Belletristik REZENSIONEN

Von einer livländischen Magd zum gekrönten Haupt

Deutsche; über die russische Zarin Katharina I.
Die Zarin
Eichborn Verlag, Frankfurt / Main 2002, 477 S.
 
In ihrem Debütroman erzählt Ella Alpsten vom Leben der livländischen Dienstmagd Martha Skawronska, die 1725 unter dem Namen Katharina I. Zarin von Russland wurde.

Ein Märchen? Kein Märchen!

Martha Skawronska, am 6. April 1684 geboren, entstammte der livländischen Bauernfamilie Samuel Skawronskis. Bis hierhin stimmen die Angaben der Autorin mit den Büchern, die ich über Katharina I. (und Peter dem Großen) gelesen habe, überein. Dann aber muss man bei Ella Alpsten mit Wahrheit und Dichtung rechnen. Der Historiker Detlef Jena schreibt in seinem Buch "Die Zarinnen Rußlands": "Über Charakter und Leben Katharinas I. existieren mehr bewundernde Beschreibungen als überzeugende Tatsachen."

Bewundernde Beschreibungen hin, überzeugende Tatsachen her, Ellen Alpsten hat ein äußerst spannendes Buch geschrieben über den Werdegang Marthas, die nicht lesen und schreiben konnte, bis zur Zarin aller Russen. Die Autorin hält sich an Tatsachen da, wo sie bekannt sind und scheut sich nicht, phantasiebegabt da zu formulieren, wo überlieferte Fakten fehlen. Schließlich ist Die Zarin ein Roman. Einige Darstellungen, unabhängig von bekannten Tatsachen, sind aber wohl der spannenden Romanhandlung geschuldet. Denn warum lässt Ellen Alpsten Marthas Vater leben, obwohl er (nachweislich) an der Pest gestorben ist, als Martha noch kein Jahr alt war. Da allerdings die Mutter starb, lebte Martha - römisch-katholisch getauft - tatsächlich im Hause des protestantischen Pastors Glück in Marienburg. (Wie es dazu kam, ist im Buch eine zu Tränen rührende Geschichte.) Dass das Ehepaar Glück Martha - nach als wissenschaftlich ausgewiesener Literatur - sogar adoptierte, davon steht in Ellen Alpstens Buch nichts. Dafür lässt die Alpsten Martha ihren vorangegangenen Dienstherrn brutal mit einem schweren Mörser erschlagen, als dieser sie vergewaltigt und tot peitschen will. Da ist Martha sechzehn Jahre alt. Im Hause Glück hält der schwedische Dragoner Johann Trubach (der Johann Kruse bei Detlef Jena heißt und Johann Rabe bei Wladimir Fedorowski in "Die Zarinnen") um ihre Hand an, da ist sie schwanger vom Pastorensohn Johannes... Martha verliert ihr Kind, des Pastors Sohn heiratet eine andere und Martha den schwedischen Dragoner. 1703 wurde Marienburg von russischen Truppen unter Führung Generalfeldmarschalls Boris Scheremetjew belagert. Als Martha Nachricht davon erhält, dass ihr Mann verwundet im Hospital liegt, eilt sie - laut Roman - durch die umkämpfte Stadt zu ihm. Unterwegs wird sie von drei Soldaten festgehalten und vergewaltigt. Scheremetjew befreit sie und nimmt das bildhübsche Mädchen mit ins Lager. Sie wird die Geliebte dieses kommandierenden russischen Generals, dann die des reichen und einflussreichen Alexander Menschikows. Als Peter I. Martha sieht, befiehlt er der Gespielin seines Ratgebers, in sein Schlafgemach zu wechseln. Von nun an weicht Martha kaum noch von seiner Seite. Sie wird diejenige, die ihn während seiner Wutanfälle beruhigen kann, die ihm auf all seinen Feldzügen begleitet, die ihm zwölf Kinder (laut Detlev Jena sind es elf) schenkt; am Leben blieben Anna und Elisabeth. Die sechs Jungen, die Martha zur Welt bringt, sterben. Und so ist der Zar ohne Thronfolger, denn den Zarewitsch Alexej aus seiner ersten Ehe hat er mitleidslos-grausam umbringen lassen. Den Sohn des "ungeratenen" Alexej als Thronfolger missachtend, kommt Martha nach dem Tode Peters als Katharina I. auf den Thron.

Den ganzen Roman lässt Ellen Alpsten die Zarin in der Ich-Form erzählen. Da konnte man gespannt sein, wie die Autorin das überzeugend durchhält. Und, tatsächlich, sie schafft es, sowohl die ausartenden Saufgelage Peters als auch die intimen Bettgeschichten, sowohl die grausigen Geschehen im Feld als auch die sexuellen Verführungsszenen sind aus dem Munde Marthas / Katharinas ohne Peinlichkeit für den Leser dargestellt, mal abgesehen vielleicht von dem "Hosenstall", den die Zarin dem Zaren öffnet... Es gelingt Ellen Alpsten auch, die Weiterentwicklung Marthas - Lesen und Schreiben lernt sie allerdings nie - deutlich zu machen.

Viele kursiv gedruckte russische Vokabeln suggerieren dem Leser, dass die Alpsten eine Kennerin der russischen Sprache ist. Ist sie es?

Ellen Alpsten, 1971 in Kenia als Tochter eines deutschen Tierarztes und einer (deutschen?) Lehrerin geboren, wuchs in Afrika und Deutschland auf und studierte am renommierten "Institut d´Etudes Politiques" in Paris. Nach der Heirat mit ihrem schwedischen Mann zog sie nach London und berichtet von dort für Bloomberg TV über das Börsengeschehen. Keine Ahnung also, wie sie auf den Stoff ihres Romans gekommen ist - aber sie hat ihn außerordentlich gut recherchiert und mit einem erstaunlichen Gespür für alles Russische gut ausfabuliert.

Allerdings ist ein Mangel des Buches, dass es mehr oder weniger mit dem Tod Peter I. und dem Machtantritt Katharinas endet. Einiges von dem, was sie während der zwei Jahre als Zarin vollbracht hat bzw. nicht vollbracht hat, erfährt der Leser nur aus viereinhalb läppischen Tagebuchseiten von Jean Jacques de Campredon, die er am 16. Mai - zehn Tage nach ihrem Tod - schrieb: "(...) Sie hat keine Kriege geführt, sie hat nicht geplündert und nicht gebrandschatzt. Es waren zwei gute Jahre in Rußland für all jene, die zufrieden leben und etwas schaffen wollten." Immerhin gelang Katharina I., was Peter I. nicht mehr erreicht hatte: Die Eröffnung der Akademie der Wissenschaften von St. Petersburg. Ferner förderte sie die wissenschaftliche Expedition Berings, der die gleichnamige Meerenge zwischen Asien und Amerika entdeckte und schränkte die Machtbefugnisse des Senats ernsthaft ein, trieb die Politik und die Reformen ganz in Peters Sinne voran. Außerdem aber soll verbürgt sein, dass Katharina versuchte, das an Peters Sohn Alexej begangene Unrecht - so weit das überhaupt möglich war - wieder gutzumachen. Deshalb nahm sie die Kinder Alexejs, Peter und Natalja, bei sich auf und umsorgte sie mit gewissenhafter Aufmerksamkeit. Im Jahre 1727 verliebte sich Katharina in einen jungen Offizier. Wegen ihrer beträchtlichen Leibesfülle (sie aß und trank gern und viel) bereitete ihr das Tanzen Mühe. Deshalb entschloss sie sich zu einer Hungerkur. Wäre nicht all das noch romanesk zu gestalten gewesen?

Am 21. Januar 1727 wohnte Katharina dem Fest der Wasserweihe bei und nahm anschließend zwanzigtausend Soldaten eine Parade ab. Durch das stundenlange Ausharren in eisiger Kälte bekam sie Nasenbluten und Fieber. Zwei Monate lang musste sie das Bett hüten. Ob ihr der junge Offizier dabei Gesellschaft geleistet hat, ist nicht bekannt. Nach einer Besserung ihres Gesundheitszustandes erlitt Katharina I. einen Rückfall und starb am 6. Mai 1727.

Da Ellen Alpstens Buch ein Roman über Die Zarin ist und nicht über den Zaren, hätte die Autorin den Handlungsablauf nicht mit deren Machtübernahme abbrechen sollen, auch wenn Katharina ohne Peter  - das wohl ist unbestritten - zu Visionen und spektakulären Entscheidungen nicht fähig war.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 22.11.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 16.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Weiberweg - vom Herd bis zur Schwelle.
Sprichwort der Russen

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