Belletristik REZENSIONEN

Auf der Suche nach der russischen Seele...

Deutsche; über Sibirien
Sibirski Punk
Eine Reise in das Herz des wilden Ostens
Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2006, 255 S.

Merle Hilbk, fünfunddreißig Jahre alt, ist eine selbstbewusste junge Frau, die den Richtigen noch nicht gefunden hat. Um sich stattdessen an der "duscha" (sprich: duschá), der russischen Seele, zu laben, reist sie nach Sibirien, "in das Herz des wilden Ostens" -  der so wild gar nicht ist. Sie, die einen russlanddeutschen Großonkel hat, liebt die Hamburger Russen-Diskos, und bei Bulat Okudshawa und Wladimir Wyssozki, berühmten russischen Liedersängern, taucht sie "in ein warmes Gefühl ein". Deshalb entschloss sie sich zu einer Reise ins ferne Sibirien, "so kalt und sagenumwoben (...) wie kaum ein anderes Land der Erde". Sie weilt in Westsibirien (in Nowosibirsk und Akademgorodok), in Ostsibirien (in Burjatien und am Baikalsee) sowie in Mittelsibirien (im Altaigebirge und am Telezkoje-See); sie reist mit der Transsibirischen Eisenbahn, Überlandbussen, Fähren und Jeeps. Was sie besonders anzieht, ist der "Tanz auf dem schmalen Grad zwischen Verzweiflung, plötzlich explodierender Energie und Lebensgier".

Wie Ingo Petz kommt auch Merle Hilbk in ihrem Text um zahlreiche Vergleiche nicht herum (Auf dem Nowosibirsker Flughafen beginnt ein brutales Gerangel, "wie ich es nur aus den siebziger Jahren vom Sommerschlußverkauf kenne". Oder: "Der Jeep ist breit wie ein Hummer." Oder: "Grigoris Unterschriftenmappe ist dick wie ein Harry-Potter-Band". Oder: Der Autorin "Kopf ist so leer wie die Steppen Sibiriens".) Er ist geradezu auffällig dieser neumodische Stil der jungen, nur westdeutschen Journalisten. Dem "Spiegel" abgeguckt? Reist Petz mit Dostojewskij und Schostakowitsch im Gepäck, so führt Merle  Hilbk Tolstoj und Rachmaninow mit sich.

Merle Hilbk erzählt faktenreich und spannend von dem Wissenschaftler-Städtchen Akademgorodok, "ein Kunstgebilde mit rechtwinklig verlaufenden Straßen, quaderförmigen Wohnblocks und grauen, langgestreckten Institutsgebäuden, entsprach mit ihren breiten Grünflächen und Baumgruppen zwischen den Häusern dem Ideal europäischer Gartenstädte". Ich weilte in diesem grünen Städtchen 1970, um Professor  Michail Gawrilowitsch Slinko - Leninpreisträger, stellvertretender Institutsdirektor, Korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Vorsitzender der RGW-Kommission "Mathematische Modellierung der chemischen Reaktoren" - zur Elektronischen Datenverarbeitung zu befragen. Jahrelang schon hatte ich wissenschaftliche Beiträge in der Sowjetunion recherchiert und stets viele Stunden meiner sowjetischen Aufenthalte wartend in einem hehren Vorzimmer verbracht. In Nowosibirsk / Akademgorodok, wo ich trotz der wunderschönen Natur rundum nur einem grauen sibirischen Eichhörnchen begegnete, beschloss ich, mir ein natur- und volksnäheres Aufgabengebiet einfallen zu lassen: Es wurde  die FREIE WELT-Völkerschaftsserie, die erst nach dreiundzwanzig Jahren mit der Wende ihr Leben aushauchte...

Akademgorodoks Gründungsvater war Professor Michail Lawrentjew gewesen, "ein Visionär, der", so schreibt Merle Hilbk, "mit dem `Kästchendenken´ der Wissenschaft Schluß machen wollte". Die Chruschtschow-Regierung hatte beschlossen, in Sibirien eine Akademie der Wissenschaften anzusiedeln. Die Forscher sollten "in Ruhe und sauberer Luft den Ruhm der sowjetischen Wissenschaft mehren". Zu Zeiten der Reise Merle Hilbks sind noch immer  viertausend Studenten an der "Staatlichen Universität Nowosibirsk" eingeschrieben, die "gesamte Führungsriege des Instituts spricht inzwischen englisch".

Merle Hilbk - die einerseits einen Teil ihrer Familiengeschichte mit der Begeisterung für "Tolstoj, Rachmaninow und die Ader für alles Melancholische" verbindet, andererseits aber von ihrem spröden Rationalismus, ihrem protestantischen Arbeitsethos und ihrer Absicherungsmentalität schreibt - teilt uns über all ihre Aufenthaltsorte nicht nur bemerkenswerte Fakten mit, sondern weiß ihre Recherchen mit Bekanntschaften wie Grigori, dem Direktor des Atomforschungsinstituts, Pjotr, dem Manager der Punkband "Orgasmus Nostradamus", Swetlana, der burjatischen Schamanin und Autorennfahrerin, dem schmächtigen Sascha - "Augen wie die russische Seele: groß, warm und melancholisch" -,  Aljoscha, der als Soldat in Tschetschenien war, geschickt zu verbinden.  Oft ist die liebe Merle so gerührt, dass Tränen fließen - was sie mir sympathisch macht...

Zutiefst angerührt hat mich im Abschnitt "Ostsibirien" das Schicksal des Tschetschenien-Veteranen Aljoscha. Noch nie las ich bisher aus berufenem Mund über solche Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten in Tschetschenien. Aljoscha hat im wahrsten Sinne des Wortes zu lachen verlernt. Er ist ein "Junge mit einem zarten, zerbrechlichen Körper und einem Alte-Männer-Gesicht: die Haut zerfurcht, der Mund zermürbt, die Augen starr und erloschen"...

Neues habe ich in Sibirski Punk über die Dekabristenfamilien Wolkonski und Trubezkoj erfahren; denn Merle Hilbk lernt, einfach so, - das Glück gehört dem Tüchtigen - einen  Urenkel der Wolkonskis kennen.

Über Burjatien schreibt Merle Hilbk u. a., dass 1970 burjatische Gebräuche und Riten aus dem Alltag verbannt und "die buddhistischen Klöster, die geistigen Zentren der Region, zerstört" wurden. Wie kann es da sein, dass ich 1980  im burjatisch-buddhistischen Kloster von Iwolginsk ein Interview mit dem Bandido Chambo Oberlama* führte? Nach solchen Textstellen fürchte ich immer, dass auch noch vieles andere im Buch der Wahrheit nicht ganz entsprechen könnte.

Merle Hilbk war ausgezogen, um die russische Seele aufzuspüren. Hat sie dieses imaginäre Etwas - den Begriff "russische Seele" soll Alexander Herzen geprägt haben -  ausfindig gemacht? Ich bin nicht sicher. Ganz sicher aber hat sie den sibirischen Rock ´n Roll gefunden...
 

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de 

  * Aus: Gisela Reller, Zwischen Weißem Meer und Baikalsee, Bei den Burjaten, Adygen und Kareliern, Verlag Neues Leben, Berlin 1981, Seiten 41-43:

 Im Kloster von Iwolginsk:

"Als Weib, das bei strenggläubigen Buddhisten als eines der Weltübel gilt, wage ich nicht zu hoffen, im Kloster von Iwolginsk mit großen Ehren empfangen zu werden. Aber der Shireta Lama - der Klostervorsteher - reicht auch mir achtungsvoll die Hand, lächelt auch mich so freundlich-unverbindlich an wie meine männlichen Kollegen. Recht eiligen Schrittes führt er uns sodann zum heiligen Tempel, weil dort gerade der tägliche Gottesdienst stattfindet.

Am Eingang bleiben wir wie geblendet stehen. Soviel Farbenpracht, soviel verschwenderischen Reichtum, soviel Fremdartigkeit - das hatten wir nicht erwartet. In der Mitte zwei Reihen karmesinrot und goldgelb gekleideter Lamas im Lotossitz, der konventionellen Sitzhaltung der Buddhisten. (Die Farbe des Gewandes wird vom Rang bestimmt: Gelb weist zum Beispiel auf einen niederen Rang hin.) Im Hintergrund eine breite Glasvitrine, in der dicht an dicht vergoldete Buddhas hocken - riesengroße und winzigkleine; es sind genau eintausend Götzen, bei den Burjaten Burchane geheißen. Sie sollen die endlose Herrschaft des Buddhismus versinnbildlichen. Mitten im Raum Säulen mit grellbunten Löwenköpfen, an der Wand grellbunte geheiligte Bilder; an der heiligen Decke stilwidrige Kronleuchter aus Klein-Paris...

Ich zähle achtzehn Lamas. Abwechselnd anschwellend und abklingend ertönt ein Wortgemurmel, in tiefen, leisen, immer wiederkehrenden Tönen. Die Stimmen befinden sich in völligem Gleichklang, auf den Bruchteil einer Sekunde beginnen sie die Gebetsformel gemeinsam und hören auf den Bruchteil einer Sekunde wieder auf. Ich höre die Formel `Om mani padme hum!´ (O du Kleinod im Lotos!) heraus. Dazu schüttelt der Scheretui eine kleine, kugelförmige Rassel, hantiert mit Pauken und Trompeten, mit Muschelhörnern und Triangeln, mit Fahnen und anderem Kirchenzierat.

Nach dieser beeindruckenden Zeremonie besichtigen wir das ganze Gelände: das Äußere des heiligen Tempels, architektonisch eine Mischung aus zentralasiatischer und örtlicher Tradition, erbaut als leichter Pavillon mit umführenden Galerien und gebogenen Dächern; Schmuckelemente sind Holzschnitzereien und eine grelle Bemalung. Vor diesem Tempel sagt der Shireta Lama: `Es ist den Buddhisten noch nie so gut gegangen wie unter der Sowjetmacht. Diesen herrlichen Tempel haben wir 1972 erbaut.´ Wir bestaunen weitere Tempelchen, drehen kleine und große Gebetsmühlen, besichtigen die beeindruckend schlichten Wohnhütten der Mönche, sehen asketische Mönchsgesichter und sehr alte verhärmte Gläubige...

Dann lädt uns der Oberlama in höchsteigener Person an den abwechslungsreich, doch schlicht gedeckten Tisch. Diese Ehre - so unser Begleiter Damdin Otscherjapow - werde nur ganz wenigen Besuchern zuteil. Ich muß mir erst einmal gefallen lassen, daß wir die Rollen tauschen: Der Bandido Chambo Oberlama fragt, die Reporterin antwortet. Der Oberlama befragt mich, wie lange ich der Heimat fernzubleiben gedenke, was der Begehr meiner Reise sei, ob ich Mann und Kind besäße, wie man es in der DDR mit der Religion halte. Unser Bildungswesen interessiert ihn und die Grenzverhältnisse zwischen Ost und West. (Der amerikanische Journalist George Kennan mußte 1885 dem damaligen Oberlama noch die verblüffende Frage beantworten: `Gehen Ihre Landsleute unter unseren Füßen mit dem Kopf nach unten umher?´)

Nun erst läßt der Bandido Chambo Oberlama seinerseits Fragen zu.

Ich befrage ihn - mit einem Seitenblick auf die mit Fleisch gefüllten Posy (Teigtaschen) - nach den Vorschriften des Buddhismus. Für die Gläubigen, so antwortet er, seien fünf Vorschriften obligatorisch: kein lebendes Wesen zu töten; sich kein fremdes Eigentum anzueignen; keine fremde Frau zu berühren; niemals die Unwahrheit zu sagen; keinen Wein zu trinken. Für einen Mönch hören sich diese Vorschriften weitaus strenger so an: Das Verbot des Tötens wird dahingehend erweitert, daß man nicht einmal den mit dem Auge kaum wahrnehmbaren Insekten etwas zu leide tun darf. Das Verbot, die eheliche Treue zu verletzen, wird dahingehend erweitert, daß völlige Keuschheit gefordert ist. Statt des Verbots, sich fremdes Eigentum anzueignen, wird die Forderung erhoben, auf jegliches Eigentum zu verzichten. An die Stelle des Verbots, sich zu betrinken, tritt das Gebot strenger Enthaltsamkeit beim Essen und Trinken sowie der Verzicht auf alle Annehmlichkeiten des Lebens überhaupt. Mit dem Fleisch sei es so: Man unterscheide zwischen einer Schlachtung, an der man schuldig sei, und einer, an der man unschuldig sei. Gekauftes Fleisch sei deshalb `untadelige Nahrung`.

Dann spreche ich davon, daß ich von den buddhistischen Nachwuchssorgen gehört hätte und davon, daß zehn burjatische junge Männer in die Mongolische Volksrepublik gegangen seien, um von dort nach sechsjähriger Ausbildung als Mönche wiederzukehren. Der Bandido Chambo Oberlama nickt bestätigend. Außerdem, so fahre ich fort, wüßte ich, daß sie sich ausbedungen hätten, heiraten zu dürfen. Der Oberlama bestätigt kopfnickend auch dies. Zu einem Kommentar ist er jedoch nicht zu bewegen. Aber ich verstehe auch so: Lieber ein unkeuscher buddhistischer Mönch als gar keiner...

Seine Zeit sei sehr bemessen, so bedeutet uns der Bandio Chambo Oberlama. Als Zeichen seiner vorzüglichen Hochachtung überreicht er jedem von uns einen Chadak - einen hellblauen langen Seidenschal mit buddhistischen Glückssymbolen.

Auf der Rückfahrt geht mir unser Besuch im Kloster nicht aus dem Kopf. Damdin Otscherjapow war wie ein lieber, guter Freund empfangen worden, kannte sich aus im Dazan (so nennt man in Burjatien ein Kloster), als wäre er dort zu Hause. Scherzhaft frage ich ihn, ob er der Zuständige für oder gegen religiöse Kulte sei. `Meine Aufgabe´, so lautet seine Antwort, `besteht einerseits darin, das Schüren von Feindschaft und Haß im Zusammenhang mit religiösen Bekenntnissen zu verhindern, andererseits, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Gläubigen ihre Religion ausüben können. Brauchen die Mönche in Iwolginsk Land für den Bau eines Tempels, brauchen sie Pässe, um ins Ausland zu reisen, benötigen sie Rubel oder Valuta - Damdin hilft. Und sie helfen uns, zum Beispiel den Wissenschaftlern an unserer Akademie der Wissenschaften beim Entziffern tibetischer Schriftstücke; unsere Mönche lesen jeden Text. Geben und nehmen - wir kommen glänzend miteinander aus.´"

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Betritt kein Haus mit morschen Türen.
Sprichwort der Russen

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