Belletristik REZENSIONEN

Budjonnys Gräuel im Russisch-Polnischen Krieg

Russischer Jude
Tagebuch 1920
Diogenes Taschenbuch 23091
Aus dem Russischen übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban
Diogenes Verlag, Zürich 1998, 271 S.
 
1920, als Fünfundzwanzigjähriger, begab sich Isaak Babel von Odessa aus als Kriegsberichterstatter an die Südwestfront des Russisch-Polnischen Krieges* (1919-1921). Von diesem Krieg wüssten wir heute kaum noch Einzelheiten, hätte Babel nicht dieses Tagebuch geführt und diesen Krieg in Erzählungen geschildert, die ihn, als sie 1926 unter dem Titel "Die Reiterarmee" erschienen, mit einem Schlage weltweit bekannt machten. "Der Russisch-Polnische Krieg", schreibt Peter Urban in "Genauigkeit und Kürze" (Diogenes Verlag, Zürich 2006), "in westlichen Geschichtswerken eine Fußnote, wird auch in den sowjetischen Annalen nur am Rande behandelt, meist peinlich umgangen - sehr im Gegensatz zu seinem historischen Stellenwert, bedeutete er doch, nach dem Scheitern der deutschen Novemberrevolution, das Ende der Doktrin der Welt-Revolution wie auch das der großpolnischen Träume Marschall Piłsudskis."

Seit Erscheinen der ersten Texte - ab 1923 in Zeitungen und Zeitschriften - wurde die Wahrhaftigkeit des Geschehens immer wieder angezweifelt, vor allem die Schreckenstaten der Roten Armee unter Reitergeneral Budjonny**. Babel hatte sich den dauerhaften Haß Semjon Budjonnys zugezogen, der ihn nur noch den "erotomanischen Verfasser" [Verfasser mit Wahnvorstellungen] nannte, schreiben Wladislaw Hedeler und Nadja Rosenblum in ihrem Buch "1940 - Stalins glückliches Jahr". "Die Wahrheit entstellt oder verzerrt zu haben, Revolutionsromantik, Lust am grellen Effekt, Neigung zur poetischen Hyperbel, zur Ästhetisierung des Schreckens - all dies haben Babel nicht nur seine Gegner nachgesagt", schreibt Peter Urban in seinem Nachwort zur "Reiterarmee". Die vorliegende deutsche Übersetzung ist die erste vollständige Publikation des Tagebuches von Isaak Babel aus dem Jahre 1920.

Lange Zeit galt dieses Tagebuch, das Babel - trotz Schlachtgetümmel, ewigem Hunger und totaler Übermüdung - fast täglich führte, als verschollen. Doch dann übergab es eine Freundin von Babel dessen Frau, es hatte die ganze brisante Zeit über bei ihr in Kiew gelegen. Man sollte meinen, dass die Frage nach dem Wahrheitsgehalt inzwischen verstummt ist. Doch bis auf den heutigen Tag will man den legendären General Budjonny nicht so sehen, wie Isaak Babel diesen hoch dekorierten Kosakengeneral und die Zustände in diesem Krieg beschreibt: Vergewaltigungen, Plünderungen, Erschießungen und das Abstechen von polnischen Gefangenen [um Patronen zu sparen], Kriegsmüdigkeit..." Babel hat den Krieg in allen seinen Phasen festgehalten: den Vormarsch, die Kämpfe um Brody, die vergeblichen Belagerungen, den Rückzug, "den Anfang vom Ende der Reiterarmee bis hin zur panikartigen, heillosen Flucht".

Das Tagebuch (verloren gegangen sind die Seiten 1-54 und 21 Seiten innerhalb des Textes) liest sich nicht immer leicht, sind doch viele Notizen nur für Babel selbst bestimmt gewesen. Er brauchte sie als Erinnerungshilfe, eine Veröffentlichung war von ihm nie vorgesehen. (An solchen Stellen erinnert mich Babels Tagebuch an das Notizheft von Clemens Eich in Georgien.) Dennoch ist das Tagebuch "eine interessante Sache" geworden, wie Babel in seinen Notizen schreibt. In seinem Tagebuch gibt Babel auch Auskunft über sein Denken, seine Sehweise, sein zwiespältiges Verhältnis zur Revolution, die er grundsätzlich bejahte, deren Folgen ihn jedoch in unlösbare Widersprüche stürzten.

Babels Kriegstagebuch ist auch ein Dokument jüdischer Kultur und jüdischer Geschichte und sagt viel über die Jahrhunderte lange eigene Kultur Galiziens. "Großdeutscher Rassenwahn hat dieses Land 1939 ausgelöscht, seine Bewohner in die Vernichtungslager (auch Auschwitz gehörte zu Galizien) deportiert, Stalins Russifizierungspolitik nach 1945 tat ein übriges." (Peter Urban) Die galizische Kultur, die Babel 1920 beschreibt, ist heute unwiederbringlich verloren.

Dem Tagebuch schließt sich ein Briefentwurf an einen unbekannten Adressaten an, in dem Babel u. a. schreibt: "Ich habe hier zwei Wochen der Verzweiflung erlebt, die kam von der furchtbaren Grausamkeit, die hier keinen Augenblick lang aussetzt." Aufschlussreich auch die sich anschließenden "Skizzen und Entwürfe zur Reiterarmee", aus denen sich vieles in seinen späteren Reiterarmee-Erzählungen wiederfindet.

Diesen Babeltexten folgt ein fast hundertseitiger Anhang von Peter Urban, in dem er - besonders in den Anmerkungen - so viele zusätzliche Fakten bringt, dass man des Staunens (und Lobes) voll ist...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

  * Der Russisch-Polnische Krieg (Im neuesten "Brockhaus in 30 Bänden" unter Polnisch-Sowjetischer Krieg" zu finden.), offiziell nie erklärt, wurde den Russen von Józef Piłsudski, Staatschef Polens und Oberbefehlshaber der Armee, aufgezwungen. Er begann als klassischer Eroberungsfeldzug - am 8. Mai 1920 rückten polnische Truppen in Kiew ein. Der Krieg fand  zu einem Zeitpunkt statt, der günstig schien,  Gebietsansprüche Polens auf die Ukraine und damit Großpolen von Meer zu Meer militärisch durchzusetzen. In Russland hatte die Rote Armee unter Trotzkis Oberkommando Ende 1919 zwar alle wesentlichen Kräfte der Konterrevolution zerschlagen, doch das Land war zerstört, die Wirtschaft lag danieder, und nicht nur die Bevölkerung war der Kriege müde. Kriegsmüde war auch die 1. Rote Reiterarmee des Kosakengenerals Budjonnij, die noch Anfang 1920 die weißen Truppen unter General Denikin bis an den Kaukasus verfolgt hatte und nun, im Frühjahr 1920, nach einem Marsch von über tausend Werst, an die Südwestfront geworfen worden war, um den polnischen Angriff zurückzuschlagen. "Geführt wurde dieser Krieg", schreibt Peter Urban (in "Genauigkeit und Kürze", Diogenes Verlag, Zürich 2006), "mit der Erbarmungslosigkeit eines Glaubenskrieges. Verstand sich Piłsudski als östlichster Vorposten gegen den Bolschewismus, darin, vom Westen, vor allem Frankreich, nach Kräften unterstützt, so war russischerseits der Gedanke der Weltrevolution noch jedem präsent. `Wir kommen´, zitiert Babel 1920 einen Armeebefehl, `nicht in ein erobertes Land, das Land gehört den Arbeitern und Bauern Galiziens und nur ihnen, wir kommen, um ihnen zu helfen, die Rätemacht zu errichten.´ Daß es nicht dazu kam, hängt unmittelbar mit Verlauf und Ausgang jenes `Krieges mit den Weißpolen´ zusammen; er endete trotz einer Reihe von Siegen - die Rote Armee vertrieb die Polen schon im Juni aus Kiew und stand, zwei Monate später, vor den Toren Warschaus - mit einer verheerenden Niederlage. Und verantwortlich für diese Niederlage war kein anderer als Stalin. Stalin war 1920 Kriegskommissar, also der politisch ranghöchste Funktionär an der Südwestfront, und verfolgte das ehrgeizige Ziel, das schon im Ersten Weltkrieg heftig umkämpfte Lemberg einzunehmen - statt, wie vom Oberkommando empfohlen, der Südflanke Tuchačevskijs [Tuchatschewskis] vor Warschau zu Hilfe zu kommen. Er führte, wie Trockij [Trotzki] es später formulierte, seinen "Privatkrieg". So attackierten Budënnyjs [Budjonnijs] Kosaken Lemberg noch eine Woche, nachdem Piłsudski die Rote Armee bei Warschau bereits vernichtend geschlagen hatte." Stalin wurde daraufhin seines Postens enthoben. Diese persönliche Niederlage hat er weder Trotzki noch der roten Generalität noch dem polnischen Offizierskorps verziehen. Trotzkis Entmachtung erfolgte 1927, zehn Jahre später begannen die Säuberungen auch in der Armee, angefangen mit General Tuchatschewski  - sie alle nun "Trotzkisten", Verräter, Verschwörer; 1939 kam es zum Bündnis Stalins mit Hitlerdeutschland und zur vierten Teilung Polens. Zwischen dem Russisch-Polnischen Krieg und den Morden von Katyn liegen nur zwanzig Jahre. "Viele der heute aufbrechenden Fragen", meint Urban , "haben ihren Grund nicht im Jahr 1945, sondern in der Nachkriegsordnung von 1918." Babel - auch er 1940 ein Opfer Stalins - hat den Polenfeldzug miterlebt, ohne die politischen Hintergründe zu kennen. Er hat mit der 1. Reiterarmee vor Lemberg gestanden, ohne zu wissen, dass die Entscheidung im Norden längst gefallen war, aber er hat sich - als es hieß, Lemberg aufzugeben - gefragt: "Ist das Wahnsinn - oder die Unmöglichkeit, eine Stadt mit Kavallerie zu nehmen?"

  ** In "Iwans Krieg" nennt die Autorin Catherine Merridale Budjonnij den "alternden Held des Bürgerkriegs". "Er war ein Mann mit Vergangenheit", unkte Marschall Iwan Konew 1942, "aber ohne Zukunft."

 

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Am 13.09.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 20.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Bisweilen muss man übernachten, wo man nicht einmal auszuruhen gedachte.
Sprichwort der Russischen Juden

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