Belletristik REZENSIONEN

Ein kommunistisches Urgestein

U. a. über Russland / Sibirien
Geboren am 9. November
Erinnerungen
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2002, 540 S.

Nachdem man dieses dicke, betroffen machende Buch gelesen hat, weiß man: Werner Eberlein war weder ein Betonkopf noch ein Wendehals. Aber ein kommunistisches Urgestein, das war er. Er starb am 11. Oktober 2002.

Kein Wunder, dass ihn sein Geburtsdatum, der 9. November (1919), zum Titel seiner Autobiographie inspirierte: An einem 9. November (1918) nämlich hatte während der Novemberrevolution die Spartakusgruppe (Sein Vater zählte seit 1916 zur Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.) die Berliner Arbeiter zum Generalstreik und zu Demonstrationen aufgerufen, an einem 9. November (1923) fand der Ludendorff-Putsch in München statt, an einem 9. November (1938) geschahen die Judenpogrome, später wird man von der "Reichskristallnacht" sprechen, an einem 9. November (1989) öffnete Günther Schabowski "versehentlich" die Berliner Mauer. Eberleins Geburtstag - was für ein geschichtsträchtiges Datum.

Werner Eberlein war der Sohn von Hugo Eberlein (geboren 1887), dem Reichstagsabgeordneten für die Kommunisten der Weimarer Republik, ein Vertrauter Lenins und Mitbegründer der Kommunistischen Internationale; 1933 musste er aus Deutschland fliehen. Er ging nach Moskau, wohnte im inzwischen legendären "Lux", wurde verhaftet - wie weitere 60 000 deutsche Emigranten auch, verschwand im GULAG, galt als vermisst; 1941 wurde später als sein Todesjahr ermittelt, er war erschossen worden.

1933 flüchtete auch Hugo Eberleins Sohn Werner aus Deutschland, da war er vierzehn Jahre alt. Als er 1948 nach Deutschland zurückkehrte, war er mit achtundzwanzig Jahren ein gestandener Mann, der viel erlebt hatte: Anfangs wohnte er in Moskau in einer Kommunalwohnung bei Inna Armand, der zweiten Frau seines Vaters, später zog er zum Vater ins "Lux". Inna war die Tochter von Inès (Inessa) Armand, der man in allen Biographien Lenins ein Liebesverhältnis mit ihm nachsagt. Werner Eberlein zitiert aus deren Briefwechsel, aus dem dergleichen nicht hervorgeht. Übrigens - als Inessa  Armand starb, verfasste Nadeshda Krupskaja, Lenins Lebensgefährtin, einen liebevollen Nachruf und bewahrte nachhaltig die freundschaftlichen Beziehungen zu Inessas Kindern... Werner Eberlein ging in Moskau in die Karl-Liebknecht-Schule, die vornehmlich für Kinder deutscher Facharbeiter und Emigranten sowie Wolgadeutscher eingerichtet worden war. Als sein Vater - als Spion, Verschwörer, Verräter - verhaftet wurde, ist Werner siebzehn Jahre alt; er muss nun auf eigenen Füßen stehen, zieht in ein Arbeiterwohnheim, arbeitet in einer Kautschukfabrik, wird (dank seiner Größe) Transportarbeiter, schließt als "Wolodja" viele Freundschaften mit Russen, wird von ihnen geschätzt und anerkannt, lernt immer besser Russisch. Seit 1940 durften sich "Missliebige" nicht mehr in Moskau und nicht in einem Umkreis von hundert Kilometern aufhalten. Das hieß für den Deutschen Werner Eberlein Verbannung nach Sibirien, nach Mogotschino, wohin auch viele Kulaken verbannt waren. "Wolodja" setzte sich auch hier unter den härtesten Bedingungen durch und: Sein Russisch ist längst kein Schul-Russisch mehr, sondern dem Leben abgehört. Werner Eberlein kam 1947 aus der sibirischen Verbannung frei, weil Wilhelm Pieck, einstiger prominenter KPD-Mitstreiter Hugo Eberleins, bei Stalin intervenierte. An dieser Stelle sei angemerkt, dass nur wenige das Glück hatten, dass sich Wilhelm Pieck für sie einsetzte. Gabriele Stammberger, die erst 1953 nach Deutschland (in die DDR) zurückkehren durfte, schreibt in ihrem Buch Gut angekommen - Moskau" darüber ausführlich und voller Enttäuschung... (Sie starb am 13. März 2005.)

Die Schilderung seiner vierzehn Jahre in Russland sind Werner Eberlein am besten gelungen. Kam er verbittert zurück in seine Heimat? "Waren es vierzehn verlorene Jahre? Nein. Denn: "Die wohl schon mit der Muttermilch eingesogene Idee und der vom Vater übernommene Wille, der Sache der sozialen Gerechtigkeit zu dienen, saßen so tief in mir, dass sie alle Tiefen dieses Lebens überstanden. Und dann haben diese Jahre Charakter und auch Bewusstsein geprägt. Es wuchsen Härte und Flexibilität. Auch die Menschlichkeit der Arbeiter und der Verbannten formten den Menschen Werner Eberlein, der in der neuen Umgebung Kumpel, Kamerad und Genosse Wolodja wurde. Die stille Wärme dieser Menschen und ihre oft nicht auf den ersten Blick erkennbare Sympathie, die sie mir entgegenbrachten, glichen die negativen Erlebnisse aus und festigten - trotz alledem - meine Ideale. Ja, auch die politischen."

Nach Deutschland zurückgekehrt, trat Eberlein unverzüglich der SED bei, von 1951 bis 1954 absolvierte er die Parteihochschule der KPdSU in Moskau, seit 1960 war er Mitarbeiter im Zentralkomitee, 1983 wurde er 1. Sekretär der SED im Bezirk Magdeburg, 1989 übernahm er den Vorsitz in der Zentralen Parteikontrollkommission und - nach einem Gespräch mit Eberlein wurde Honecker auf der außerordentlichen Tagung des ZK am 3. Dezember 1989 aus dem Zentralkomitee und aus der Partei ausgeschlossen.

Eberleins Memoiren sind in einer schlichten, anschaulichen Sprache verfasst. Besonders gelungen, neben seiner Schilderung der Zeit in Moskau, die Darstellung seiner dreißig Jahre währenden Dolmetschertätigkeit für Ulbricht und Honecker, für Chruschtschow, Breshnew und viele Kosmonauten. Vor allem gelingt ihm ein vortreffliches Politikerporträt von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, den Eberlein für "eine außergewöhnliche Persönlichkeit in der Geschichte" hielt. Hat er mit ihm oder mit irgend jemanden seiner hohen Chefs einmal über den Mord an seinem Vater (und an zwei seiner Onkels) gesprochen? "Nein", sagte Eberlein in einem Interview mit der "jungen welt" (vom 4.10.2002), "(...) das Thema war tabu; wir sprachen nie darüber, selbst unter vier Augen nicht."

Der Teil, in dem über die Sowjetunion, über Russland und seine Menschen erzählt wird, ist interessant und farbig. "Ich habe die russische Seele kennen und lieben gelernt. Sie ist nicht mit einem Dietrich und schon gar nicht mit einem Stemmeisen zu öffnen. Sie entfaltet sich unter der Wirkung von menschlicher Wärme und persönlicher Sympathie von selbst in ihrem ganzen Reichtum und ihrer Tiefgründigkeit." Nicht nur weil er großartig russisch sprach, sondern auch weil er die russische Mentalität nachempfand, war er sowohl auf russischer als auch auf deutscher Seite ein so gefragter Dolmetscher.

Der Teil des Buches, wo es um die Ereignisse in der DDR geht, ist entschieden farbloser, mit einer Überfülle von Zahlen gespickt (Spätestens hier fällt auf, dass das Buch einen guten Lektor benötigt hätte.) und wirkt an vielen Stellen selbstquälerisch: "Ich würde, wenn ich der Idee untreu werden würde, mein ganzes Leben löschen. Und das kann ich nicht." Diese Worte suggerieren fast, dass es ihm an Mut fehlte, der Idee untreu zu werden, obwohl Zweifel und Missbehagen bei ihm ständig wuchsen. Zur Frage des Mutes bekennt er: "Ich blieb nach wie vor, wie die anderen auch, stumm (...). Was wäre mir passiert, wenn ich nicht geschwiegen hätte? Natürlich gar nichts. Allenfalls hätte man mich aus dem Politbüro exmittiert. Das hätte ich überlebt."

Was also hinderte Werner Eberlein Zweifel und Missbehagen laut zu äußern? Die Parteidisziplin. Und immer wieder die Parteidisziplin.

Für das wiedervereinigte Deutschland empfindet Eberlein nicht viel mehr als Bitterkeit und Häme und wiederholt sich immer wieder in seiner Argumentation, dass es in der DDR keine Bettler gab, keine Arbeits- und Obdachlosen.

Wahr ist, Werner Eberlein versuchte stets, da wo man ihn hinstellte, das Beste für die Menschen herauszuholen. Wahr ist auch, dass er weder ein Betonkopf, noch ein Wendehals war. Aber wahr ist auch, dass sein Schweigen (wie das so vieler anderer) schuldhaft war.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 02.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wenn Silber erklingt, sogar die Geige singt.
Sprichwort der Russen

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