Belletristik REZENSIONEN

"Ein Wahnsinniger bin ich nicht."

Schwede; über den Russen (Ukrainer) Gogol
Gogols Welt
Aus dem Schwedischen von Alken Bruns
List Taschenbuch Verlag, München 2002, 360 S.

Kjell Johansson, geboren 1941, gilt als einer der wichtigsten schwedischen Autoren der Gegenwart. Nach dem Studium der Philosophie legte er 1973 seinen ersten Roman vor, auf den zehn weitere häufig preisgekrönte Bücher folgten. Mit "Der Geschichtenmacher" erschien Kjell Johansson (beim List Verlag) erstmals auch in deutscher Sprache.

In seiner Gogol-Biographie, die man besser ein fiktives Selbstporträt nennen sollte, erzählt Johansson über dessen Kindheit, über den Vater Wassil und die Mutter Maria (Maja), über Iwan, den mit zehn Jahren verstorbenen Bruder, über die drei Schwestern. Nikolai Gogol, 1809 im ukrainischen Sorotschinzy geboren, wuchs auf dem Gut Wassilewka auf, den Eltern gehörten zweihundert Leibeigene; der Vater ließ viermal im Jahr in Sorotschinzy einen Markt abhalten. Gerne erzählte der Vater von Hexen, Zauberern und Drachen, verzauberten Vögeln und Fischen, die sprechen konnten. Wirklich und unwirklich zugleich waren seine Geschichten. Auch die Mutter erzählte gern von Wundern und Heiligen. Der Heilige, dessen Geschichte Gogol am meisten fesselte, stammte aus Italien, es war der heilige Franziskus. Das Ergebnis von Vaters und Mutters Erzählungen und Nikolai Gogols eigene enorme Einbildungskraft wurden die Grundlagen für viele seiner Erzählungen. "Manchmal verlief der Weg der Wirklichkeit parallel zu dem der Phantasie", schreibt Kjell Johansson, "manchmal berührten sie sich sogar und vereinigten sich."

Vladimir Nabokov nennt Nikolaj Gogol "Rußlands wunderlichsten Russen".

Der schwedische Autor schreibt in Gogols Welt vieles, was sich durch dessen Erzählungen, Briefe, Romane, Aufsätze nachweisen lässt. Einiges jedoch sind Phantastereien, zum Beispiel einige Ereignisse in Gogols Schülerleben. Ganz und gar ausgedacht ist die Episode, wie Gogol Wassilij Shukowskij* und Alexander Puschkin kennen lernt. In der "Biographie" geschieht das auf dem Klo. Die Situation ist so grotesk geschildert, als hätte Gogol (der in der ganzen Biographie als Ich-Person auftritt) wirklich selbst die Feder geführt. Dennoch ist diese Episode ausschließlich erdacht; denn Gogol lernte Shukowski im Dezember 1830 ganz unspektakulär auf einer Feier kennen, und mit Puschkin machte ihn Pletnikow** am 20. Mai 1831 auf einer Soiree in Moskau bekannt.

Ich mag Biographien nicht, bei denen man nicht weiß, was wahr und was fiktiv ist.

Wahr ist, dass Gogol sich oft krank fühlte, Nervenkrisen hatte, Halluzinationen, schöpferische Krisen... Während einer solchen Krise führte er Ende Januar 1852 Gespräche mit Vater Matwej, der in Rschew als Prediger und Seelsorger arbeitete. Diese Gespräche waren jedoch nicht hilfreich für ihn, sondern erschütterten ihn zutiefst, auch weil der Oberpriester von Gogol verlangte, dass er sich innerlich von dem fünfzehn Jahre zuvor verstorbenen, von Gogol noch immer verehrten Puschkin lossagen sollte, weil jener ein "Sünder und Heide war".

Kurz nach dem Gespräch mit Vater Matwej verbrennt der tief Deprimierte in der Nacht vom 11. zum 12. Februar 1852 seine Notizbücher und den zweiten Teil seiner "Toten Seelen" - die Arbeit von zehn Jahren. "Ich handle nicht vernünftig", lässt Johansson Gogol sagen, "aber ein Wahnsinniger bin ich auch nicht."

Im Epilog Johanssons heißt es: "Nachdem Gogol sein Manuskript verbrannt hatte, wurde er immer schwächer. Er schloß sich in seinem Zimmer ein und lehnte es ab, Besuch zu empfangen. Er aß nicht, trank nur ein bisschen Wasser. Tagsüber saß er reglos in einem Sessel und starrte ausdruckslos vor sich hin. - Er weigerte sich, Medizin zu nehmen. Wenn Gott will, dass ich lebe, werde ich leben!, erklärte er. - Er ließ einen Priester holen, um die letzte Ölung zu empfangen. Der Priester versuchte, ihn zum Essen zu bewegen, aber Gogol weigerte sich. Er, der gutes Essen immer geliebt hatte, war nun im Begriff, sich zu Tode zu fasten. Tolstoi sprach mit ihm über Dinge, die ihn zu interessieren pflegten. Gogol sagte, er bereite sich auf  `den furchtbaren Augenblick´ vor, und wolle Tolstois Gerede nicht hören. - Am Montag, dem achtzehnten Februar, verschlechterte sich Gogols Zustand. Seine Hände waren kalt und der Puls ging schwach und schnell, aber er atmete noch regelmäßig. Er lag in seinem Zimmer, in seinem Morgenrock, das Gesicht zur Wand gedreht, zur Mutter-Gottes-Ikone. In der Hand hielt er einen Rosenkranz. - Als der Priester Gogol nicht zum Essen überreden konnte, wandte Tolstoi sich an die Ärzte. Sie diskutierten über Gogols Zustand, ohne sich einigen zu können, welche Behandlung der Kranke bekommen müsse. - Am Mittwoch, dem zwanzigsten Februar, beschlossen die Ärzte, Gogol gegen seinen Willen gründlich zu untersuchen. Der Puls war schwächer geworden, im Übrigen war sein Zustand unverändert. Während der Untersuchung stöhnte er ununterbrochen. Die Fragen der Ärzte beantwortete er nicht. - Trotz seiner Proteste wurde Gogol entkleidet und zu heißen Bädern gezwungen. Über seinem Kopf wurde Spiritus ausgegossen, an seine Nasenflügel Blutegel gesetzt. Gogol fürchtete, wie würden ihm in die Nase oder in den Mund kriechen, und versuchte sie wegzuwischen. Da hielten seine Ärzte seine Hände fest. - Am Abend wurden weitere Blutegel angesetzt. Ätzende Senfpflaster wurden an seine Beine geklebt, kalte Kompressen auf seine Stirn gelegt. Die Ärzte öffneten ihm gewaltsam den Mund, um ihn zum Essen zu zwingen. Sie beugten sich über ihn und brüllten ihn an, er solle ihnen sagen, wo er Schmerzen habe. Gogol wimmerte nur. - Zwei Wochen lang hatte Gogol wenig geschlafen und fast nicht gegessen. Nun lag er mit geschlossenen Augen da, ununterbrochen stöhnend. Die Ärzte versuchten ihn aufzurichten, aber sein Kopf fiel ständig herab auf die Brust. Er lallte unzusammenhängend. Plötzlich rief er laut: "Die Leiter! Schnell, die Leiter!" - Sein Atem wurde schwer. Um die Augen bildeten sich dunkle Ringe. Seine Haut war kalt und feucht. Man packte heiße Brote um seinen Körper, machten einen Einlauf. Passanten auf dem Boulevard Nikitschki hörten aus Graf Tolstois Haus laute, anhaltende Schreie. - Am Morgen des einundzwanzigsten Februar 1852 starb Nikolai Gogol."

Wer diese Roman-Biographie enttäuscht aus der Hand legt, hat den Titel nicht wörtlich genug genommen. Dem Autor geht es nicht vorrangig um die Stationen von Gogols Leben und um seine Werke, sondern um seine, Gogols Welt, die von Selbstanklagen, Ängsten, Schuldgefühlen, Einsamkeit, dem Gefühl der Unzulänglichkeit von klein auf geprägt war. Sein Leben lang war Gogol auf der Suche nach Gott, wollte ihm wohlgefällig sein. Diese Suche und sein oft befremdliches Befinden darzustellen, ist Kjell Johansson gut gelungen. Um wie viel schwerer ist es doch, sich so intensiv in einen Menschen hineinzuversetzen, als biografische und bibliographische Lebensdaten abzuarbeiten...  Wenn man es mit den Fakten bei Gogols Welt auch nicht zu genau nehmen darf, die Gemütsverfassung Gogols und seine Gottsuche werden uns sehr nahe gebracht und aus Gogols Sichtweise überzeugend beschrieben. Entstanden ist ein Roman voll realistischer, folkloristischer und phantastischer Elemente - Porträt und Denkmal des großen russischen Autors, der in einer Zeit lebte, in der gesellschaftliche Konventionen alles bestimmten und in der ein so kritischer Geist wie Gogol zum Scheitern verurteilt war.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Wassilij Andrejewitsch Shukowskij, 1783 bis 1852, Lyriker, Übersetzer, Begründer der romantischen Dichtung in Russland, Mentor vieler Autoren der Puschkinzeit; als Erzieher des Thronfolgers bei Hof eine einflussreiche Person.

  **  Pjotr Alexandrowitsch Pletnjow, 1792 bis 1862, Kritiker, enger Freund Puškins, ab 1932 Professor für Literatur an der Universität St. Petersburg, Rektor 1840-1861. Ihm gewidmet sind die Eingangsverse zu Puschkins "Eugen Onegin", von Pletnjow stammt eine der besten Kritiken zu den "Toten Seelen"; Pletnjow machte Gogol am 20. Mai 1831 auf einer Soiree in seinem Hause mit Puschkin bekannt.

 

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Am 27.07.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Lieber eine Blaumeise in der Hand, als ein Kranich am Himmel.
Sprichwort der Russen.


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