Belletristik REZENSIONEN

Passt ins Ohr

Über den Russen Chlebnikov
Mein Chlebnikov
Zweisprachig Russisch / Deutsch, Aus dem Russischen von Oskar Pastior
Mit CD (Gesamtlänge ca. 66 Minuten)
Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2003, 112 S.

Velimir (eigentlich: Viktor Vladimirovič) Chlebnikov (1885 bis 1922) steht zwischen Symbolismus und Futurismus. Auch seine eigenwillige Ästhetik formte sich zwischen diesen beiden Polen des russischen Modernismus, als dessen herausragender Exponent er heute gilt. "Chlebnikovs Universalität anstrebendes Denken", schreibt Rainer Goldt in Kasacks "Hauptwerke der russischen Literatur", befruchtete beinahe alle Bereiche der russischen Moderne, so [auch] Skrjabins Synästhetizismus (...). Sein literarisches Werk prägte nicht nur Generationen russischer Lyriker, sondern fand auch in Prosa (...) und Dramatik (...) Schüler." In seinem Nekrolog nannte Majakowski den einstigen Weggefährten 1922 denn auch einen "Kolumbus neuer poetischer Kontinente, die jetzt von uns besiedelt und urbar gemacht werden".

Mein Chlebnikov beinhaltet alle von Oskar Pastior übersetzten Texte von Chlebnikov und die entsprechenden russischen Originale, sowie eine CD, auf der Pastior mit beeindruckender Altmänner-Stimme seine Übertragungen liest. "Was es zu übersetzen gibt", schreibt Felix Philipp Ingold in seinem Essay, "ist das Unübersetzbare, das, was Walter Benjamin das `Sprachliche an der Sprache´ genannt hat: das Poetische." - Die von Pastior praktizierte Art des Übersetzens entspricht nicht nur dem chlebnikovschen Konzept einer selbstorganisierenden, hintersinnigen Laut- oder Vogel- oder Sternen- oder Göttersprache, sondern auch Oskar Pastiors eigener Arbeit am `Wort als solchen´." Oskar Pastior wurde 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren*. Von 1945-1949 war er ins sowjetische Arbeitslager im Donbass deportiert. Nach der Rückkehr machte er Gelegenheitsarbeit, dann studierte er Germanistik und war beim Rundfunk in Bukarest tätig. Seit 1969 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er erhielt viele Preise, zuletzt den Peter-Huchel-Preis 2001 und den Erich-Fried-Preis 2002. Im Oktober 2006 wird er den mit 40 000 Euro dotierten Büchner-Preis erhalten.

Da ich über diese Gedichte Chlebnikovs und deren Übertragungen  ins Deutsche mit Ingold nur sagen kann, "Passt ins Ohr", lade ich Sie zum Hören ein. Nehmen Sie sich die Zeit, die beigegebene CD zwei- oder auch dreimal zu hören, dann erst werden Sie an Chlebnikovs unnachahmlicher "Lautsprache" Gefallen finden und nicht damit einverstanden sein, dass er nur ein "Dichter für Dichter" ist. Und dann erst werden Sie auch mehr über diesen lange totgeschwiegenen Dichter wissen wollen: Velimir Chlebnikov in Tundutovo (Gouvernement Astrachan) als Sohn eines Ornithologen geboren, übersiedelte zur Fortsetzung seines Studiums der Naturwissenschaften und Mathematik 1908 nach St. Petersburg, wo er zunächst in symbolistischen Dichterkreisen verkehrte, u. a. mit Gumiljow. 1911 gehörte Chlebnikov zu den Gründungsmitgliedern des russischen Kubofuturismus (Burliuk, Kručënych, Lifšic, ab 1912 auch Majakowski). Chlebnikov schuf filigrane Lyrik- und Prosagebilde, deren Sinn sich gleichzeitig dem Verstehen darbietet und immer wieder entzieht. Doch Chlebnikov war nicht nur Zahlenmystiker und Wortwurzelexperimentator, sondern auch ein engagierter, scharf beobachtender Zeitgenosse, der einen befremdet-verfremdenden Blick auf seine Gegenwart warf. Auf die Neue Ökonomische Politik schrieb er 1922 diese Verse: Glaube nicht, dass das Recht / sich bei uns einquartiert, / damit Neureich jetzt frech / durch die Straßen kutschiert. / Dafür wurde kein Gegner / in die Hölle geschickt / damit dreist mit Juwelen / jeder Schieber sich schmückt. (übersetzt von W. Tkaczyk)

1914/15 kam es zur Entfremdung und zum Bruch mit dem Futurismus. Chlebnikov blieb von nun an ohne tiefere Bindung an literarische Schulen. Moskau, Cherson, Rostow am Don, Astrachan, Baku und Pjatigorsk, auch Persien, markieren bis 1922 Stationen seines unsteten Lebensweges. Er befasste sich in dieser Zeit auch mit dramatischen Versuchen. Sein letztes großes Werk ist das "Metapoem" (1922), ein Versuch zur Überwindung herkömmlicher Gattungsgrenzen. "Das Metapoem (...) verarbeitete altslavische, altorientalische und zentralasiatische Mythen und bekräftigte noch einmal Chelebnikovs komplexen Entwurf von Autorschaft, der Attribute des Priesters, Mönchs und Zauberers umfasste." (Klaus Städtke in seiner "Russischen Literatur-Geschichte".) Chlebnikov ging es in all seinen Werken nicht um Sprachbeherrschung, sondern darum, sich von der Sprache beherrschen zu lassen. "An Chlebnikov (...)  reizte mich gerade die Unmöglichkeit, seinen Wortgeflechten mit einer Sinn-Klang-Rhythmus-Übertragung beizukommen." (Oskar Pastior**) Die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt sagt in ihrer Begründung für den Bücher-Preis, dass Pastior ein "methodischer Magier der Sprache" sei, der ein Werk "von größter Radikalität und Formenvielfalt" geschaffen habe.

Sehr ansprechend ist die Gestaltung des Buches Mein Chlebnikov: pinkfarben auf weißem Bucheinband mit durchsichtigem Zellophanumschlag zum Schutz des Buches und der CD, diese ebenfalls knallig pinkfarben - eine Augenweide.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

     * Oskar Pastior starb mit 78 Jahren am 18.Oktober 2006 in Frankfurt/Main, wo er zur Frankfurter Buchmesse angereist war, um mit Herta Müller aus seinen Werken zu lesen; er starb bei Freunden. Am 21. Oktober 2006 sollte er in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis entgegennehmen, der ihm im Mai dieses Jahres zugesprochen worden war. Im ND schreibt mha: "Pastior, 1927 in Siebenbürgen geboren, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Dichter. In seiner experimentellen Lyrik und Prosa wusste er die Musikalität der Sprache klangvoll herauszuarbeiten. Oft als geistiger Nachfahre der Dadaisten eingeordnet, bezeichnete er selbst seine poetische Sprache, die er zuweilen mit rumänischen, ungarischen, englischen oder lateinischen Elementen versetzte, als `krimgotisch´ oder schlicht als `pastior´. - Pastiors Dichtung ist von seiner Herkunft geprägt. Im Alltag der Vielvölkerkultur, in der der Rumäniendeutsche aufwuchs, wurden mehrere Sprachen gesprochen. 1945 wurde Pastior, 18-jährig, zu Wiederaufbauarbeiten in die Sowjetunion deportiert. Die fünf Jahre, die er in der Ukraine verbringen musste, haben das Schaffen des Autors, der seit 1969 in Berlin lebte, nachhaltig beeinflusst. Auch die Texte, die er auf der Buchmesse lesen wollte, beschäftigen sich mit dem Thema Deportation."   - Als Oskar Pastior der Georg-Büchner-Preis - die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung - posthum verliehen wurde, verlas der Verleger Michael Krüger eine noch von Pastior verfasste Dankesrede, in der dieser sich selbst als einen "Wörtlichnehmer" charakterisierte. - Die "Berliner Zeitung" schreibt am 6. Oktober 2006: "Die Akademie erklärte: `Wir haben einen unvergleichlichen Magier der Sprache verloren.´ Pastior habe mit Fantasie und Witz ein Werk geschaffen, `dessen poetische Sprachwelten, fernab von Klischee und Kommerz, die lautsinnliche Materialität des Wortes zur schönsten Entfaltung bringen, um ihr überraschende, erhellende und humorvolle Bedeutungen zu entlocken´." Übrigens hatte Oskar Pastior mit Herta Müller eine Reise in das ukrainische Arbeitslager unternommen, in das er von 1945 bis 1949 deportiert war. Das autobiografische Prosabuch sollte im kommenden Jahr erscheinen... -  Drei Jahre später, am 28.09.2009, informiert "Neues Deutschland": "Am letzten Wohnhaus des 2006 gestorbenen Berliner Autors Oskar Pastior in der Charlottenburger Schlüterstraße ist eine Gedenktafel enthüllt worden. Kulturstaatssekretär Schmitz ehrte den Büchner-Preisträger als einen `großen Dichter, überzeugten Demokraten und selbstverständlichen Europäer´, der von Literaturkennern auch als der `letzte große Schamane´der experimentellen Literatur angesehen worden ist."

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Am 10.06.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Velimir Chlebnikov:
gezeichnet

 von
Jurij Annenkow.

 

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