Belletristik REZENSIONEN

Vater und Bruder - das war Puschkin für Gogol

Deutscher; über die Russen Gogol und Puschkin
Gogols Petersburger Jahre
Gogols Briefwechsel mit Aleksandr Puškin
Eine Geschichte in Briefen zusammengestellt und herausgegeben von Peter Urban
Friedenauer Presse, Berlin 2003, 96 S.

Das vorliegende Büchlein, gebunden als Wolffs Broschur, mit einem Umschlag von dem bekannten Zeichner Horst Hussel, liegt in seinem knappen DIN A 5-Format griffig in der Hand. Eine Augenfreude. Zu den Lesefreuden gehören Urbans fundierte Vorbemerkung, der Briefwechsel zwischen Alexander Pkin (Puschkin) und Nikolaj Gogol, der ergänzt wird durch öffentliche Äußerungen beider Schriftsteller übereinander sowie durch Briefzitate gegenüber Dritten, eine editorische Notiz, eine Zeittafel bis 1937 (Puschkins Todesjahr) und den typisch urbanschen Anmerkungen,  reichhaltig, erklärend und ergänzend. Beeindruckend. Allerdings verwundert, dass Peter Urban trotz seiner geradezu sprichwörtlichen Akkribi die in den Briefen öfter vorkommende Vokabel "kleinrussisch" nicht erläutert, zumal Gogol nach damaligem Sprachgebrauch ein "Kleinrusse" war; denn Nikolaj Gogol stammte aus einem rein ukrainischen Geschlecht von Geistlichen und Gutsbesitzern. Die Ukrainer sind wie die Russen und die Bjelarussen (Weißrussen) Ostslawen, aber keine Russen. Es war das zaristischen Russland, dass das freie Kosakenvolk der Ukraine zu russifizieren und es sogar seines Volksnamens zu berauben trachtete, indem es die Ukrainer kurzerhand "Kleinrussen" nannte, wie um darzutun, dass es sich nicht um ein selbständiges Volk mit eigener Sprache handelt (die bis 1905 auch nicht gesprochen werden durfte). Vergeblich gesucht habe ich in den Anmerkungen auch eine Erklärung für die Abkürzungen SPb., was sicherlich St. Petersburg bedeutet, und  P.B., "wo man Gogol mehr liebt als in Moskau." Tja, aber wo?

Die vier Briefe Puschkins an Gogol und die neun Briefe Gogols an Puschkin werden in Gogols Petersburger Jahre erstmals "auf deutsch zueinander ins Verhältnis gesetzt". Dieser Briefwechsel beleuchtet "ein Verhältnis, das gekennzeichnet ist von gegenseitiger Achtung und Zuneigung", schreibt Peter Urban. "Jeder von beiden erkennt das Talent des anderen an und begrüßt es freudig." Es sei, meint Urban, eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern. Mir fällt da spontan der Briefwechsel des russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew mit dem französischen Schriftsteller Gustave Flaubert ein, die sich ebenfalls freundschaftlich zugetan waren. Waren Flaubert und Turgenjev als Schriftsteller gleichermaßen anerkannt, so täuschen (auch) die Briefe von Puschkin und Gogol nicht darüber hinweg, dass sich mit ihnen zwei Ungleiche gefunden hatten: einerseits der zehn Jahre ältere, im Zenit seiner Entwicklung stehende Meister, "Klassiker zu Lebzeiten", andererseits der schüchterne, unsichere Student der Geschichte, mit zwanzig Jahren aus der "kleinrussischen" (ukrainischen) Provinz nach St. Petersburg gekommen - sogar noch ungewohnt Russisch sprechend. Der Briefwechsel zwischen Gogol und Puschkin erstreckt sich über sechs Jahre, von 1831 bis 1836. "Kaum ein wichtiger Titel der Puškinzeit, der nicht erwähnt würde, stamme er nun von Puškin selbst, von Gogol, Žukovskij (Shukowskij)* oder dem Fürsten Odojevskij** (Odojewskij).

Nachdem Gogol vom Tod Puschkins erfahren hatte, schrieb er an Pletnëv (Pletnjow)*** aus Rom : "Kein Monat, keine Woche vergeht ohne einen neuen Verlust, aber ich hätte keine schlimmere Nachricht aus Rußland erhalten können. Jede Freude meines Lebens, jede meiner erhabenen Freuden ist mit ihr verschwunden. Nichts habe ich unternommen ohne seinen Rat. Keine einzige Zeile ist geschrieben worden, ohne daß ich mir ihn vorgestellt hätte. Was er sagte, was er anmerkte, worüber er lachte, wozu er seine unzerstörbare und ewige Ermunterung gab, nur das hat mich interessiert und meine Kräfte beseelt. (...) Mein jetziges Werk, das er mir eingegeben hat, ist sein Geschöpf... Ich habe nicht die Kraft, es fortzusetzen. Einige Male griff ich zur Feder - und die Feder fiel mir aus den Händen. Unsagbare Schwermut..."

Und an Pogodin**** schrieb Gogol: " (...) Ich spreche nicht von der Größe dieses Verlusts. Mein Verlust ist größer als der aller. Du trauerst als Russe, als Schriftsteller, ich... ich kann nicht einmal ein Hundertstel meiner Trauer in Worte fassen. Mein Leben, mein höchster Genuß ist mit ihm gestorben. Meine lichten Minuten meines Lebens waren diejenigen, in denen ich schuf. Wenn ich schuf, sah ich vor mir nur Puškin. (...) mir teuer war sein ewiges und unwiderlegliches Wort. Nichts unternahm, nichts schrieb ich ohne seinen Rat. Alles, was ich an Gutem habe, all das verdanke ich ihm. Er nahm mir den Eid ab zu schreiben, und keine Zeile wurde geschrieben, ohne daß er mir währenddessen vor meinen Augen erschienen wäre. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, wie zufrieden er sein werde, und das war meine höchste und erste Belohnung. Jetzt habe ich diese Belohnung nicht mehr vor mir! Was ist mein Werk? Was ist jetzt mein Leben?"

"Ich wäre weniger erschüttert gewesen", legt der schwedische Biograph Kjell Johansson Nikolaj Gogol in den Mund, "wenn meine Mutter gestorben wäre." Das, da bin ich sicher, hätte Nikolai Gogol nie gesagt!

Zehn Jahre später, 1847, schrieb Gogol in seiner "Beichte": "Puškin ließ mich die Sache ernsthafter sehen. Er hatte mich schon länger zu überreden versucht, mich an ein großes Werk zu begeben, und schließlich, einmal, als ich ihm den kurzen Entwurf einer kurzen Szene vorgelesen hatte, die ihn jedoch mehr beeindruckte als alles zuvor Gelesene, sagte er zu mir: `Wie kann man bei dieser Fähigkeit, den Menschen zu erraten und ihn in wenigen Zügen plötzlich ganz, wie lebendig darzustellen, wie kann man sich bei dieser Fähigkeit nicht an ein großes Werk begeben. Das ist einfach eine Sünde!´ Danach begann er mir meine schwache Konstitution vorzustellen, meine Gebresten, die meinem Leben früh ein Ende setzen könnten (...) und schließlich überließ er mir ein eigenes Sujet, aus dem er eine Art Epos machen wollte und das er, nach seinen eigenen Worten, niemals einem andern überlassen hätte. Es war das Sujet der toten Seelen. (Der Gedanke des Revisors gehört ebenfalls ihm.)"

Ironie des Schicksals? Obwohl sich Puschkin um Gogols Gesundheit sorgte, hat er Puschkin (der im Duell gefallen ist) um neunzehn Jahre überlebt. Nikolai Gogol starb 1856 (Er verweigerte die Nahrungsaufnahme.), mit dreiundvierzig Jahren; Alexander Puschkin ist siebenunddreißig Jahre alt geworden.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

       * Wassilij Andrejewitsch Shukowskij, 1783 - 1852, Lyriker, Übersetzer, Begründer der romantischen Dichtung in Russland, Mentor vieler Autoren der Puschkinzeit; als Erzieher des Thronfolgers bei Hof eine einflussreiche Person.

      ** Fürst Vladimir Fjodorowitsch Odoevskij, 1803 - 1869, Schriftsteller, Musikkritiker, galt als einer der gebildetsten Männer seiner Zeit, neben Puschkin und Gogol originellster Prosaautor der 1830er Jahre, Begründer der psychologischen Analyse.

    ***  Pjotr Alexandrowitsch Pletnjow, 1792 - 1862, Kritiker, enger Freund Puškins, ab 1932 Professor für Literatur an der Universität St. Petersburg, Rektor 1840 - 1861. Ihm gewidmet sind die Eingangsverse zu Puschkins "Eugen Onegin", von Pletnjow stammt eine der besten Kritiken zu den "Toten Seelen"; Pletnjow machte Gogol am 20. Mai 1831 auf einer Soiree in seinem Hause mit Puschkin bekannt.

  ****  Michail Petrowitsch Pogodin, 1800 - 1875, Historiker, Archäologe, Professor für Geschichte an der Universität Moskau, Herausgeber der Zeitschriften "Moskowskij westnik" (Moskauer Bote) 1827 - 1830, "Moskowskij nabljudatel" (Moskauer Beobachter) 1835 - 1840, "Moskwetjanin" (Der Moskauer) 1841 - 1856. Gogol hatte Pogodin im Sommer 1932 in Moskau kennen gelernt.

Weitere Rezensionen zu "Briefwechsel":

  • Jean Benedetti (Hrsg.), Mein ferner lieber Mensch.
  • Daniil Charms, Briefe aus Petersburg 1933. (Liebesbriefe an die Schauspielerin  Pugačeva).
  • Gustave Flaubert / van Turgenjev, Eine Freundschaft in Briefen, Hörbuch.
Weitere Rezensionen zum Thema "St. Petersburg":

  • Daniel Biskup (Fotos) / Wiktor Jerofejew (Text), St. Petersburg.
  • Kay Borowski (Hrsg.), Petersburg - die Trennung währt nicht ewig. Eine Stadt im Spiegel ihrer Gedichte.
  • Nikolaj Gogol, Petersburger Geschichten.
  • Valeria Jäger / Erich Klein, St. Petersburg. EUROPA ERLESEN.
  • Christoph Keller, Petersburg erzählt.
  • Edeltraud Maier­Lutz, Flußkreuzfahrten in Rußland.
  • Maria Marginter, Fyodor Gawrilow, St. Petersburg. Weiße Nächte, kalte Tage.
  • Sergio Pitol, Die Reise. Ein Besuch Rußlands und seiner Literatur.
  • Thomas Roth, Russisches Tagebuch.
  • Elfie Siegl, Russischer Bilderbogen. Reportagen aus einem unbegreiflichen Land.
Weitere Rezensionen zur Person "Gogol":

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    Nikolaj Gogol, Die Nase; Alexander Puschkin, Das Märchen vom Zaren Saltan.), Kinderbuch.
  • Nikolaj Gogol, Die Nase, Kinderbuch.
  • Nikolaj Gogol, Meistererzählungen.
  • Kjell Johansson, Gogols Welt, Biographie.
  • Nikolaj Gogol, Petersburger Geschichten.
Weitere Rezensionen zur Person "Puschkin":

  • Anthologie, Märchen-Samowar, (Darin: Nikolaj Gogol, Der Jahrmarkt von Sorotschinzy; Anton Tschechow, Kaschtanka;
    Nikolaj Gogol, Die Nase; Alexander Puschkin, Das Märchen vom Zaren Saltan.), Kinderbuch.
  • Alexander Puschkin, Das einsame Häuschen auf der Basilius-Insel.
  • Alexander Puschkin (Aleksandr Puškin), Pique Dame, Hörbuch.
  • Alexander Puschkin, Das Märchen vom Zaren Saltan, Kinderbuch.
Weitere Rezensionen zu "Titel der  klassischen russischen Literatur":

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  • Lydia Awilowa, Tschechow, meine Liebe. Erinnerungen.
  • Jean Benedetti (Hrsg.), Mein ferner lieber Mensch.
  • Iwan Bunin, Liebe und andere Unglücksfälle.
  • Iwan Bunin, Mitjas Liebe.
  • Ivan Bunin, Čechov (Tschechow). Erinnerungen eines Zeitgenossen.
  • Anton Čechov (Tschechow), Ein unnötiger Sieg.
  • Anton Čechov (Tschechow), Freiheit von Gewalt und Lüge.
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  • Anton Čechov (Tschechow), Kaschtanka und andere Kindergeschichten. (Ein Hund, ein Ganter, ein Schwein, ein paar Katzen,
    ein Pferd, eine Wölfin, ein Welpe...)
  • Fjodor Dostojewskij (Dostojewski), Meistererzählungen.
  • Fjodor Dostojewski (Dostojewskij), Der Spieler, Hörbuch.
  • F. M. Dostojewski (Dostojewskij), Meistererzählungen, Hörbuch. (Polsunkow/Der kleine Knabe "mit dem Händchen"/Der kleine
    Knabe am Weihnachtsabend beim Herrn Jesus).
  • Nikolaj Gogol, Die Nase, Kinderbuch.
  • Nikolaj Gogol, Petersburger Geschichten.
  • Nikolaj Gogol, Meistererzählungen.
  • Ivan Gončarov (Iwan Gontscharow), Die Schwere Not.
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  • Kjell Johansson, Gogols Welt.
  • Wolfgang Kasack, Dostojewski. Leben und Werk.
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  • Leo Tolstoj, Anna Karenina, Hörbuch
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  • Ivan Turgenev, Aufzeichnungen eines Jägers.
  • Ivan Turgenev, Rätsel-Spiele.
  • Ivan Turgenev, Klara Milič.

Am 24.05.2007 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Ein Freund reicht dem Freund die Hand, ein Feind - den Säbel.
Sprichwort der Russen

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