Belletristik REZENSIONEN

Dieser Roman ist keine Bettlektüre

Russe
Doktor Shiwago
Aus dem Russischen von Thomas Reschke
Aufbau-Verlag, Berlin 2003, 752 S.

Wer Doktor Shiwago als Leinwandmelodram sah, muss Boris Pasternaks weltberühmtes Werk für einen zu Tränen rührenden Liebesroman vor dem Hintergrund kriegerischer und revolutionärer Auseinandersetzungen halten. Wer Doktor Shiwago liest, wird eventuell enttäuscht sein, denn die tragische Liebesgeschichte zwischen Shiwago und der schönen Lara widersetzt sich dem erhofften Lesegenuss.

Die Handlung dieses Schicksalromans von Boris Pasternak (1890-1960), von dem Stalin sagte, dass er im Wolkenkuckucksheim lebe, spielt in dem geschichtsträchtigen Zeitraum zwischen dem Russisch-Japanischen Krieg (1905) und der beginnenden Stalin-Ära (etwa um 1930); der Epilog gibt Ausblicke bis in die Zeit kurz vor Stalins Tod (1953). Pasternaks Roman erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte des russischen Arztes, Wissenschaftlers und Dichters Dr. Juri Andrejewitsch Shiwago, dessen Bestimmung es ist, das Ende eines "überflüssigen Menschen" zu finden: Shiwago erleidet während der Fahrt zu einem seiner Arbeitsplätze einen Herzanfall in der Straßenbahn und stirbt auf dem Pflaster einer Moskauer Straße. Dieses banale Sterben des Doktors beendet ein Leben, das sich losgelöst hat vom historischen Geschehen seiner Zeit. In Doktor Shiwago heißt das: ohne Bezug zur Revolution der Bolschewiken, die das alte Russland hinwegfegten. Nicht Auflehnung gegen die neue Ordnung bestimmt das Verhalten Shiwagos, sondern das Wissen, dass ihn mit diesem neuen Zeitalter nichts verbindet.

Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges verläuft Shiwagos Leben in bürgerlich-geordneten Bahnen.  Er schließt sein Medizinstudium ab, heiratet seine Cousine Tonja, die Tochter eines vermögenden Professors. [Dass Doktor Shiwago seine Cousine Tonja heiratet, scheint mir nicht zufällig zu sein; denn Tonja und Juri erinnern an das Verhältnis des Autors Pasternak zu seiner Cousine Olga Freudenberg, die zu seinem Manuskript schrieb: "Dein Buch ist über jegliches Urteil erhaben. (...) Es ist eine besondere Variante der Schöpfungsgeschichte. Deine Genialität ist darin sehr tief."] Der erste Weltkrieg, den Shiwago als Arzt in vorderster Kampflinie miterlebt, erschüttert das gutbürgerliche Leben der Shiwagos, die Oktoberrevolution zerstört sie. Der Doktor akzeptiert den Beschluss des Familienrats, das hungernde, von Razzien und Verhaftungen heimgesuchte Moskau zu verlassen, um mit seiner Frau und den beiden Kindern auf dem ehemaligen Familiengut der reichen Verwandten seiner Frau zu leben und vielleicht - zu überleben. Da begegnet er eines Tages der Frau wieder, die er während des Krieges in einem Krankenhaus an der Front kennen lernte und die einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hat: die Geschichtslehrerin Lara, ihr Mann ist der berühmt-berüchtigte Panzerzugführer der Roten Armee mit dem Decknamen Strelnikow, der Lara für seinen politischen Kampf verlassen hat. Strelnikow wird später, als die Revolution ihre Kinder frisst, von seinen eigenen Genossen in den Selbstmord getrieben.

Shiwago begegnete Lara zweimal wieder und hat sie zweimal verloren. Nach Wirren und Zufällen finden sie ein kurzes Liebesglück in Sibirien. Lara flieht nach Asien, aber der gebrochene Shiwago geht nicht mit ihr. Er verwahrlost zunehmend. "Bis in die Nachkriegszeit hinein verfolgt der Roman noch die Geschicke der hinterbliebenen Freunde. Sie finden Shiwagos Papiere und Aufzeichnungen und erkennen jetzt erst seine Lebensphilosophie. Seine Passivität entsprang seinem Willen, sich nicht auf ein erzwungenes Engagement verpflichten zu lassen. Er ist nichts weiter als ein normaler Bürger gewesen oder hätte zumindest einer sein wollen: Aber gerade das war zu jener Zeit, die Shiwago erleben musste, unmöglich." (Julia Kursell)

Pasternak zeichnet den Lebensweg des Arztes auf eine Weise nach, die ungefügig wirkt. Nina Berberova nennt das Buch in ihrer Autobiographie einen plumpen, künstlichen und nicht ausgearbeiteten Roman. Ich muss meiner Lieblingsautorin ein wenig recht geben: Es bereitet Schwierigkeiten, Doktor Shiwago zu lesen, Bettlektüre ist das Buch nicht! Der Roman wirkt wie ein Flickwerk aus Erzählfragmenten, Dialogen und Monologen, Gedichten, Tagebucheintragungen sowie Reflexionen zu Philosophie, Geschichte und Kunstästhetik. Ein vom Autor durchaus beabsichtigtes Neben- und Durcheinander? Zum Hörbuch "Doktor Schiwago" schreibt Julia Kursell in ihrem Booklet, dass gerade dieser Roman "die konsequente Reaktion Pasternaks auf die Zwänge des ästhetischen Diktats des sozialistischen Realismus" ist. "So wie sich Schiwago [Shiwago] einer planvollen Lebensführung entzieht, verweigert sich auch der Roman einer herkömmlichen Gattungsbestimmung." Pasternak hat ein Kompositionsprinzip gewählt, das eine überschaubare Romanhandlung ausschließt. Doktor Shiwago - geschrieben in verschiedenen Stilebenen, die von realistischen Beschreibungen über essayistisch-philosophischen Betrachtungen bis zur fast süßlichen Liebesgeschichte reichen, hat Pasternak ein halbes Leben lang gearbeitet. Sein Manuskript wurde 1956  von dem Redaktionskollegium (Konstantin Fedin, Konstantin Simonow,  Boris Lawrenjew) der Zeitschrift "Novyj mir"  abgelehnt und eine Veröffentlichung in der Sowjetunion überhaupt abgelehnt. Die 1957 erfolgte Erstausgabe des Werkes in italienischer Sprache erregte weltweites Aufsehen und gab den Ausschlag für die Verleihung des Nobelpreises  an Pasternak, den er aus politischen Gründen jedoch nicht annehmen konnte. Das Erscheinen des Buches und die Verleihung des Nobelpreises für Literatur löste eine unvorstellbare Hetzkampagne gegen Pasternak aus, die schließlich zum Ausschluss des damals bekanntesten zeitgenössischen russischen Autors aus dem Schriftstellerverband der UdSSR führte; erst 1987 wurde sein Ausschluss posthum aufgehoben; 1989 erschien Doktor Shiwago auch in der Sowjetunion. Gidon Kremer - einer der größten Geiger unserer Zeit - schreibt in seinem Buch "Zwischen Welten", dass er Doktor Shiwago aus Italien in die Sowjetunion schmuggelte: " (...) nach Mailand (..), wo ich bei Feltrinelli Dr. Schiwago suchte. Es war das erste Buch [Es muss Ende der sechziger Jahre gewesen sein.], das ich heimlich nach Rußland brachte. Über Pasternaks Roman wurde sehr viel gesprochen, er gehörte zur verbotenen Literatur."

(Kürzlich las ich in den Erinnerungen von Anna Larina-Bucharina, dass Boris Pasternak in der zweiten Januarhälfte 1937, als Nikolaj Bucharins Name als Chefredakteur der "Iswestija" verschwand und im Prozess gegen Radek, Pjatakow und die anderen klar wurde, dass es schlecht um Bucharin stand, Pasternak einen kurzen Brief an Bucharin sandte. Er schrieb: "Keine Gewalt bringt mich dazu, an Ihren Verrat zu glauben." Was für ein mutiger Mann!)

Für die Fernsehneuverfilmung 2003 wurde der unvergängliche Stoff des Doktor Shiwago in der werkgetreuen und unverfälschten Neuübersetzung von Thomas Reschke (1992) ausgestrahlt. Karlheinz Kasper schrieb im März 1993 (als die 1. Auflage beim S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main erschienen war) im "Neuen Deutschland": "Reschke gibt dem deutschen Leser einen `Doktor Shiwago´ in die Hand, der endlich auch sprachlich hält, was bislang meist allein die politische Erwartung dem Roman abverlangt hat, nämlich ein geistiges Zeugnis des Freiheitswillens zu sein." Die fünfundzwanzig Gedichte von Doktor Shiwago - zehn davon wurden 1954 in der Zeitschrift "Snamja" gedruckt - wurden von Richard Pietrass nachgedichtet. Über die Übersetzung der Gedichte ist in "Wostok" (Osten) 5/96 zu lesen: "Um den Gedichten und Poemen Pasternaks nichts Fremdes überzustülpen, wurde in Kauf genommen, einige formale Aspekte vollkommen zu vernachlässigen und zum Beispiel auch auf den Erhalt der Reimform in großen Teilen zu verzichten."

Leider ist das vom Verlag in seinem Werkkatalog zur Frankfurter Buchmesse 2003 angekündigte Nachwort von Fritz Mierau im Buch unauffindbar...


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 16.12.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Brot macht Hörner, Hunger Beine.
Sprichwort der Russen

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