Belletristik REZENSIONEN

Ohne Lehrstuhl, Doktorhut und Parteibuch

Über Literaturen der Sowjetunion
Mein russisches Jahrhundert
Autobiographie
Edition Nautilus, Hamburg 2002, 318 S.

In seiner Autobiographie spürt Fritz Mierau dem Russischen in seinem Leben nach. Er beginnt sein Buch mit einer Episode aus dem Jahre 1945, als die Halbwüchsigen von Döbeln den russischen Soldaten der Roten Armee Kohlen klauen: "Mein russisches Jahrhundert ist in Sachsen eröffnet worden. Lange bevor ich die Russen in Moskau reden hörte, habe ich sie in Döbeln reden gehört." Was hat er für einen weitsichtigen Vater: Er veranlasste für seinen Sohn Fritz, dessen beide Schwestern und auch für seine Frau privaten Russischunterricht bei einem Herrn Drescher, der sich die russische Sprache als zivilinternierter Ingenieur für Brückenbau während des ersten Weltkrieges in Sibirien angeeignet hatte. "Mein Vater meinte, man sollte die Sprache der Patronsmacht möglichst gut verstehen, und so versuchten wir uns am Alphabet, was uns mehr wie Zeichnen vorkam als wie Schreiben." Dieses erste Kapitel hat Mierau - in Breslau geboren, im sächsischen Döbeln groß geworden - vorrangig seiner Familie gewidmet: den Eltern, den Schwestern, den Großvätern, sogar seinem Urgroßvater, vielen Tanten und Onkels. Schon hier zeigt sich, dass Mierau nicht nur Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Herausgeber, Essayist ist, er ist auch Schriftsteller. Besonders beeindruckend, wie er seine Mutter über deren Sprache charakterisiert. Ein bleibendes Denkmal hat er auch einem Lehrer gesetzt: Arthur Pfeifer, dem er die "Gabe der Zuwendung" zuschreibt: "Jeder, dem Arthur Pfeifer sich zuwandte, konnte sicher sein, daß in diesem Augenblick alle seelischen und geistigen Kräfte des Lehrers zur Verfügung standen: seine freie Haltung, seine Sicherheit, sein hoher Grad an Selbsterkenntnis."

Ab 1946 wurde an den Schulen Ostdeutschlands Russisch als erste Fremdsprache unterrichtet. Mierau hatte das Glück, dass seine ersten Russischlehrer Muttersprachler bzw. zweisprachig Aufgewachsene waren - als Russland- oder Baltendeutsche -, so dass er von früh an authentisches Russisch hörte. Über das Russische kam Mierau zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, der er 1949 beitrat. Fritz Mierau erzählt in Mein russisches Jahrhundert von den Umständen, Entscheidungen, Konflikten, "die aus einem politisch korrekten ein persönlich erwünschtes Unternehmen" machten: vom Universitätsstudium der Slawistik zwischen Stalins Tod und dem Entstalinisierungsparteitag 1956, von der Arbeit der Akademie der Wissenschaften, die er schließlich verließ, als das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) systematisch seine Franz-Jung-Forschungen sabotierte, von seinem Leben als freischaffender Literaturwissenschaftler und Publizist in der DDR. Indes er zur gleichen Zeit ein "preußischer Prinzipienreiter" und ein "Machiavelli" genannt wird, ist er ein "exzentrischer Sonderling", ein "Schmetterlingssammler", "kein sturer scheuklappiger Fachgermanist" (Franz Fühmann).

Mit welchen Risiken waren so manche Herausgaben verbunden und mit welchen heute schon kaum noch vorstellbaren Kämpfen. Über die Zeit als Fritz Mierau sein Slawistikstudium begann, schreibt er: "Das Bild, das sich in jenen Monaten vor mir auftat, glich in nichts dem Bild der sowjetischen Literatur, das unser Lehrbuch, ein aus dem Russischen übersetztes Mittelschulkompendium, entwarf. Das Programm der Vorlesung "Sowjetliteratur" (Studienplan Nr. 73 und 73 A), das, unter Leitung von Edel Mirowa-Florin ausgearbeitet, vom Wissenschaftlichen Beirat für Slawistik angenommen und vom Staatssekretär für Hochschulwesen im September 1953 zugelassen worden war, entsprach natürlich vollkommen den Vorgaben dieses Lehrbuchs. Es war ein Lehrbuch der Vernichtung, eine Literaturgeschichte gegen die Literatur. Die großen Erzähler des Jahrhundertbeginns, Andrej Bely und Leonid Andrejew kamen nur mit herabsetzenden Epitheta vor. Welimir Chlebnikow figurierte als ein abstruser Experimentator. Alexander Blok erschien ohne die Apokalypse seiner Europa-Anklage in dem Poem "Skythen", Ilja Ehrenburg ohne seine kosmopolitischen Schelme "Julio Jurenito" und "Lasik Rojtschwanz". Nikolai Gumiljow und Michail Sostschenko traten gar einzig als die Adressaten des infamen ZK-Beschlusses gegen sie auf. Selbst Maxim Gorki und Wladimir Majakowski, beide zum Generalissimus ihrer Gattung gemacht, waren entmündigt, entstellt, verstümmelt. (...) Überhaupt ungenannt  blieben Isaak Babel und Viktor Schklowski, Boris Pasternak, Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa, Fjodor Slogub und Maximilian Woloschin, Michail Kusmin und Juri Tynjanow, Sergej Tretjakow und Andrej Plantonow, Andrej Sobol und Jefim Sosulja, Jewgeni Samjatin und Lew Lunz, Juri Olescha und Michail Bulgakow, Anatoli Marienhof und Nikolai Erdman (...).

Fritz Mierau wurde der Entdecker des russischen Berlins, der Übersetzer und Herausgeber der provokanten Werke von Isaak Babel, Alexander Blok, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa, Demjan Bedny, Marina Zwetajewa, Pawel Florenski und vieler anderer großer Autoren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Wenn Fritz Mierau in seinem Buch von hundert Büchern spricht, für die er im Laufe seines russisch bewegten Lebens verantwortlich war und von weiteren hundert, aus denen nichts geworden ist, so kann er mit seiner Bilanz wohl zufrieden sein.

Mierau hat seine Buchlesung im Literaturforum des Brecht-Hauses in der Berliner Chausseestraße ausdrücklich dem Literaturwissenschaftler Ralf Schröder gewidmet. Aus Walters Buch "Sicherungsbereich Literatur, Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik" (Ch. Linksverlag, Berlin 1996) kennen wir Schröder als Opfer. So wird er als zur staatsfeindlichen Gruppierung um Erich Loest gerechnet und im Zusammenhang mit dem Autor Hasso Laudon, der Schriftstellerkollegen und Lektoren aushorchte, genannt. In Mieraus Buch ist Ralf Schröder - Dozent für sowjetische Literatur an der Leipziger Universität - vom Opfer (1957 zu zehn Jahren Zuchthaus wegen angeblichen Staatsverrats verurteilt) zum Täter mutiert. Schröder war nach sieben Jahren amnestiert worden und wurde 1966 verantwortlicher Lektor für sowjetische Literatur im Berliner Verlag Volk & Welt. Die Amnestie hatte sich Schröder allerdings als IM "Karl"  (seit 1970) verdienen müssen... Man darf beeindruckt sein, mit wie viel Verständnis Fritz Mierau die vertrackte Situation Schröders einschätzt: "Fiel es mir als Parteilosen vergleichsweise leicht, die Anträge des MfS auszuschlagen, so war das für Ralf Schröder so gut wie unmöglich", denn, so hatte man Schröder bedeutet, wenn Gelegenheit zur Wiedergutmachung gegeben sei, habe er diese als Gegenleistung für die Amnestie wahrzunehmen. Mierau schildert, mit welchem Gewinn und Vergnügen er Schröders kenntnisreiche Nachworte zu Bulgakow, Ehrenburg, Aitmatow, Trifonow, Okudshawa, Tendrjakow gelesen habe. Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion habe Schröder völlig zurückgezogen gelebt, wollte nicht eher an die Öffentlichkeit treten, bis er das Buch, an dem er arbeitete, abgeschlossen hatte. Sein Tod Ostern 2001 hat diesen Plan vereitelt.

Fritz Mierau (geboren 1934) wurde 1988 mit dem Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR, 1991 mit dem Literaturpreis zur deutsch-sowjetischen Verständigung, 1992 mit der Ehrengabe der deutschen Schillerstiftung Weimar, 1996 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 1999 mit dem Karl-Otten-Preis des Deutschen Literaturarchivs Marbach ausgezeichnet. Als Auszeichnung wird der hoch gewachsene Mann (wie immer mit einem obligatorischen Seidenschal um den Hals) es dann wohl auch verstanden haben, dass zu seiner Buchlesung die Plätze nicht ausreichten, obwohl Stühle über Stühle nachgereicht wurden...

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 15.02.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 05.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

   Russische Handarbeit:
Web-Muster
(Fragment -
Ende

19. Jht.).

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