Hörbuch REZENSIONEN

Totengeläute auf die untergehende Welt?

Russe
Der Kirschgarten
Hörspiel
Aus dem Russischen von Rudolf  Noelte
Sprecher: Erwin Faber, Marianne Hoppe, Ernst Jacobi, Regine Lutz, Günter Mack, Cordula Trantow u. v. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Rudolf Noelte, Komposition: Heinz Brüning, Aufnahmeleitung: Hans Eichleiter, Technik: Hans Greb, Barbara Liebrich
Produktion: Bayerischer Rundfunk, München 1970
Der Hörverlag, München 2003, 2 CDs, Laufzeit: etwa 95 Minuten. Mit Booklet von Lothar Müller.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

Hätte ich Der Kirschgarten erst gehört und dann gelesen, wäre mir Maxim Gorkis Äußerung nach der Premiere des Stücks am 17. Januar 1904 unverständlich geblieben. Er sagte: "Anton Pawlowitsch (...) Sie geben schöne Lyrik, und dann plötzlich schlagen Sie aus aller Kraft mit der Axt in die Wurzeln: zum Teufel mit dem alten Leben! Jetzt bin ich überzeugt, dass Ihr nächstes Stück revolutionär sein wird."

Aus diesem Stück - dem letzten, denn Anton Tschechow starb am 2. Juli 1904 nach mehreren Herzattacken - hat der Hörspiel-Bearbeiter und Regisseur Rudolf Noelte "aus aller Kraft mit der Axt" gerade das Revolutionäre raus gehauen...

Worum geht es in Der Kirschgarten? Die Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja kehrt mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Anja nach fünf Jahren Auslandsaufenthalt in ihr Geburtshaus zurück. Ihr nahe stehende Menschen und das Personal erwarten sie. Über allem und allen schwebt als verhängnisvolles Datum (symbolisiert vom Ticken der Uhr) der 22. August, der Tag, an dem das Gutshaus mit dem schönen großen Kirschgarten - der sogar im damaligen Konversationslexikon erwähnt ist - versteigert werden soll, wenn bis dahin die Hypothekenzinsen nicht bezahlt sind.

Von Jean Louis Barrault, der Tschechows Stück 1954 am Pariser Theatre de Marigny inszenierte, ist überliefert, dass er den Inhalt vom "Kirschgarten" so zusammen fasste: "ERSTER AKT: Der Kirschgarten muß vielleicht verkauft werden. ZWEITER AKT: Der Kirschgarten wird verkauft werden. DRITTER AKT: Der Kirschgarten wird verkauft. VIERTER AKT: Der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest ist Leben."

Und in diesem Leben verkörpert Gajew, der Bruder der Ranjewskaja, die Vergangenheit; der Kaufmann Lopachin - der das Gut und den Kirschgarten kauft und die herrlichen Kirschbäume abholzt, um das Land für Sommerfrischler zu parzellieren - die Gegenwart (um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert); Petja Trofimow, der ehemalige Hauslehrer der Ranjewskaja und ewige Student die Zukunft. Mit der Gestalt Trofimows brachte Tschechow einen Vertreter der revolutionären Studentenbewegung aus der Zeit um die Jahrhundertwende auf die Bühne; die Proteste der Studenten hatten Tschechows Sympathie gefunden. Die Repressalien der Regierung und die gehässigen Ausfälle der reaktionären Presse gegen die Studenten hatten den sensiblen Autor "aufs äußerste erregt". "Wie aber", so grübelte er (und äußerte sich gegenüber Olga Knipper), "soll man diese Dinge darstellen?" Tschechow versuchte, sie mit der Trofimow-Gestalt aufzufreunden - die "mir gegenüber all den anderen lebensvollen Figuren ein wenig blutleer vorkommt". Natürlich musste sich Tschechow bei Trofimow wegen der Zensur eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, die trotzdem noch an bestimmte Stellen Anstoß nahm. Und so musste Tschechow einige Äußerungen Trofimows ändern, zum Beispiel diese im zweiten Akt. Die ursprüngliche Fassung lautete: (...) und doch können sie es ruhig mit ansehen, daß die Arbeiter sich grauenhaft ernähren, daß sie ohne Kopfkissen schlafen, zu dreißig, vierzig Mann in einem verwanzten Zimmer leben, in verpesteter Luft, in Feuchtigkeit und moralischer Verkommenheit". Für die Zensur wählte Tschechow diese Umschreibung: "Die überwiegende Mehrheit von uns, neunundneunzig Prozent, lebt wie die Wilden, sie prügeln sich bei der geringsten Kleinigkeit, schimpfen, ernähren sich grauenhaft, schlafen im Schmutz, in verpesteter Luft." An einer weiteren beanstandeten Stelle sagt Trofimow zu Anja: "Weil ihr lebendige Seelen besessen und beherrscht habt und jetzt noch hier lebt, alle entartet, so daß Ihre Mutter, sie und der Onkel schon gar nicht mehr wahrnehmen, daß Sie auf Pump leben, auf fremde Kosten, auf Kosten der Menschen, die nur zu ihren Vorzimmer Zutritt haben..." Nach der Änderung lautete diese Stelle: "Oh, es ist schrecklich, Ihr Garten ist schrecklich, und wenn man abends oder nachts hindurchgeht, dann schimmert die alte Rinde der Bäume matt, und es kommt einem vor, als sähen die Kirschbäume im Traum, was vor hundert, zweihundert Jahren war, und als quälten sie die schrecklichen Gesichte. Was soll man dazu sagen?"

Tja, was soll man dazu sagen, wenn ganze Textpassagen derart zwangsgerupft daherkommen... 1970 hatte der verdienstvolle Peter Urban eine Neuübersetzung von Der Kirschgarten erarbeitet und die auf Veranlassung der Zensur gestrichenen "sozialrevolutionären" Passagen des Studenten Trofimow wiederhergestellt; Hans Lietzaus Hamburger Inszenierung hatte diese Neuübersetzung Urbans zugrunde gelegen. Rudolf Noelte hingegen hat gerade solche revolutionären Passagen rigoros gestrichen. Ich gestehe, dass ich für derartig resolute Texteingriffe nichts übrig habe. Hätte Tschechow eine un-sozialkritische Komödie schreiben wollen, hätte er es getan, da hätte es eines Noelte nicht bedurft. So schreibt denn auch Lothar Müller im Booklet zur Hörspielfassung: " (...) Alles Folkloristische, Samowarhafte, die Gitarrenklänge, alle spezifisch russischen Anspielungen auf die Bauernbefreiung und sozialreformerischen Hoffnungen der achtziger Jahre hatte Noelte aus seiner Inszenierung verbannt. Vor allem hatte er dem Studenten Trofimow alles utopische Pathos und alle revolutionären Tiraden genommen. So war aus dem russischen ein allgemein menschliches Drama geworden, und es fand in einem Interieur ohne Ausweg statt."

Peter Urban sowie der damalige Kritiker der "Zeit", Marcel Reich-Ranicki, attackierten Noeltes Eingriffe in den Text Tschechows heftig. Belassen wir es zweiunddreißig Jahre später dabei und erfreuen wir uns an dem Akustischen der gelungenen Hörspielproduktion. Da ist ganz als erste Sprecherin Marianne Hoppe zu nennen als die Gutsbesitzerin Ranjewskaja. Tschechow sagt über die lebenshungrige, weltfremd-zerfahrene Aristokratin: "Sie ist nicht luxuriös gekleidet, aber mit großem Geschmack. Sie ist klug, gutmütig, zerstreut; sie schmeichelt allen, hat stets ein Lächeln auf dem Gesicht. (...) Die Ranjewskaja zu spielen ist nicht schwer, man muß nur von Anfang an den richtigen Ton finden; man muß sich ein Lächeln und eine besondere Art zu lachen ausdenken(...)". Die Hoppe hätte Tschechow gefallen, das steht fest! Sie ist aber auch hinreißend, wie sie im Hörspiel "lächelt" und wie sie ihrem alten Diener Firs liebevoll-zärtlich "Alterchen" hinhaucht oder wenn sie den über hundert Jahre alten Bücherschrank anhimmelt. Die Hoppe (1909-2002) - eine legendäre Gestalt des deutschen Theaters - bleibt für lange im Ohr, auch der siebenundachtzig Jahre alte Diener Firs, gesprochen von Erwin Faber. Überhaupt hat Rudolf Noelte (1921-2002) ein Hörspiel geschaffen, das sein außerordentliches Gespür beweist für jeden einzelnen Schauspieler und für jede einzelne Figur. Warum eigentlich mutieren die Schauspieler in Hörspielen zu Sprechern? Die Trennung der Stimme vom Körper erfordert doch die große Kunst, in die Stimme das Schauspielerische mit einzubringen. Wenn die Hoppe ihr "Alterchen" haucht, muss man zusätzlich heraushören, ja, "sehen", wie sie ihrem Diener dabei den Arm tätschelt. Sehr verhalten arbeitet Noelte mit Geräuschen: Nur das Ticken einer Uhr, der ferne Zug, Hundegebell, das Knarren der neuen Stiefel des Buchhalters Jepichodow, das Rascheln von Bonbonpapier des Gajew, "der sein Vermögen verlutscht" hat (Lothar Müller). Allerdings erstaunt, dass Noelte ignoriert, dass Tschechow zweimal einen von ferne auf die Bühne dringenden Ton wie von einer gesprungenen Saite verlangt. Der Autor versprach sich davon einen gespenstisch wirkenden Effekt. Dazu schrieb er an Olga Knipper, die er 1901 geheiratet hatte: "Sage Nemirowitsch, daß der Ton im zweiten und vierten Akt des `Kirschgartens´ kürzer sein muß, viel kürzer, und daß er nur ganz aus der Ferne zu hören ist." Aber da wollen wir mit Noelte nicht hadern, das gehört denn wohl doch zur künstlerischen Freiheit eines Regisseurs, der im Hörspiel Der Kirschgarten als Erzähler selbst auftritt.

In einem Gespräch mit dem jungen Dramatiker Sergej Mamontow sagte Tschechow im Juni 1903, als er bereits am "Kirschgarten" schrieb: "In Rußland ziehen Ereignisse herauf, die das Unterste zuoberst kehren werden."  Obwohl die revolutionären Passagen in Tschechows Stück Noeltes Axt zum Opfer fielen, spürt man beim Widerhall der fallenden Kirschbäume doch, wie die alte hinfällige Welt zerbricht, um einer neuen Platz zu machen.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 30.06.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Einen bösen Menschen kann man rundherum mit Smetana (Sahne) einreiben,
die Hunde lecken ihn trotzdem nicht ab.
Sprichwort der Russen

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