Belletristik REZENSIONEN

Ein exzentrisches Paar auf Weltreise

Russe
Fluss
Texte von Viktor Jerofejew aus dem Russischen übertragen von Beate Rausch
Aufbau-Verlag, Berlin 1998, 288 S.

1979 war ich, als Journalistin auf dem Weg ins nordkaukasische Adygien, wieder einmal einige Tage in Moskau. Hinter vorgehaltener Hand erzählten mir meine Freundinnen Nina und Raissa, dass Wassili Axjonow mit dem Versuch gescheitert sei, einen Almanach ohne Eingriffe der Zensur zu veröffentlichen. In diesem Zusammenhang hörte ich, dass Viktor Jerofejew* bei diesem Versuch mit von der Partie war. Damals, das merkte ich aber erst Jahre später, hatte ich Viktor Jerofejew mit Wenedikt Jerofejew (1938 bis 1990) verwechselt, dem Autor des großartigen Buches "Die Reise nach Petuschki".

Dank der Perestroika konnte dann auch Viktor Jerofejew publizieren, in Deutschland erschienen bei verschiedenen Verlagen der Roman "Die Moskauer Schönheit" und "Tigerliebe", eine Sammlung russischer Erzählungen am Ende des 20. Jahrhunderts, von Jerofejew herausgegeben.

Nun liegt von ihm, geschrieben zusammen mit der deutschen Kulturredakteurin Gabriele Riedle, der Roman Fluss vor. Wie schnell viele Verlage heute dabei sind, ihre Bücher absatzfördernd einen Roman zu nennen...

Das Buch Fluss besteht aus fünf Abschnitten entsprechend der bereisten Flüsse (und Länder): der Wolga, dem Rhein, dem Ganges, dem Mississippi und dem Niger. Angeschmiert ist sowohl derjenige, der dem Verlag geglaubt hat, "eine Großform der epischen Literatur in Prosa" vor sich zu haben, als auch derjenige, der sich von dem Buch eine fünfteilige Reisereportage über Fluss, Land und Leute versprach.

Abwechselnd fabulieren mal ER mal SIE über ihre Erlebnisse - geschehenen oder erdichteten. Mit den Flüssen, Ländern und Menschen haben Ihre Plaudereien herzlich wenig zu tun. Wozu recherchieren und sich anstrengen wird sich das exzentrische Paar gedacht haben, wo doch andere berühmte Leute diese Gegenden schon bereisten und beschrieben. Nachdem beide sich gegenseitig und sich selbst charakterisiert haben, lassen sie ihrer unerschöpflichen Phantasie freien Lauf - streng bemüht, sich möglichst oft und viel unter der Gürtellinie zu bewegen. Sucht SIE was zum Kacken, will ER sie ficken: von vorne und von hinten, sie dabei immerzu schlagend und ihr in den Mund urinierend... Als beide auf dem Vater Rhein schaukeln und die Deutsche dem Russen hingebungsvoll die Eier krault, verlangt der Kapitän, dass sie einen Fragebogen ausfüllt, um nach einem Abstecher an Land wieder an Bord gelassen zu werden. Eine der Intim-Fragen ist die nach der durchschnittlichen Zahl ihrer unanständigen Wörter pro Satz. Das brachte mich auf die Idee, die unanständigen Wörter in diesem Buch zu zählen. Bei 666 habe ich aufgehört... Übrigens ließ ich zum Beispiel Scheiße und Scheißhaus, Arsch und Arschtritt... ungezählt durchgehen, schließlich will man ja nicht als prüde gelten.

Hin und wieder blitzt im Buch ein tief schürfender, interessanter Gedanke auf: über IHREN SS-Großvater zum Beispiel, über Hitler und Stalingrad. Aber allzu schnell verschwinden solche lesenswerten Gedanken wieder in seinem Schritt und zwischen ihren Schenkeln. Mit Nikolaj Gogol könnte man sagen "ein Löffelchen Honig, alles übrige ist Teer".

Dem Buch ist zu entnehmen, dass SIE und ER sich erst anlässlich dieser Flüsse-Reise kennen gelernt haben. Da ist man baff; denn das Duo unterscheidet sich in seiner Art und Weise zu schreiben um keinen Deut. Oft blätterte ich zurück, um mich davon zu überzeugen, ob dieser oder jener sexualistische Text auf seinem oder ihrem Mist gewachsen ist. Eine Frau und ein Mann, ihr Altersunterschied beträgt zwanzig Jahre, ER Russe, SIE Deutsche - da muss man doch zwei verschiedene Handschriften erwarten. Aber weit gefehlt, ihre und seine Texte gleichen sich wie ein (pornographisches) Ei dem anderen.

ER auf Seite 130: "Ein guter Schriftsteller ist für den Inhalt seiner Bücher nicht verantwortlich... Jedes Buch ist gedacht als eine Aneignung des Wortes, aber während des Aneignungsprozesses soll der Autor einen Akt des Selbstverrats begehen, sich also dem Wort ergeben und ihm gestatten, über ihn zu triumphieren. Alles übrige ist nur Papierverschwendung..." Mit dem letzten Satz bin ich voll einverstanden -  Fluss betreffend, die erste russisch-deutsche Koproduktion dieser Art.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Vier Jahre nach dem Schreiben der Rezension zu "Fluss" lese ich von Viktor Jerofejew in "Der gute Stalin" in einem Brief vom 27.1.79 an seine Eltern: "Von einer Sache muss ich genauer erzählen. Im Laufe eines Jahres haben einige Moskauer Schriftsteller (darunter Bitow, Axjonow, Iskander und ich) einen literarischen Almanach vorbereitet, der aus experimenteller Prosa und Lyrik besteht. Kürzlich haben wir ihn zum Schriftstellerverband gebracht und zur Veröffentlichung angeboten. Unsere Initiative wurde - für uns ziemlich überraschend - mit großem Argwohn aufgenommen, der sich rasch zu einem eindrucksvollen Skandal entwickelte. Man schleifte uns zum Schriftstellerverband zwecks `Maßregelung´ und zur Gehirnwäsche: Man war empört, stampfte mit den Füßen auf. Wegen der bekannten Namen (Achmadulina, Wosnessenski, Wyssozki u. a.) wurde der Skandal - inklusive `Maßregelung´ stadtbekannt, die ausländische Presse und Rundfunksender schalteten sich ein, und dann war die Hölle los. Es gab eine Sitzung des erweiterten Sekretariats des Schriftstellerverbands (ungefähr 70 Leute), auf der vier Stunden lang solche Leute wie Gribatschow, Shukow u. a. `Barbaren´ uns beschimpften und drohten. (...) Mir persönlich hat man ordentlich den Kopf gewaschen (im Verband und im Institut). Ich fürchte, unsere rein literarische Angelegenheit wächst sich (dank der Idiotie einiger eifriger Bewahrer des Konservatismus und der Stagnation) zu weiß der Teufel was aus. (...) Ich fühle mich ganz gut, obwohl ich reichlich Nerven verloren habe (und noch verliere)."

Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wenn die Katze nicht daheim ist, feiern die Mäuse Butterwoche.
Sprichwort der Russen

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