Belletristik REZENSIONEN

Ein schräger Internatsroman mit Horrortrip

Ukrainer
Kult
Aus dem Ukrainischen und mit einem Nachwort von Juri Durkot und Sabine Stöhr
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005, 261 S.

 (Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Hans und Beate Schirmer.)
 

Kult erschien in der Ukraine 2001. Da war Ljubko Deresch siebzehn Jahre alt und galt als "Wunderkind der ukrainischen Literatur". Im Mittelpunkt seines Romans - von dem der Autor in einem Vorspruch Kindern, Schwangeren und Herzpatienten abrät - steht der zweiundzwanzig Jahre alte Jurko Banzai aus Lemberg. Er ist Lehramtsanwärter im Fach Biologie an einem provinziellen Internat mit sonderbaren Lehrern ("lauter schrägen Vögeln") und Schülern ("mit der ganzen Welt hadernden Missgeburten") im fiktiven Midni Buky "am Rande der Karpaten". In seiner Dachwohnung, die er aus Geldmangel mit den Orchesternoten von Wagners "Fliegendem Holländer" tapeziert hat, raucht Banzai genüsslich Wasserpfeife, hört King Crimson, übt sich in der Kunst des luziden Träumens und übt sich im Züchten und Konsumieren bewusstseinserweiternder mexikanischer Pilze der Gattung Stropharia. Das Buch, schreiben die Übersetzer in ihrem Nachwort, "steht in der Tradition amerikanischer Initiations- und Entwicklungsromane wie etwa Salingers `Fänger im Roggen´ oder Irvings `Garp oder wie er die Welt sah´; in der Wahl des Schauplatzes und der skurrilen Protagonisten läßt er auch an Matt Ruffs Romandebüt `Fool on the Hill´ denken. Gleichzeitig orientiert sich Dereschs Erzählstil am Tempo von Stephen Kings spannungsgeladenen Thrillern und hält den Leser mit immer neuen Volten in Atem. Und die Freude am Spiel mit der Sprache, das Jonglieren mit Stilen, Dialekten und Jargons erinnert an Dereschs Freund und Förderer Juri Andruchowytsch, den bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller der  Ukraine."

Im Laufe der spleenigen Handlung verliebt sich Banzai in eine minderjährige Schülerin: in Daria Borges, erfahrungshungrig wie er selbst. "Ich heiße Daria Borges, und ich bin stolz darauf, daß ich alles von King und Vonnegut gelesen habe. Und ich besitze alle Platten von Jimi Hendrix." Je mehr sich die beiden (kiffend) ineinander verlieben ("Nicht Schönheit. Nicht Sex. Nicht Leidenschaft. Nicht Geld. Nicht Hoffnung und ganz sicher nicht Politik. Die Liebe rettet die Welt."), um so unbegreiflicher und beängstigender wird die Wirklichkeit um sie herum - der Postkommunismus mit seinen real existierenden Absurditäten -, vor allem das College mit seinen dämonischen Ereignissen: Schüler verschwinden; auf dem Schulklo erscheinen Botschaften in unverständlicher Sprache; Eulen über Eulen kreuzen auf; alle Schüler erkranken an einer merkwürdigen Grippe; Drogentrips vermischen sich mit grausigen Visionen. Endlich erkennen Daria und Banzai, dass sie in den Machtbereich des geheimnisvoll-sadistischen Roman Korij und seiner "unaussprechlichen Kulte" geraten sind.

Ich denke, eigentlich geht es dem wahrhaft gut aussehenden Jugendschriftsteller um seine orientierungslosen Altersgenossen, die alles Bestehende ablehnen, aber keine alternativen Werte haben. Ist Dereschs Buch an Pelewins "Generation P" geschult? Jedenfalls schlägt Deresch ebenso wild und abgedreht um sich. Erstaunlich ist die Belesenheit des jungen Autors und die gekonnt-satirische Darstellung des Lebens in jenem Provinzinternat plus Liebesgeschichte. Doch die wortklingelnden Abschnitte, in denen "das irdisch Gute" gegen "das außerirdisch Böse" kämpft (in Normalschrift, in Kursiv und in Großbuchstaben) langweilt bald schon. Auch die zunehmende Zitierwut lässt Unmut aufkommen. 

Der realsatirische Roman Kult ist von einem sehr jungen Mann für junge Leute geschrieben. Auch wenn ich (Jahrgang 1938) das Buch nicht unbedingt für ein überzeugend-gutes Buch halte, so zeugt es doch von echtem erzählerischem Talent - auch wenn man (als älterer Mensch?) mit einigem Kopfschütteln über das sehr unkonventionelle College liest, in dem sich Anhänger der freien Liebe, Paranoiker, Esoteriker, Drogenkonsumenten, Erleuchtete... tummeln. Gegen Ende ufert die Geschichte, wenn sie auf halluzinatorischen Pfaden wandelt, schrecklich aus. Eine zentrale Rolle spielt in Kult die Musik. Eine "sanfte Mischung aus Psychedelic der Sechziger und uraltem Rock ´n Roll" begleitet den Leser durch den gesamten Roman. Eine Musik, die eher zu mir als zu Dereschs Generation und schon gar nicht zu einem galizischen Kaff in den Vorkarpaten passt.

Ist Kult einerseits erstaunlich gekonnt geschrieben, so wirkt Kult andererseits auf mich doch auch ziemlich pubertär mit seinen von allen guten Geistern verlassenen Jugendlichen, die sich fleißig ins Nirwana saufen und kiffen. Die "Berliner Zeitung" schreibt, Ljubo Deresch habe "aus Stuss Kult" gemacht und fragt sich, ob der Autor mit seinem Roman den Literaturbetrieb "auf die Schippe" nehmen wollte... Dagegen nennen  die Übersetzer Kult ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die immer gleichen Geschichten vom Erwachsenwerden, von der Liebe, vom Kampf zwischen Gut und Böse vor dem Hintergrund regionaler - spezifisch osteuropäischer - Erfahrungen neu und frisch erzählt werden können. Mir scheint, beide haben recht!

Ljubko Deresch, literarisch gehätschelt von Juri Andruchowytsch, studiert Wirtschaftswissenschaften. Man kann gespannt sein, auf seinen nächsten Roman, auf  "Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet". Mir hat der ukrainische Literaturstar nach einer Lesung im Roten Salon der Berliner "Volksbühne" ein Autogramm gegeben und mir zusätzlich gut gelaunt ein strahlendes Kritzel-Gesicht ins Buch gemalt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 06.03.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 10.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Nur wer nicht jung war, war auch nie dumm.
Sprichwort der Ukrainer
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