Belletristik REZENSIONEN

Von einem, der in der Sowjetunion einschlief und in der
unabhängigen Ukraine aufwachte...

Russe
Myzelistan
...die globale Erwärmung an einem vereinzelt herausgegriffenen Punkt...
Aus dem Russischen von Judith Merkushew
Katzengraben-Presse, Berlin 2006, 40 S.

 

Ich bin hingerissen!!! Sicherlich habe ich als gelernte Buchhändlerin eine besondere Affinität zu Büchern. Aber ich bin mir gewiss, Myzelistan*  kann niemanden unberührt  lassen. Weder der skurril-amüsante Inhalt des Buches, noch seine ungewöhnliche bibliophile Ausstattung.

Der skurril-amüsante Inhalt: In dieser von Kurkow exklusiv für die Katzengraben-Presse geschriebenen Geschichte wird Oleg aus der ukrainischen Stadt Uzgorod nach einer üppigen Whisky-Cognak-Nacht im besten Striptease-Club der Stadt als "verdammter Demokrat" und "politischer Extremist" verhaftet und ins berüchtigte Kiewer Lukjanowski-Gefängnis verbracht; angeblich hatte er im Suff Wahlplakate von den Zäunen gerissen. Um sich hinter Gittern sinnvoll zu beschäftigen, leiht er sich in der gut bestückten Gefängnisbibliothek ein Finnisch-Lehrbuch für den Selbstunterricht aus und den Band "Wie wird man Millionär?" - der ihn allerdings nichts Neues lehrt. "Beim Gedankenflug landete Olegs musternder Blick auf dem Holzfußboden seiner Zelle. Dieser war mit Flecken feinster grünlichgelber Waldflechte überzogen." Als Oleg entdeckt, dass sich in der "Nähe der kalten Wand auf moosiger Dielung moosige Pilzköpfe" emporrecken, hat er die Idee, seine Frau Walja zu bitten, ihm ein paar Stiegen Champignonmyzelien zu kaufen und sie ihm ins Gefängnis zu bringen; denn er hatte beschlossen, eine Pilzzucht zu beginnen. (Wir wissen schon z. B. aus Kurkows Erzählungsband "Herbstfeuer", wie sehr der Autor Eigeninitiativen seiner Buchhelden zu schätzen weiß.) Oleg, der im besten Einvernehmen mit dem Gefängniswärter (der eine Rollex am Handgelenk trägt!) lebt, wird ein sehr erfolgreicher Pilz-Geschäftsmann. Sogar der Gefängnisdirektor, "ein moderner Zeitgenosse mit aufkommendem Gerechtigkeitssinn", sucht den erfolgreichen Pilzzüchter höchstpersönlich auf, "erklärte ihm ausdrücklich, dass er schon immer ein Freund privater Kleinstunternehmer" gewesen sei und verspricht die Abnahme der Champignons durch die Gefängnisküche "zu normalen Marktpreisen" - versteht sich. "Für Oleg zeichnete sich das Bild einer glänzenden Geschäftsperspektive ab, doch vor den dicken Steinmauern siegte in diesem Moment die Orangene Revolution." Am nächsten Morgen wird der vermeintliche politische Häftling frei gelassen. Oleg ist unglücklich, ihn beunruhigt das Schicksal der im Gefängnis verbliebenen Champignons. Als die neue Macht in Kiew das Ruder in die Hand nimmt, weht ein neuer Wind. "Als Erstes befahl der neue Präsident, alle Zentralheizungen auf volle Arbeitsleistung umzustellen, auf dass niemand mehr friere in seinem Land." Einige Tage später ruft der Gefängniswärter Oleg zu Hause an, um ihm mitzuteilen, dass die Myzelien wegen der angekurbelten Heizleistung allesamt vertrocknet seien, man habe sie wegwerfen müssen. Oleg ist erschüttert. Doch kurz entschlossen, setzt der lernbesessene Oleg seinen im Gefängnis aufgenommenen Finnisch-Selbstunterricht fort, schreibt der Finnischen Botschaft einen Brief in finnischer Sprache und erhält umgehend eine Stelle als ... als was, wird nicht verraten.

Andrei [Andrej] Kurkow ist ein Meister des grotesken Humors, oft mit bitterbösen Pointen. "Seine Liebe zum Absurden, diese Gratwanderung zwischen Realismus und Surrealismus", schreibt der Katzengraben-Verlag, "gleicht einem Wurzelwerk sowjetischer Vergangenheit." Über den Autor Andrei Kurkow habe ich in meinen Rezensionen zu Kurkow-Büchern ("Picknick auf dem Eis""Petrowitsch", "Pinguine frieren nicht", "Ein Freund des Verblichenen", "Die letzte Liebe des Präsidenten", "Herbstfeuer") schon einiges berichtet. Im Buch Myzelistan steht jedoch ein so persönlicher Text (vom Verleger Christian Ewald), dass ich ihn hier leicht gekürzt wiedergebe: "Andrei Kurkow, mit russischer Muttersprache 1961 in Leningrad (heute: St. Petersburg) geboren, nach exzellenter sowjetischer Ausbildung lebt er als Kosmopolit in Kiew und London, bereist die Welt und besucht in Paris neben den Cafés am liebsten seine Zoo-Handlung am Ufer der Seine, die mit den großen Papageien. - Mit acht Jahren beginnt er mit dem Schreiben - ein Musenkuß nach dem tragischen Tod seiner freilaufenden Hamster; drei starben an einem Übermaß an Freiheit, der vierte stürzte sich wohl aus Einsamkeit vom Balkon des fünften Stockwerkes. - Eine riesige Kakteenzucht von 1 500 Sorten erleichtert ihm das Erlernen von Sprachen - Latein war die erste -, inzwischen sind es elf. [Ob auch Finnisch darunter ist?] - Schon mit seinen Büchern im Samisdat reiste er zu Lesungen, eingeladen in Clubs und Keller, in die weit entfernten Winkel der Sowjetunion. - Sein erster Roman erschien als letztes Buch russischer Sprache in einem ukrainischen Staatsverlag, die beiden folgenden verlegte er unter großen Schwierigkeiten auf eigene Rechnung [und ließ auf einen Bus, der durch Kiew fuhr, in großen Lettern die Behauptung aufdrucken, dass Kurkow ein Bestseller-Autor sei - bevor das erste Buch überhaupt verkauft worden war]. - 1999 schaffte er es als erster postsowjetischer Schriftsteller im Westen mit "Picknick auf dem Eis" (bei Diogenes) einen Bestseller zu landen; weitere Bücher (...) folgten."

Der Katzengraben-Verlag (www.katzengraben-presse.de) ist ein Kleinstverlag, der seinen Sitz in Berlin-Köpenick in einem 1683 erbauten Haus hat: Katzgraben 14, 12555 Berlin. Zweimal im Jahr - "wenn die Blätter fallen" - erscheint eine deutsche Erstausgabe, "manchesmal auch zweisprachig" - wie Myzelistan russisch und deutsch.

Die ungewöhnliche bibliophile Ausstattung:  "Aus handverlesenen Texten", sagt Christian Ewald, "entstehen handverlesene Bücher, die - allesamt - noch im Bleisatz gesetzt, im Buchdruck gedruckt und im Handeinband in japanischer Bindung von einmalig 999 limitierten Exemplaren [meines hat die Nummer 462] in besonderer Ausstattung" erscheinen. Das erste gedruckte Buch der Katzengraben-Presse war das ultimativ letzte Buch der DDR und wurde 1990 von der Stiftung Buchkunst in Frankfurt / Main "als eines der schönsten deutschen Bücher mit dem Preis der Stiftung Buchkunst" ausgezeichnet. Christian Ewald ist nicht nur der Inhaber und Verleger der Katzengraben-Presse, sondern auch der Illustrator, Grafiker und Gestalter der außergewöhnlichen Bücher. Jedes Buch aus seiner Hand ist eine Überraschung; keine Ausgabe gleicht der anderen. Bei Myzelistan  hat sich Ebert in der oberen rechten Ecke ein Daumenkino einfallen lassen, das dem Leser - wenn man die eingeschnittenen Seiten von hintern nach vorne durch die Finger gleiten lässt - zeigt, wie die Gitter vor dem Fenster einer Gefängniszelle erst eingezogen und - nach der Orangenen Revolution - entfernt werden. Myzelistan ist in zwei dicke graue, unbezogene Pappdeckel eingebunden. Zu den 999 limitierten Buchausgaben kommen jeweils noch 99 Vorzugs-Exemplare mit einer dreifarbigen Buchdruck-Grafik "Carruousel" von Christian Ewald nebst einem gültigen 10 Griven-Geldschein aus der Ukraine. Die wertvollen Bücher stecken in einer genähten und bedruckten Papiertüte mit schwarz-weißer Illustration und orangefarbener Südfrucht, die in eine Gefängniszelle gereicht wird. Nichts ist bei Ewalds Katzengraben-Büchern dem Zufall überlassen, z. B. auch nicht das rote "M" (zu Myzelistan) dass sowohl ein russischer als auch ein deutscher Buchstabe ist. Apropos russisch / deutsch. Die sich sehr flüssig lesende Übersetzung stammt von Judith Merkushew, 1975 in Berlin geboren, in Dresden lebend. Sie studierte Slawistik und transkulturelle Germanistik (Was iimmer das ist...). Sie, die seit einigen Jahren für die Katzengraben-Presse tätig ist, traf den Autor auf der Frankfurter Buchmesse - "und die Idee zu diesem Buche" (Dank fürs Dativ-e!) war geboren", schreibt der Verlag. Nicht einmal die Seitenzahlen werden von Ewalds Phantasie verschont; bei Myzelistan sind sie in Fünfergruppen gestrichelt... Ich geniere mich nicht zu gestehen, dass, als ich das einmalig-individuell ausgestattete Myzelistan in Händen hielt, geradezu gerührt war. Dass es so etwas Schönes (und Kostbares) schwarz auf weiß heute noch gibt - im Zeitalter von Fernsehen und Computer!

Ich hielt Myzelistan das erste Mal in Händen zu einer Veranstaltung der Berliner Buchhandlung "Bei Saavedra", als ich zu einer szenischen Lesung der deutschen Erst-Ausgabe eingeladen war - gestaltet von und mit Christian Ewald, der sich, über seine anderen Verlagstätigkeiten hinaus, auch noch als Schauspieler entpuppte. Ein Multitalent. Als Requisiten hatte er eine (nicht ganz maßstabgerechte) Gefängniszelle mitgebracht, eine Leiter, eine gemalte Sonne, einen Stuhl mit herausgenommenem Sitz. In eineinhalb Stunden las und spielte Ewald ("Ich habe Kurkow oft genug auf Buchlesungs-Reisen begleitet.") mit Kurkowscher Stimme, seinem unverkennbaren deutschen Akzent und mit unverwechselbarer Gestik die absurde Geschichte Myzelistan vor. Da ich Kurkow schon des öfteren persönlich gesehen und gehört habe, brauchte ich nur die Augen zu schließen, um fest davon überzeugt zu sein, dass da vorne auf der Bühne Andrei Kurkow selbst agierte.

Was für ein Autor, der mit seiner bitterbösen Komik die Zuschauer zu Lachsalven hinreißt, was für ein Verleger, der einmalig originell-schöne Bücher** macht und sie dann auch noch in einmaliger Manier selbst vorträgt.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

   * Myzel = Pilz; Myzelistan = Ort der Pilze[?] 

 ** Die Normalausgabe von Myzelistan im Format 17,50 x 23 cm kostet 98,00 €, die Vorzugsausgabe 198,99 €.

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Am 31.03.2008 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Pilze suche im Wald, Disteln in der Wüste.
Sprichwort der Ukrainer


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