Belletristik REZENSIONEN

Vom letzten und zugleich wichtigsten Teilchen im großen Stalin-Puzzle

Über den Georgier / Osseten Stalin
Stalin
Die geheimen Aufzeichnungen des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili.
Aus dem Amerikanischen von Hans J. Becker
Luchterhand Literaturverlag, München 1999, 344 S.

Ich hatte mir von den als sensationelle fiktive Autobiographie Stalins angekündigten "Aufzeichnungen" weit mehr versprochen. Wäre Louries Buch die erste Enthüllung über Stalin, dann wäre es tatsächlich eine Sensation. So aber ist lediglich historisch präzise recherchiert, bienenfleißig zusammengetragen, eindrucksvoll geschildert - der Aufstieg Stalins vom ossetischen Schuhmachersohn in einem kleinen georgischen Dorf, der Priester werden sollte, zum mächtigsten und gefürchtetsten Mann der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Neben den Stationen seiner politischen Karriere, werden Stalins geheime Wünsche und Ängste offenbar: dass er sich für einen großen Dichter hält, wie er sich die ideale Ehe vorstellt, warum ihm jedes Mittel recht ist, nach oben zu kommen, und wie groß sein sich immer mehr steigernder Verfolgungswahn ist. Wenn man hier und da wirklich auf neue Details stößt, weiß man durch die geschickte Mischung von Fakten, Spekulation und Fiktion natürlich nicht, ob jene Einzelheiten fiktiv oder wahr sind. Vorsichtshalber hat Luchterhand das vorliegende Buch einen Roman genannt. Ein Roman? Wie kann ein als (fiktive) Autobiographie geschriebenes Buch ein Roman sein?

Hat Lourie selbst gespürt, dass er mit seiner an sich grandiosen Idee zu spät kommt? Jedenfalls versucht er wie in einem billigen Krimi den Leser ab Seite 14 bei der Stange zu halten, in dem er ihn - obwohl es in dem Buch von grausamen Taten nur so wimmelt ("Als Stalin musste ich nicht mehr menschlich sein.") - vor noch grausameren bangen lässt: "Doch es gibt auch Verbrechen, die niemals ans Licht kommen dürfen. Eins von dieser Sorte habe ich begangen." Und weiter S. 19: "...Das Verbrechen, das Trotzki nie aufklären darf"; auf S. 111: "Jenes Unnennbare..."; auf S. 297: "Der Code meines Lebens"; auf S. 315: "...eine ganz andere Bombe"; auf S. 339: "...das letzte und zugleich wichtigste Teilchen im großen Stalin-Puzzle".

Ja, was ist d a s Verbrechen denn nun? Es ist der Mord an einen Mann, "brillant, nicht unterzukriegen, skrupellos, mit Zehntausenden Morden auf dem Gewissen" - LENIN. Ja, du meine Güte, auch diese Enthüllung ist keine. Dass Stalin den kranken Lenin vergiftet haben soll, wird schon Jahrzehnte gemunkelt. Doch nachzuweisen war und ist der Giftmord an der (deshalb?) mumifizierten Leiche Lenins nicht. Auch von Lourie nicht. Auf 330 Seiten also nur ein billiger Trick, der verärgert. Mich jedenfalls.

Sicherlich ist doch beabsichtigt, dass der Leser zumindest zeitweise vergisst, dass es einen Autor gibt. Sicherlich soll der Leser doch über weite Strecken verführt werden zu glauben, dass er tatsächlich die geheimen Aufzeichnungen Stalins in Händen hält. Aber dieser Effekt tritt eigentlich nie ein, befördert noch dadurch, dass Stalin von sich oft und gern in der 3. Person sprach und schrieb. Natürlich konnte Lourie nicht umhin, diese eitle stalinsche Eigenart zu berücksichtigen. Einer angeblichen Autobiographie jedoch ist sie nicht förderlich.

Die "geheimen Aufzeichnungen" beginnen mit Stalins späterem Erzfeind Trotzki und enden mit dessen von Stalin bis ins kleinste organisierten, uns ebenfalls schon hinlänglich bekannten Eispickel-Mord. Der lange vorbereitete Mord an den in Mexiko im Exil lebenden Trotzki klappte nach einigen Schlappen 1940. Die "Aufzeichnungen" haben also eine Trotzki-Rahmenhandlung. Schade. Ich hätte gern noch Stalins Rolle im Großen Vaterländischen Krieg mit seinen angeblich eigenen Worten gelesen. Obwohl, Lourie wären auch da keine anderen als die vorhandenen Fakten zugänglich gewesen.

Natürlich hat sich nicht jeder Leser eingehend mit den unvorstellbaren Verbrechen des vom Vater oft brutal verprügelten Schustersohns* beschäftigt. Für diejenigen könnte das Buch von Verrat, Kaltblütigkeit und Mord eine Offenbarung sein. Allerdings keine der göttlichen, sondern eher eine der allzu irdischen Art.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

* 15 Jahre, nachdem ich diese Rezension ins Netz gestellt habe, lese ich das Buch "Sie meinten´s herzlich gut" von Jörg Zittlau, 2010 im List Verlag erschienen. Darin schildert der Autor, welche Schuld die Eltern auf sich laden, wenn sie ihre Kinder verprügeln, mitleidslos züchtigen und drangsalieren. Wie wurde Luther, wie er war, wie Friedrich der Große, wie Adolf Hitler, wie Wolfgang Amadeus Mozart, wie John F. Kennedy, wie Michael Jackson, wie Hemingway, wie Tucholsky, wie Stalin - dessen Terror etwa sieben Millionen Tote produzierte? "Stalin avancierte zu einem der größten Tyrannen und Menschenschlächter, die es je gegeben hat. Der Keim dafür wurde in seiner Kindheit gelegt." Nicht nur der saufende Vater züchtigte seinen Sohn, sondern auch die Mutter schlug zu...

 

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Am 18.01.2002 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Josef (Jossif)
Wissarionowitsch Dschugaschwili,
genannt Stalin,
(der Stählerne)
im Alter von 25 Jahren.

 

 


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