Belletristik REZENSIONEN

Literarische Zwillinge aus der russischen Romantik

Russe
Prinzessin Mimi / Prinzessin Zizi
Zwei Novellen
Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Peter Urban
MANESSE Bibliothek der Weltliteratur
Manesse Verlag, Zürich 2003, 160 S.

Die russische Romantik - eine unendlich weite, faszinierende, schillernde Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen sehnsuchtsvollem Hauch zarter Melancholie und den Stürmen entfesselter Leidenschaften.  Thomas Mann schrieb 1921 in seiner Einleitung zur Ausgabe der "Meisterwerke der russischen Erzählkunst": "(...) Auch sind sie ja eigentlich alle auf einmal da, diese Meister und Genien, sie reichen einander die Hände, ihre Lebenskreise überschneiden einander zu großen Teilen. Gogol hat dem großen Puschkin aus seinem Roman vorgelesen, und Puschkin hat sich geschüttelt vor Lachen, bis er plötzlich traurig wurde. Lermontow ist Zeitgenosse ihrer beider. Turgenjew, was man leicht vergißt, da sein Ruhm, wie derjenige Dostojewskis und Tolstois, der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angehört, kam nur vier Jahre nach Lermontow zur Welt und war zehn Jahre älter als Tolstoi, den er auf dem Sterbebett  beschwor, `zur Literatur zurückzukehren´. Und der uns ganz nahe, lebendige und hochmoderne Sologub hat mit Turgenjew zwanzig Jahre lang die Zeitlichkeit geteilt und ist nur elf Jahre nach Gogols Tode geboren!" In diese Dichterkette, bei der ein Glied ins andere greift, gehört auch Vladimir Odoevskij (1803-1869), der in Deutschland kaum bekannt ist.

Fürst Vladimir Fjodorowitsch Odoevskij (sprich: Adòjevskij), später Autor, Musikkenner, Musikkritiker und Kenner der mittelalterlichen Wissenschaften und Künste, wurde als Nachkomme eines alten russischen Adelsgeschlechts geboren. Er erhielt eine gediegene Ausbildung im Moskauer Adelspensionat, wo er mit künftigen Dekabristen in enge Beziehung trat; mit Küchelbecker gab er 1824/25 den fortschrittlichen literarischen Almanach "Mnemosyne" heraus. Nach dem Scheitern des Dekabristenaufstandes flüchtete er sich zeitweilig in eine Welt der Illusionen und der Mystik.  Im Vorwort dieses MANESSE-Büchleins  steht über Odoevskijs Beziehung zu den Dekabristen nichts. Warum nicht?

Der Verlag schreibt auf der Banderole des Buches zu Prinzessin Mimi und Prinzessin Zizi von der "Entdeckung eines literarischen Zwillings aus der russischen Romantik". Wie ist hier "Entdeckung" zu verstehen? Entdeckt hatte diese beiden Geschichten bereits 1978 der Ostberliner Verlag Rütten & Loening: "Prinzessin Zizi" ist in der Anthologie "Das Glück zu lieben und geliebt zu werden" im biographischen Anhang unter "Fürstin Sisi"  erwähnt und "Prinzessin Mimi" unter "Fürstin Mimi" (in der Übersetzung von Wilhelm Plackmeyer) in Gänze abgedruckt! Und siehe da, auch der für seine korrekte Recherche bekannte "Spiegel" (3/2003) glaubt dem Verlag und schreibt fälschlicherweise in seiner Rezension: "Zwei anmutige Novellen eines zu Unrecht fast vergessenen russischen Autors aus dem 19. Jahrhundert erscheinen erstmals auf Deutsch: eine Entdeckung." Sogar der von mir verehrte Peter Urban irrt, wenn er in seinem Buch "Genauigkeit und Kürze" in einer Anmerkung (auf S. 113) schreibt, dass es von Odoevskij in deutscher Übersetzung nur die Sammlung "Russische Nächte", Berlin 1987, Frankfurt/Main gäbe.

Prinzessin Mimi (1834) und Prinzessin Zizi (1839) erkunden die Möglichkeiten unverheirateter Damen ihrer Zeit und Gesellschaft. Gedemütigt und voller Neid auf fremde Ehen agiert Prinzessin Mimi als Salon-Intrigantin und Seele eines Clubs selbst ernannter Tugendwächterinnen. Meisterhaft beherrscht sie die Kunst der üblen Nachrede im Gewand mitfühlender Fragen und schafft es schließlich, die Damen ihrer Missgunst zu Grunde zu richten. Nicht etwa weil sie so boshaft ist, sondern weil die "verbrecherische Erziehung eines verfaulten und parfümierten Jahrhunderts" ein adliges Mädchen ausschließlich für die Ehe abrichtete. Der adlige Autor bezieht klar Stellung: "Geben sie daran nicht ihr die Schuld, sondern beschuldigen, beklagen, verfluchen Sie die verwahrlosten Sitten unserer vornehmen Gesellschaft. Was tun, wenn für eine junge Frau in der Gesellschaft das alleinige Ziel im Leben ist - zu heiraten! wenn sie von der Wiege an nur diese Worte hört: "wenn du erst verheiratet bist!" - Prinzessin Zizi - ein Gegenentwurf Odoevskijs zu Prinzessin Mimi? - ist gewitzt, an Kunst und Leben interessiert. Heiraten ist für Zizi "eine Spielart des Glücks", die ihr nicht beschieden ist. Doch auch sie wird unverschuldet in Verruf gebracht. Zwei Novellen, in denen gekonnt mit allen Mitteln der romantischen Prosa gespielt wird. Peter Urban nennt dieses Doppelporträt ein "Hohelied der Heuchelei und Verlogenheit", das "geradezu sinnlich fassbar macht, woran Puškin - und nicht nur er - allmählich erstickt ist: an der unentrinnbaren Enge jener Welt der Konventionen und des schönen Scheins. Und diese Welt, deren Teil er war, kannte Fürst Odoevskij von innen wie kaum ein anderer." (in: "Genauigkeit und Kürze, Diogenes Verlag, Zürich 2006). Nicht von ungefähr steht dem Briefroman "Arme Leute" 1847, der den Autor Dostojewskij mit einem Schlag berühmt machte, ein Motto aus einer Novelle des Fürsten Odoevskij voran. Der Kritiker Belinskij nannte Prinzessin Mimi "eine der besten russischen Novellen" und Puschkin sprach von Prinzessin Zizi als "prächtige Sache". In den Zeiten nach 1917 galt der Fürst als "mystischer Denker, der gegen Materialismus und Demokratisierung feindselig" eingestellt gewesen sei - "eine grobe Klitterung: Odoevskij hat wie kaum ein anderer seines Standes das Reformwerk Alexander II. begrüßt und sich die Feindschaft der Aristokraten zugezogen." (Urban)

Peter Urban hat beide Novellen in ein elegantes Deutsch übersetzt, das, obwohl Urban der Entstehungszeit Rechnung trägt, überhaupt nicht altbacken wirkt.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de
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Am 10.02.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 07.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Federchen zu Federchen ergibt ein Daunenbettchen.
Sprichwort der Russen

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