsen zurückzahlen. Um nicht einer der wenigen erfolgreichen Autoren der Ukraine zu bleiben, hat er gemeinsam mit seiner (englischen) Frau den Verlag "Visiting Cards" gegründet, indem er ukrainische und russische Autoren in englischer und französischer Sprache herausbringt. Mit einer zweiten Verlagsgründung "Counterflow" ("Gegenströmung") will er westliche Autoren den ukrainischen und russischen Lesern bekannt machen. Wenn ich mir vorstelle, wie viel Geld Kurkow für seinen Vier-Personen-Haushalt (Er hat zwei kleine Kinder.) allein durch seine Taschenwaage spart, dann sind bestimmt einige Griwna* für seine Verlagsgründungen allein dadurch zusammen gekommen. Kurkow lebt übrigens außer in Kiew auch jeweils einige Zeit des Jahres in London. Ich stelle mir - eingedenk des oft grotesken Humors Kurkows vor - er gehe auch in London mit seiner Taschenwaage einkaufen...

Gar zu gerne wüsste ich, ob der bei den Lesern (und bei mir) so beliebte Pinguin Mischa (aus den Büchern "Picknick auf dem Eis" und "Pinguine frieren nicht") noch einmal in einem Buch mit von der Partie sein wird. Vielleicht schon in Kurkows nächstem Roman? Doch da entdecke ich im einem Interview in der "taz" diese Antwort Kurkows: "Mischa ist mit einem Flugzeug [aus der Arktis] nach Kiew geflogen, um sich die ´orangene Revolution´ und deren Folgen aus der Nähe anzusehen. Wenn er sicher ist, dass sein Freund Viktor in eine Ukraine zurückkehren kann, die ein glückliches Land werden wird, kann Mischa ganz beruhigt wieder in die Antarktis fliegen." Und wenn nicht? Gegenwärtig gilt die `orangene Revolution´ als gescheitert...

Wie von mir schon oft angemerkt, ist auch in Die letzte Liebe des Präsidenten die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken von der Übersetzerin oder dem Diogenes-Verlag falsch UDSSR geschrieben.

Manchmal nur in Nebensätzen ist im Buch außer von den Russen und Ukrainern von den Krimtataren die Rede, von Kasachstan, von einer Zigeunerin, von armenischen Pantöffelchen, von Tataren, Krimtatarischen Juden, Moldawien, Tschetschenen und Russischen Juden. "Wahres Talent", sagt Kurkow dazu, "hat keine Nationalität."

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Kürzlich las ich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von der ukrainischen Währung "Hrywna". Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich diese vermeintlich neue Währung als die alte Währung "Griwna". Es ist schon ein Kreuz mit den Schreibweisen aus dem Slawischen... Übrigens: Fünf Griwna kostet ein Polaroid-Foto vor dem Denkmal des von den Gebrüdern Klitschko ("die stärksten Fäuste Kiews") neu vergoldeten national-kosakischen Erzengels Michael.

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Ukraine":

  • Wladimir Kaminer, Die Reise nach Trulala.
  • Andrej Kurkow, Petrowitsch.
  • Andrej Kurkow, Ein Freund des Verblichenen.
  • Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis.
  • Andrej Kurkow, Pinguine frieren nicht.
  • Andrei Kurkow, Myzelistan.
  • Alexander Pjatigorski, Erinnerung an einen fremden Mann.
  • Reiner Riedler (Fotos) / Martin Pollack (Text), Ukraine.
  • Günter Rosenfeld (Hrsg.), Skoropadskyj, Pavlo. Erinnerungen 1917 bis 1918.
  • Semjon S. Umanskij, Jüdisches Glück. Bericht aus der Ukraine 1933-1944.

Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Leicht verdientes Geld wiegt nichts.
Sprichwort der Ukrainer

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