Hörbuch REZENSIONEN

1000 Jahre erzählte russische Literaturgeschichte

Über russische Literaturgeschichte
Russische Literaturgeschichte
Herausgegeben von Heiner Boehncke
Sprecher: Ralph Dutli, Bernt Hahn, Sylvia Heid
Regie: Burkhard Schmid, Technik: Holger Mees
Aufnahme: Hessischer Rundfunk, 2003
Hörbuch Verlag, Hamburg, 2003, 4 CDs, Laufzeit: 272 Minuten. Mit Booklet von Ralph Dutli.

Ralph Dutlis erzählte Literaturgeschichte - von ihm verfasst und gesprochen - erschien anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2003 als Leckerchen. Es ist ein Original-Hörbuch, das es gedruckt nicht gibt. Dr. phil. Dutli, geboren 1954, studierte französische und russische Literatur in Zürich und Paris. Er führt die große Literaturmenge mit folgenden Worten ein: "Keine Kultur ist derart von Klischees zugepflastert wie die russische. Doch was sich hinter ewigem Frost und Wodka, Iwan dem Schrecklichen, Rasputin  und Väterchen Stalin auftut, ist eine literarische Landschaft von ungeahnter Weite und Vielfalt."

Die erzählte Russische Literaturgeschichte ist in vier Teile (auf vier CDs) unterteilt.

1. Wirklich wie im Märchen. Vom "Igor-Lied bis Puschkin und Gogol: In diesem ersten Teil geht es so ausführlich wie es auf knappem Raum möglich ist, um die altrussische Literatur, die den Zeitraum vom 11.-17. Jahrhundert umfasst. Wir hören von der Vita der Märtyrer Boris und Gleb (11. Jh.), die sehr menschlich dargestellt werden, vom anonymen "Igor-Lied" (von Vladimir Nabokov ins Amerikanische und Rainer Maria Rilke ins Deutsche übersetzt), in dem es um den Kampf gegen das Steppenvolk der Polowzer geht, um die Nestorchronik, die von der Sintflut bis ins 12. Jahrhundert erzählt, um den "russischen Marco Polo"  Nikitin Afanassjew und die russischen Belynen - Heldensagen und Märchen -, die Afanassjew (als Pendant zu unseren Gebrüdern Grimm) sammelte. Es folgt die konservative Hausordnung (16. Jh.), in der z. B. erläutert wird, wie oft man die Söhne züchtigen sollte und wie Frau und Gesinde zu behandeln sind; in des Altgläubigen Awwakums rebellischer Lebensbeschreibung (17. Jh.) wird von seinen Leiden erzählt und von den Raskolniki, die den neuen Glauben Nikons von 1653 nicht anerkannten und grausam verfolgt wurden; Awwakum endete auf dem Scheiterhaufen. Ferner handelt dieser erste Teil von dem Aufklärer Michail Lomonossow, dem reisenden Sentimentalisten Nikolai Karamasin, dem Aufklärer Alexander Radistschew, dem klassischen Odendichter Gawriil Dershawin (18. Jh.) und natürlich von dem Klassizismus und Romantik vereinenden Alexander Puschkin, der die russische Dichtung neu erfand und sie in die Weltliteratur beförderte. Sein "Jewgeni Onegin", die russische "Enzyklopädie des russischen Lebens", steht im Mittelpunkt von Puschkins Schaffen. Michail Lermontow empörte sich in seinem Gedicht "Tod des Dichters" über den frühen Duell-Tod Puschkins mit siebenunddreißig Jahren. Lermontow, der bereits mit siebenundwanzig Jahren einem Duell zum Opfer fiel, wird mit "Ein Held unserer Zeit" vorgestellt. Der erste Teil endet mit Nikolai Gogol, dem Meister der Fantastik und Satire. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass Gogols "Nase" noch manchmal auf dem St. Petersburger Newski-Prospekt spazieren geht...

2. Die Gaben der Giganten. Von Dostojewski und Tolstoi bis Tschechow: Der russische Realismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte die großen Romane hervor, die zu den bedeutendsten kulturellen Leistungen Russlands zählen. Ralph Dutli bringt uns in diesem zweiten Teil Fjodor Dostojewski nahe, erzählt über seine fünf Romane - "Kampfplätze der Seele" -, die im Aufbruchgefühl nach der Abschaffung der Leibeigenschaft (1861) und bis zur Ernüchterung durch das Attentat auf den "Befreier-Zar" Alexander II. (1881) entstanden; von seinen Erzählungen greift Dutli als eine Art Meistererzählung "Die Sanfte" heraus. Als "Slawophile" und "Westler" in Streit geraten, veruneinigen sich der "Slawophile" Dostojewski und der "Westler" Iwan Turgenjew, der Jahrzehnte im Westen (Paris, Deutschland) lebte (wo ihn eine innige Freundschaft mit Gustave Flaubert verband) und - weil er in der Nähe der Sängerin Pauline Viardot leben wollte). Ferner hören wir durch Iwan Gontscharows "Oblomow" von einem "Leben im Schlafrock", laut Dutli  ein "Werk voller Lebensweisheit". Wenn vom ätzenden Kaufmannsmilieu die Rede ist, dann ist natürlich Alexander Ostrowski gemeint, der Theaterautor, der siebenundvierzig Stücke schrieb. Viel Raum gebührt zu Recht Lew Tolstoi, dem "russischen Homer". Seine Erzählungen vom Sterbenkönnen werden interpretiert und "Anna Karenina". Käuze, Ketzer, Gaukler ("Der Gaukler Pamphalon") und Gerechte kennzeichnen Nikolai Leskows Novellen; seine "Lady Macbeth von Mzensk" verwandelte Dmitri Schostakowitsch in eine Oper, die auf der CD kurz anklingt. Krisenstimmung und die Erwartung eines neuen Lebens kennzeichnen den Arzt und Schriftsteller Anton Tschechow, der in seinem kurzen Leben mehr als sechshundert Erzählungen, Kurzromane und zahlreiche Stücke schrieb. Auf "Drei Schwestern" geht Dutli besonders ein und meint, Tschechow beschäftige sich meist "mit sinnlos gelebtem Leben".

3. Die Mythen der Moderne. Vom Symbolismus bis zur späten Achmatowa und Nabokov: Nach der von gesellschaftspolitischen Fragen beherrschten Prosa des Realismus erwacht um 1892 ein neues Bewusstsein des dichterischen Wortes im Symbolismus. Anders ausgedrückt: auf das Goldene Zeitalter der Poesie mit Puschkin folgte das Silberne Zeitalter. Für den Symbolismus stehen Alexander Bloks erotisch-dämonische Epiphanien*, Andrej Belys apokalyptischer " Petersburg"-Roman, Fjodor Sologubs "Der kleine Dämon". Den Akmeismus symbolisieren: Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam (mit ihrer "Sehnsucht nach Weltkultur"). Für den (Kubo-) Futurismus stehen Welimir Chlebnikow und Wladimir Majakowski und ihr Pamphlet "Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack". Für den Imaginismus sprechen der Bauerndichter Sergej Jessenin, bald schon tief enttäuscht von der Revolution, nahm er sich das Leben... Die postsymbolischen Strömungen, nach 1910 der traditionsbewusste Akmeismus, der avantgardistische Imaginismus - bilden die moderne Poesie. Boris Pasternak wird mit "Meine Schwester das Leben" vorgestellt und natürlich mit dem Roman "Dr. Schiwago", für den der Autor den Nobelpreis erhielt, den er aber nicht entgegen nehmen durfte.  - Mit der Gleichschaltung der Literatur 1932 setzte der Sozialistische Realismus ein, und die wahre Literatur entstand zumeist im Verborgenen oder im Exil. Natürlich dürfen in diesem weltberühmten Reigen, man sprach auch vom Vierergestirn (Pastnernak, Mandelstam, Zwetajewa, Achmatowa) die beiden Ikonen der russischen Lyrik nicht fehlen. Marina Zwetajewa ging in den zwanziger Jahren ins äußere Exil nach Berlin (Peter Urban, "Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre"). Nach ihrer Rückkehr nach Russland wurde ihr Mann erschossen, die Tochter Ariadna kam ins Lager, die jüngere Tochter Irina verhungerte; die Zwetajewa nahm sich 1941 das Leben; ihre letzte (schriftliche) Äußerung war die Bitte, sie in einer Kantine als Spülfrau einzustellen. Die Achmatowa bevorzugte das innere Exil, sie veröffentlichte fünf Jahre lang kein Wort. Ihr Mann Nikolaj Gumiljow war 1921  als Volksfeind hingerichtet worden, ihr gemeinsamer Sohn kam in verschiedene Lager. Die Prosa der zwanziger Jahre ist mit Jewgeni Samjatins Anti-Utopie "Wir", Michail Sostschenkos Satiren, Issak Babels "Reiterarmee" und "Odessa", Boris Pilnjaks "Das nackte Jahr", Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" vertreten. Für die Absurdisten stehen Daniil Charms (der 1941 oder 1942 im Gefängnis umkam) und Konstantin Waginow. Dutli spricht sehr anerkennend von Andrej Platonow, dessen wichtigste Romane jahrzehntelang totgeschwiegen wurden. Einer, von denen, die es schafften, im ausländischen Exil berühmt zu werden, war Vladimir Nabokov. Dutli hat von seinen siebzehn Romanen "Lolita" und "Pnin" ausgewählt.

4. Dissidenz und Underground. Von Solschenizyn bis Sorokin: Nach Stalins Tod begann das kurze "Tauwetter" für die russische Literatur, die offiziell noch immer am Gängelband des Sozialistischen Realismus ging. Verbotene Literatur wurde  im Untergrund des "Samisdat" (Selbstverlag) verbreitet oder im Westen publiziert. Boris Pasternaks "Dr. Shiwago" (In der Sowjetunion erst 1988 erschienen.) wird mit dieser vierten CD vorgestellt, ferner der Staatsfeind und Übervater der Lagerliteratur Alexander Solschenizyn (dessen "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" mit persönlicher Genehmigung Chruschtschows 1962 in der Sowjetunion erscheinen durfte.), Wassili Grossman mit seinem Stalingrad-Roman und  Konstantin Paustowski mit seiner Autobiographie "Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters". Hierher gehören auch die aus der Sowjetunion ausgewiesenen Autoren Andrej Sinjawski (Pseudonym Abram Terz), der den Ausspruch prägte "Ich bin nicht dagegen, ich bin anders.", Joseph Brodsky, Alexander Sinowjew, Wladimir Woinowitsch, der heute in Berlin lebt. Einst "Samisdat"-Texte, heute Kult-Bücher, sind "Die Reise nach Petuschki", Wenedikt Jerofejews Trinkerroman, und "Unter Hausarrest" von Jewgeni Charitonow, der mit vierzig Jahren unter ungeklärten Umständen auf der Straße tot zusammenbrach. Sascha Sokolows "Schule der Dummen" galt bei seinem Erscheinen 1976 als "das surrealistische Werk der modernen russischen Literatur" (von Vladimir Nabokov äußerst positiv eingeschätzt). Jewgeni Jewtuschenkos Empörer-Rhetorik wird erwähnt und die damals beliebte Gitarrenlyrik von Bulat Okudshawa und Wladimir Wyssozki. In diese Epoche gehört auch Andrej Bitows postmodernes "Puschkin-Haus", sein Hauptwerk, und die sibirische "Dorfprosa" von Wassili Schukschin und  Walentin Rasputin. - Mit Gorbatschows Glasnost trat die russische Literatur ihre Wiedervereinigung an. Die Werke der Avantgardisten und Exilanten kehrten triumphal zurück - zum Teil als Rückkehrer auf dem Papier. Als erster Titel der Perestroika-Literatur nennt Dutli Tschingis Aitmatows "Richtplatz" (Wobei Aitmatow Kyrgyse ist und in einer russischen Literaturgeschichte eigentlich keinen Platz finden dürfte.) Es folgt  Anatoli Rybakows "Die Kinder vom Arbat" und viele weitere Titel, auch Gennadi Ajgi wird in diesem Hörbuch genannt (obwohl er seiner Nationalität nach Tschuwasche ist...). Glasnost wird im Zusammenhang mit der russischen Literatur als eine geistige Revolution gewürdigt: Endlich durfte auch Jelena Schwarz in Russland erscheinen. Die Moskauer Konzeptualisten treten auf den Plan: Rubinstein und Dmitrij Prigow ("Lebt in Moskau"), Vladimir Sorokins "Die Schlange". Die Tabu-Zertrümmerung und Persiflage eines Sorokins ("Roman", "Der himmelblaue Speck", "NORMA", "LJOD - DAS EIS") und eines Viktor Jerofejews ("Männer") hält gegenwärtig noch an. Für die Gegenwart typisch sind die neuen Erzählerinnen Viktorija Tokarjewa,  Ljudmila Petruschewskaja, Tatjana Tolstaja,  Valeria Narbikova, Ljudmila Ulitzkaja. Erstaunlich der Erfolg im In- und Ausland der Krimi-Autorinnen Alexandra Marinina, Polina Daschkowa, Anna Dankowtsewa, Tatjana Stepanowa. (Von Boris Akunin erscheint inzwischen schon die dritte Krimi-Serie in Deutschland.) Der meistgelesene russische Autor war im Jahr 2000 Viktor Pelewin ("Das Leben der Insekten", "Buddhas kleiner Finger"). Ist Sorokin Russlands Tabuzerstörer und Ekelerreger, so ist Pelewin ein großartiger Witzbold. Die erzählte Russische Literaturgeschichte schließt mit Oleg Jurjews "Halbinsel Judatin" und zwei russischen Sprichwörtern. Angekündigt im Booklet unter "Was die Sprichwörter wissen" wirken diese beiden zitierten Sprichwörter recht kläglich. (Wer weitere Sprichwörter der ehemaligen Sowjetunion kennen lernen möchte, nutze diese Homepage, alle Rezensionen schließen entweder mit einem Sprichwort odereiner ethnografischen Illustration.)

Zu Beginn seiner vier Teile Russische Literaturgeschichte lässt Ralph Dutli den zeitgenössischen Autor Vladimir Sorokin sagen: "Rußland ist ein großer Bär. Den größten Teil seines Lebens schläft er. Zeiten des Tauwetters sind beunruhigend für ihn. Zu seinem Glück sind sie immer nur von kurzer Dauer. Jetzt schneit es wieder in Rußland. Der Winter kommt zurück. Die kurze Zeit des Tauwetters ist vorbei. Der Bär träumt wieder. Und seine Träume sind die russische Literatur." Wahr ist, die wechselnden Phasen von staatlichem Frost und intellektuellem Tauwetter bestimmen seit eh und je den Lauf der russischen Literatur.

Auf Anhieb vermisse ich in der Russischen Literaturgeschichte Alexander Bunin, den ersten russischen Nobelpreisträger, und den großen Maxim Gorki, auch Scholochow, Fedin, Twardowski usw. usw. werden mit keinem Wort erwähnt, stattdessen hört man vorrangig von den Autoren, die in der Sowjetunion nicht zu Worte gekommen sind. Anderen Hörern werden andere Autoren fehlen. Die größte Arbeit war sicherlich jeweils die Entscheidung, wer in diesem Hörbuch vorgestellt (genannt) wird und wie umfangreich seine Vorstellung geraten darf. Mir scheint die erzählte Russische Literaturgeschichte äußerst gelungen. Einerseits ist es reizvoll, dass sie exklusiv nur als Hörbuch vorliegt, andererseits aber hätte man doch gern das eine oder andere nachgelesen. Nun, schließlich kann man sich die vier CDs auch ein zweites Mal anhören oder sich (57 Tracks) die eine oder andere Stelle noch einmal aufrufen. Gut auch, dass sich trotz der Knappheit des CD-Platzes noch für kurze Opernausschnitte (vertonte Texte der genannten Autoren) und kurze Buchzitate (gelesen von Bernt Hahn und Sylvia Heid) Platz fand. Reizvoll auch, dass der Verfasser der Literaturgeschichte seinen Text selber liest. Wie es auch reizvoll ist, wenn der Übersetzer seine Übertragung ins Deutsche selber vorträgt (z. B. Peter Urban Charms´ "Fälle" oder Pastior seinen Chlebnikow).

Nach dem großen Erfolg von "Erzählte Literaturgeschichte. 250 Jahre deutsche Literatur" ist der erzählten Russischen Literaturgeschichte zu wünschen, dass sie ebenso erfolgreich ist.
 


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 * Epiphanien: Vorstellung von der Erscheinung eines göttlichen Wesens unter den Menschen.

 

Weitere Rezensionen zum Thema "Verlagsgeschichte, Literaturen/Literaturgeschichte Russlands und der Sowjetunion":

  • Simone Barck / Siegfried Lokatis (Hg.), Fenster zur Welt. Eine Geschichte des DDR-Verlages Volk & Welt.
  • Leonhard Kossuth, Volk & Welt. Autobiographisches Zeugnis von einem legendären Verlag.
  • Pëtr Kropotkin, Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur.
  • Tatjana Kuschtewskaja, Die Poesie der russischen Küche. Kulinarische Streifzüge durch die russische Literatur.
  • Reinhard Lauer, Kleine Geschichte der russischen Literatur.
  • Fritz Mierau, Mein russisches Jahrhundert. Autobiographie.
  • Valeria M. Netchaeva, Lernen Sie Rußland kennen! Ein Lehrbuch der literarischen Landeskunde.
  • Sergio Pitol, Die Reise. Ein Besuch Rußlands und seiner Literatur.
  • Ilma Rakusa, Von Ketzern und Klassikern. Streifzüge durch die russische Literatur.
  • Klaus Städtke (Hrsg.), Russische Literaturgeschichte.

Am 10.06.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am  04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Anton Tschechow:
100. Todestag am
15. Juli 2004.
(Zeichnung: Horst Janssen)

 

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