Belletristik REZENSIONEN

Mit dem Tafelsilber ins Freie

Russe
Die Schwere Not
Eine Erzählung aus Sankt Petersburg im Jahre 1838
Aus dem Russischen übersetzt, herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Urban
Friedenauer Presse, Berlin 1991, 3. Auflage, 104 S.

Die Schwere Not ist die erste überlieferte Erzählung von Ivan Gončarov (Iwan Gontscharow), geschrieben 1838 mit sechsundzwanzig Jahren.  Sie wurde erstmals "veröffentlicht" in der von Hand geschriebenen, in einem einzigen Exemplar erscheinenden Hauszeitschrift "Podsnežnik" ("Das Schneeglöckchen)" eines in den dreißiger und vierziger Jahren berühmten Petersburger Salons, dem des Hof- und Historienmalers Nikolai Aleksandrovič Majkow, der von 1796 bis 1873 lebte und 1835 für die Gestaltung der Ikonostase der Isaaks-Kathedrale in Petersburg zum Mitglied der Akademie der Künste ernannt worden war. Dieser damals berühmte Majkov (Maikow) begegnet uns auch in Gončarovs "Für den Zaren um die halbe Welt".

Gončarov ist 1812 in Simbirsk geboren, 1891 in St. Petersburg gestorben, in der Stadt, über deren Klima er sich oft beklagte und wo ihm die Menschen nicht gefielen, auch nicht deren Bräuche. Dennoch blieb Gončarov dieser Stadt zeitlebens treu. Aus Oblomowscher Bequemlichkeit?

Weltruhm erlangte Gončarovs Gestalt des Oblomow in seinem gleichnamigen Roman. Oblomow und der Schlaf dienten dem Autor als die große, alles umfassende Metapher für russisches Leben. Mit ihm, dem Faulpelz, der aus philosophischer Überzeugung das Bett nur zu den Mahlzeiten verlässt und für nichts und niemanden Interesse äußert, hat Gončarov sich gern identifiziert. Zeit seines Lebens sah er Oblomow als Teil seines Lebens an. Die Gestalt des Oblomow hatte Gončarov jedoch schon lange vor Erscheinen seines Romans (1859) fasziniert. In den Literaturgeschichten kaum erwähnt, stellen wir nach der Lektüre von Die Schwere Not fest, dass es einundzwanzig Jahre vor Erscheinen des Romans "Oblomow" schon einen Oblomow gab - in der Gestalt des kleinrussischen (ukrainischen) Gutsbesitzers Nikon Ustinovič Tjaželenko ("der Schwergewichtige"). Er, "den größten Teil seines Lebens im Bett liegend", ist das Urbild des Oblomow. Kaum etwas vermag, ihn aus der Ruhe zu bringen, und nichts ist ihm verhasster, als etwas zu tun - und sei es nur, sich Bewegung zu verschaffen. Geradezu mit Entsetzen hört er von seinem Freund Filipp Klimyč, dass die allen so sympathische Familie Zurov neuerdings an einer fürchterlichen Krankheit leidet: der Schweren Not. Diese Krankheit treibt sie, sobald es Frühling wird, hinaus aus der Stadt, zu ungeheuer weiten Spaziergängen, Ausflügen und Picknicks - um "Zwiesprache mit der Natur zu halten, um frische Luft zu atmen, zu fliehen vor dem Staub..." Da die Familie Zurov bei Regen, Wind und Wetter nicht von ihren fanatischen Ausflügen lassen kann, ist die ganze Familie oft und öfter krank, aber nichts hält sie ab, weiterhin mit Sack und Pack ins Freie zu streben - bis sie eines Tages, ausgereist nach Amerika, wo "die Natur interessanter sei, die Luft an Düften reicher, die Berge höher..." mit einem großen Vorrat an Kleidung, Wäsche und Nahrungsmitteln versehen, in die Berge hinaufstiegen und von dort nie wieder zurückkehrten. "Die ansteckende Krankheit, Die Schwere Not, von der die Einwohner von Petersburg reihum dahingerafft werden, ist noch nicht die Schlafsucht, sondern (...) die rastlose Umtriebigkeit der aus dem Winterschlaf erwachten Petersburger." (Peter Urban)

Der Schriftsteller Ivan Gončarov schalt sich nicht nur selbst ein Faultier, sondern ihm fehlte, so gestand er des Öfteren, auch die Liebe zur Natur.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 16.12.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

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