Belletristik REZENSIONEN

Sein Lied war beinahe ein Schrei...

Franzsösin; über den Russen Wladimir Wyssozki
Eine Liebe zwischen zwei Welten
Mein Leben mit Wladimir Wyssozki
Aus dem Französischen von Joachim Meinert
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, 252 S.

Wer der heiseren leidenschaftlichen Stimme von Wladimir Wyssozki (1938-1980) einmal gelauscht hat, bleibt ihr verfallen. Das erste Lied, dass ich von ihm hörte, war "Die Wolfsjagd". Wyssozki schrieb alle seine Texte selbst, "Die Wolfsjagd" 1967. Jewgeni Jewtuschenko schickte ihm einst ein Telegramm von Bord eines Fischkutters: "Sie zwangen mich, deine `Wolfsjagd´ zwanzigmal hintereinander anzuhören. Ich liege dir zu Füßen." Und Wyssozki in seinem Nachtrag zur "Wolfsjagd" (1972): Ich bin sehr oft zu Gast bei hohen Tieren, / Vor denen ich die "Wolfsjagd" singen soll.(...) / Dann holt er eine Flasche, wird spendabel, / Die Gläser klingen: "Prost! Mal ehrlich nun, / Du meinst doch mich, meinst uns mit der Parabel, / Was haben Wölfe denn damit zu tun?"

Erster Liedermacher in Russland war Bulat Okudshawa, zugleich Textautor, Komponist und Interpret. Okudshawa zählte zu den wenigen, die Wyssozki immer unterstützt haben. Als sich der Liedermacher Wyssozki und die französische Schauspielerin Marina Vlady beim Moskauer Filmfestival kennen lernen, ist Wyssozki schon eine Legende, ein Mythos, vergöttert in seinem Land, und sie prägte mit ihrem ersten großen Film "Die blonde Hexe" ein Schönheitsideal und wurde zum Idol einer ganzen Mädchengeneration - auch in Moskau.

Beide waren da schon zweimal verheiratet, er hatte zwei, sie drei Söhne; sie war geschieden, er lebte in Scheidung. Die Vlady beschreibt ihre innige Liebe (seit 1967) und ihre dramatische Ehe (seit 1970) zwischen beengten Moskauer Kommunalwohnungen und westlichen Luxushotels und mit hunderten von Telefonstunden über den Eisernen Vorhang hinweg. Bestaunenswert, wie die Französin in Moskau mit der russischen Mangelwirtschaft zurechtkommt, wie sie die Läden abklappert und in der Winterkälte Schlange steht... Kommt ihr zugute, dass sie die Tochter einer russischen Emigrantenfamilie - der in französischen Künstlerkreisen sehr bekannten Familie Poliahoff - ist? Ihre Ehe dauerte zehn Jahre, Wyssozki starb am 25. Juli 1980. Aber was hat sie alles mit diesem alkoholkranken, am Ende morphiumsüchtigen genialen Schauspieler und Liedersänger durchgestanden - mit dem Schauspieler am Moskauer Taganka-Theater (geleitet von dem berühmten Juri Ljubimow) und dem Sänger, den die Sowjet-Mächtigen offiziell nur in der Provinz auftreten ließen und dem sie lange ein Visum versagten.

Als Wyssozki dann das erste Mal im westlichen Berlin weilt, kann er nicht fassen, dass die Besiegten alles haben und die Sieger nichts. Marina Vlady schreibt: "Kaum aber sind wir bei dem Hotel, wo wir die Nacht verbringen müssen, aus dem Auto gestiegen, willst du die Straßen sehen, die Leute, die Geschäfte. Ich begleite dich, du tust mir leid. Du gehst langsam, mit aufgerissenen Augen, läufst an diesen Auslagen voller nie gesehener Reichtümer vorüber - Kleider, Schuhe, Autos, Schallplatten -, und du murmelst: `Und man kann das alles kaufen, einfach wenn man in das Geschäft geht...?´

Die Vlady hat ein erschütternd schönes Buch geschrieben von einem Leben zwischen zwei Welten: "Ich habe für drei Kinder und meine Mutter zu sorgen, habe ein großes Haus mit fünfzehn Zimmern; da ich viel arbeite, verdiene ich ordentlich für meinen Lebensunterhalt, ich liebe meinen Beruf, den ich seit meinem zehnten Lebensjahr ausübe, mein Leben ist, alles in allem, angenehm. Du hast zwei Kinder, eine geschiedene Frau, die du unterstützt, ein Zimmer von neun Quadratmetern bei deiner Mutter, du verdienst 150 Rubel im Monat, was allenfalls für den Kauf von zwei Paar guten Schuhen reicht. Du arbeitest wie ein Besessener, vergötterst deinen Beruf, kannst nicht aus deinem Land hinaus. Dein Leben ist sehr schwierig. Unsere beiden Leben miteinander verschmolzen, ergeben etwas Hybrides, etwas, das sich nicht leben läßt."

Aber sie leben es! Wie sie es leben, beschreibt die Vlady mit rückhaltloser Offenheit, mir scheint, gänzlich ohne Tabus: "Nach zwei Tagen Suff ist dein Körper nichts weiter als ein schlaffer Sack, deine Stimme ein unförmiges Krächzen, deine Kleidung ein Häufchen Lumpen. Dein fürchterliches `zweites Ich´ gewinnt die Oberhand."

Wyssozki hat über sechshundert Lieder geschrieben. Seine Lieder oder Balladen sind höchst unterschiedlich: lyrisch, grotesk, immer engagiert. Er reflektiert in seinen Texten "über das Leben, den Tod, das Schicksal, den Haß, die Liebe, die Ungerechtigkeit, das Heldentum, das Leiden, die Freiheit, die Freundschaft", schreibt die Vlady. Und Wyssozki sagte: "Ich schreibe nicht für eine bestimmte Kategorie von Zuschauern, ich versuche an die Seele der Menschen zu rühren, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Beruf, ihrer Nationalität. (...) Mein Lied ist beinahe ein Schrei."

Marina Vlady hat sich - wie die Knef, die Signoret, die Ullmann - als eine schreibende Schauspielerin von Rang erwiesen - nicht nur mit ihrem Buch über Wladimir Wyssozki, sondern auch mit ihrem Roman "Der Sammler von Venedig" (1992). Sie hat ihr Buch Eine Liebe zwischen zwei Welten unter anderem der französischen Schauspielerin Simone (Signoret) gewidmet, die sie zum Schreiben sehr ermutigt hatte.

 Ich werde mir jetzt (zum werweißwievielten Male) "Die Wolfsjagd" anhören - 1989 zusammen mit dem Buch "Zerreißt mir nicht meine silbernen Saiten" auf einer Schallplatte erschienen im Ostberliner Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. Und zum werweißwievielten Male werde ich der Wildheit und Zartheit Wyssozkis verfallen, der als gefeierter Schauspieler für mich auch ein unvergessener "Hamlet" war.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de


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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 25.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Der Ausschweifende sucht nicht immer die Lasterhafte.
Sprichwort der Russen

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