Hörbuch REZENSIONEN

Vom Unwesen Stalins und des Satans

Russe
Der Meister und Margarita
Hörspiel
Aus dem Russischen von Thomas Reschke
Sprecher: Hermann Beyer, Jürgen Hentsch, Jürgen Holtz, Daniel Minetti, Bärbel Röhl, Thomas Thieme, Jürgen Thormann u. v. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Petra Meyenburg, Ton: Andreas Meinetsberger, Komposition: Uwe Hilprecht, Schnitt: Venke Decker
Produktion Mitteldeutscher Rundfunk 1998, nach dem gleichnamigen Buch, Verlag Volk und Welt, Berlin 1994
Der Hörverlag, München 2000, 8 Kassetten, Laufzeit: etwa 750 Minuten. Mit Booklet.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Der Teufel erscheint leibhaftig im Moskau der dreißiger Jahre und treibt seine Possen mit der Stadt und vielen Moskauern nach allen Regeln der Schwarzen Kunst. Zur Seite stehen ihm seine Zauberlehrlinge, darunter ein riesengroßer Kater, ein Dickwanst, ein rothaariger Mann mit auffälligem Eckzahn, die Hexe Gela und anderes Teufelsgelichter... 

Das Geschehen spielt sich auf drei Ebenen ab. Die erste Handelsebene: Der Meister (in Bulgakows Buch ohne Namen) hat einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben. Die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Christi. In gar nicht sehr verschlüsselter Form handelt diese Ebene die Politik und ihre Mechanismen ab. Christus, das ist in Bulgakows Roman Jeschua, wagt, Pontius Pilatus, der unbedingt als Hegemon angesprochen werden will, ketzerisch zu sagen, " (...) daß von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe". Für diese Majestätsbeleidigung wird Jeschua denn auch gekreuzigt. Aus der Gegenwart seiner Satire, die etwa eineinhalb Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution spielt, hatte Bulgakow die Politik bewusst herausgelassen. Alle politischen Geschehnisse und auch das rigide Vorgehen des Chefs der Geheimpolizei geschehen also gar nicht heutigentags, sondern spielen sich vor zweitausend Jahren ab...

Die zweite Handlungsebene spielt realistisch im nachrevolutionären Moskau, wo schäbige Beamte, raffgierige Betrüger, habsüchtige Spekulanten, korrupte Hauswarte, betrügerische Gastwirte, mittelmäßige Schriftsteller und Redakteure... gefoppt, blamiert, geschädigt, ja, sogar getötet werden. Der entsetzliche Mord an dem Chefredakteur ist für den Leibhaftigen und seine Spießgesellen lediglich "eine Wohnungsbeschaffungsmaßnahme".

Die dritte Handlungsebene ist die phantastisch-mystische Welt der Teufel und Hexen, die natürlich fliegen können. Wie köstlich der große Ball beim Satan, bei dem sich die Welt der Toten vergnügt und eine aus Affen bestehende Jazz-Kapelle zum Tanz aufspielt.

Der Russe Michail Bulgakow hat an Der Meister und Margarita von 1929 bis 1940 gearbeitet, er starb am 10. März 1940*, zur letzten geplanten Überarbeitung ist er nicht mehr gekommen. Was sich Bulgakow in diesen elf Jahren aber auch nicht alles für Teufelsspäße, Verwechslungsszenen, Gespensterliches einfallen lässt... Besonders viel Vergnügen hat mir das köstliche Durcheinander im Devisenladen am Smolensker Markt bereitet - (sicherlich deshalb, weil auch ich, bar irgendwelcher Devisen, nicht in  DDR-deutschen Intershops einkaufen konnte) - verursacht von dem unzertrennlichen Pärchen, dem Kater und Korowjew. Dennoch: Das überaus phantasievolle Geschehen ist nur vordergründig eine ausgesprochen heitere Satire.

Michail Bulgakow wurde1891 in Kiew geboren; in dem Haus, in dem er bis zum Krieg gelebt hatte, befindet sich heute das Michail-Bulgakow-Museum. Bulgakow war zunächst Arzt, bevor er in den frühen zwanziger Jahren mit seinen Dramen berühmt wurde. "Sogar Stalin hatte zu erkennen gegeben, dass er Bulgakow für den vielleicht begabtesten und bedeutendsten Dramatiker des Landes hält. Laut Unterlagen des Moskauer Künstlertheaters hatte er fünfzehn (!) Vorstellungen von Bulgakows "Die Tage der Turbins" besucht - schreibt Vitali Schentalinski in seinem Buch "Das auferstandene Wort" (Gustav Lübbe Verlag, 1993), in dem er u. a. aus den Archiven des sowjetischen Geheimdienstes zitiert. Mitte der zwanziger Jahre jedoch fällt Bulgakow in Ungnade, wird nicht mehr gedruckt, hat keine Arbeit und kein Geld, nicht einmal für die Straßenbahn. Am 7. Mai 1926 fand bei ihm eine Hausdurchsuchung statt, man beschlagnahmte seine Manuskripte, darunter auch ein sehr freimütig geschriebenes Tagebuch mit dem Titel "Unter dem Joch". Man verhaftete den Schriftsteller nicht, aber man wich ihm nicht mehr von den Fersen - um ihm Angst einzujagen. Seit dieser Zeit hat Bulgakow beständig Angst um seine Person und um seine Manuskripte. Jahrelang kämpft er um seine beschlagnahmten Papiere. Sogar Maxim Gorki und dessen (in vielen Fällen sehr mutige) Frau Jekaterina Peschkowa** - die das Politische Rote Kreuz leitete - setzten sich für ihn ein. Nach drei Jahren endlich erhielt Bulgakow sein Tagebuch zurück. Und was tat Bulgakow? Er zerriss es und warf es ins Feuer. Durch diese Geste wollte der Schriftsteller deutlich machen, dass seine intime Beichte durch schmutzige Hände entweiht worden. war. Ähnlich wird in Bulgakows Roman beschrieben, wie der Meister sein großes, unverstandenes Werk über Pontius Pilatus verbrennt. Überhaupt hat der Meister in Bulgakows Roman viele autobiographische Züge. 1940, kurz vor Bulgakows Tod beendet, erscheint Der Meister und Margarita erstmalig (mit Kürzungen) in zwei Ausgaben der Zeitschrift "Moskwa" 1966/67. "Der Erfolg", schreibt Bulgakows Freund Sergej Jermolinski, "war wie eine Explosion." Von Andrej Kurkow weiß man, dass er Bulgakow - einer der großen literarischen Ironiker der Sowjetgesellschaft - in seiner Jugend sehr verehrt hat. "Später", gesteht er, "hielt ich ihn für ein wenig überschätzt." Und doch zitiert er in seinem neuesten Buch "Die letzte Liebe des Präsidenten" seinen "alten Lieblingssatz" aus Der Meister und Margarita: "Sprechen Sie nie mit Unbekannten!"

Petra Meyenburg hat Bulgakows Roman für dieses Hörbuch äußerst behutsam und einfühlsam bearbeitet, auch ihre minimalen Kürzungen erfolgten sehr geschickt. Ihr, die gleichzeitig die Regisseurin dieses Hörspiels ist, ist es zu danken, dass dieser Jahrhundertroman auch ein großes Hörerlebnis geworden ist. Mehr als zwölf  Stunden lang beeindrucken mehr als 75 Sprecher und Sprecherinnen. Schwer zu sagen, wer den Ohren am längsten in Erinnerung bleibt. Vielleicht der Erzähler Jürgen Hentsch und das Ekel, pardon, der Satan Jürgen Holtz? Oder der Kater Behemot des Hermann Beyer? Oder aber Jürgen Thormann als Pontius Pilatus? Einige Frauenstimmen sind für meinen Geschmack ein wenig zu hoch (noch nicht schrill), auch Bärbel Röhl als Margarita und Christiane Leuchtmann als ihr Dienstmädchen Natascha.

Es verwundert nicht, dass das Hörspiel Der Meister und Margarita von der Jury der Hörbuch-Bestenliste zum Hörbuch des Jahres 1999 gekürt wurde. In der Begründung ist auch von "handwerklicher Sorgfalt und Genauigkeit" die Rede. Die Hörbuch-Bestenliste wird seit Mai 1997 vom Hessischen Rundfunk (hr2) in Zusammenarbeit mit dem "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel", dem "Buchjournal" und der Zeitschrift "Hits für Kids" herausgegeben. "Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Literatur auch eine eigene Dimension im akustischen Bereich hat, dann wäre er hier geliefert worden." Recht hat sie, "Die literarische Welt".

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 27.08.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Dem Glück geht Leid zur Linken,  Kummer zur Rechten.
Sprichwort der Russen

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