Belletristik REZENSIONEN

Meist verblüffende geistige Übereinstimmung
 
Russe
Rätsel-Spiele
Porträtzeichnungen von Ivan Turgenev mit Bildunterschriften von Pauline Viardot und Ivan Turgenev
Deutsch von Peter Urban
Friedenauer Presse, Berlin 2002, 32 S.

Er habe den Charakter eines "ehrfürchtig aufmerksamen Beobachters", und er verfüge über die Fähigkeit, einen "breiteren, unvoreingenommeneren, uneingeschränkt intelligenten Einblick" in das "große Schauspiel des menschlichen Lebens" zu gewinnen als irgendein anderer Schriftsteller. Mit diesen Worten charakterisierte der amerikanische Schriftsteller Henry James (1843-1916) den von ihm bewunderten russischen Schriftsteller Ivan Turgenev. Da hat dieser aber Glück gehabt, denn in dem wunderbaren Bändchen Rätsel-Spiele ("Jeux d`esprit") kommt ansonsten keiner der Porträtierten durchweg gut weg.

Rätsel-Spiele? Ludwig Pietsch (1824-1911), der Berliner Maler, Kritiker und langjährige Freund Turgenevs, beschreibt in seinen Lebenserinnerungen die Regeln dieses heiter-ernsten Gesellschaftsspiels, das im Salon Viardots und im Hause Turgenevs von 1856 bis in die siebziger Jahre gespielt wurde: Turgenev zeichnete mit schnellen Strichen einen Kopf in die obere Ecke eines langen Papierstreifens, und die Spielteilnehmer mussten sich unterhalb des Porträts über den vermeintlichen Beruf, über Charaktereigenschaften, Besonderheiten, Gewohnheiten, Neigungen... des Porträtierten (möglichst witzig und vielfältig) äußern. Etwa zweihundert Zeichnungen, schreibt der Herausgeber Peter Urban*, sind erhalten geblieben, etwa fünfzig sind in Rätsel-Spiele veröffentlicht - fast alle mit jeweils zwei Kommentaren, denen von Turgenev und Pauline Viardot (von der wir auch im Briefwechsel zwischen Flaubert und Turgenjev hören). "Abgesehen vom sicheren Strich ihres Autors", schreibt Peter Urban in seinem Vorwort, "geben diese Zeichnungen auf noch einmal andere Weise einen Begriff von der Beobachtungsgabe Turgenevs, von seinem Humor, seiner Ironie und Selbstironie, seiner Sicht auf die sozialen und politischen Dinge seiner Zeit, seiner Menschenkenntnis." Ein "ausgezeichnetes Talent", wie sogar der strenge Nabokov anerkannte. Die Bildunterschriften (Legenden) zu den Zeichnungen (die oft eigentlich Karikaturen sind) zeugen von verblüffender geistiger Übereinstimmung zwischen Turgenev und der vom ihm lebenslang geliebten und bewunderten Künstlerin Pauline Viardot-Garcia** (1821-1910; Schwester der berühmten Sängerin Maria Malibran). Die Französin Viardot entstammte einer spanischen Sängerfamilie. Sie war berühmt für ihren drei Oktaven umfassenden Stimmumfang und ihre musikalische Vielseitigkeit. Sie wurde damals besonders von der Jugend enthusiastisch gefeiert.. Als sie von 1843 bis 1846 an der Oper in St. Petersburg engagiert war - sie sang hier neben dem italienischen Repertoire auch Werke von Glinka auf Russisch -  hatte sie den  noch nicht dreißigjährigen Turgenev kennen gelernt. Turgenev verliebte sich in sie und lebte später bis zu seinem Tode Tür an Tür mit dem Ehepaar Viardot. 1863, mit zweiundvierzig Jahren, zog sich Pauline Viardot von der Bühne zurück und verließ Frankreich aus politischen Gründen. Mit ihrem Mann, den drei jüngeren Kindern und Ivan Turgenev ließ sie sich in Baden-Baden nieder, unterrichtete Schülerinnen aus aller Welt und ließ sich in ihrem Garten eine Kunstgalerie und ein kleines Opernhaus bauen, wo sie mit ihren Schülerinnen und ihren Kindern Konzerte gab und eigene Bühnenwerke vor der internationalen Baden-Badener Gesellschaft aufführte; die Libretti schrieb Ivan Turgenev. Herr Viardot und Ivan Turgenev starben im gleichen Jahr - 1883. Clara Schumann sagte über Pauline: "(...) sie ist die genialste Frau, die mir je vorgekommen."

Wenn man in Rätsel-Spiele die Legenden von Turgenev und Pauline Viardot aufmerksam liest, verblüfft die Übereinstimmung der angenommenen Eigenschaften (obwohl ja der eine des anderen Text nicht einsehen konnte). Schreibt zum Beispiel Turgenev "Mann der Polizei", so nimmt Pauline "Polizeikommissar" an; nennt er den Porträtieren "einen Vielfraß", glaubt sie: "Er isst gierig" oder schreibt er "Alter Lehrer", vermutet sie "Schulmeister",  glaubt Turgenev, er sei "schwatzhaft wie eine Elster und stinke wie ein Bock", nimmt sie an, dass er "unablässig schwätzt, schrecklich schmutzig und stinkend, immer nach Alkohol, Knoblauch und schlechter Zigarre rieche".

Auffällig, dass - der Zeit geschuldet? - nur wenige Porträtskizzen von Frauen Turgenevs Feder entstammen, aber bei beider Charakteristik kommt auch das Weib nicht gut weg, zum Beispiel Turgenev: "Gesellschaftsdame, arm, spröde, mißtrauisch, nicht gut, heuchlerisch; wäre eine wahre Plage, wenn sie etwas zu sagen hätte; niemand wird sie je lieben; sie wird ziemlich jung sterben - ganz einsam; liebt karierte Kleider. Sie ist flach wie ein Brett." Und Viardot: "Bescheidene Gouvernante in einer großen Familie, hat mehrere Kinder zu beaufsichtigen, denen sie nichts beizubringen vermag - schwacher und furchtsamer Charakter. Sie spricht sehr tief - sieht einem nie ins Gesicht, ein lauwarmes, leicht gezuckertes Wässerchen - ist ziemlich langweilig - sehr ehrlich, sehr unnütz - schweigsam - sie summt mit Mückenstimmchen kleine sentimentale Romanzen und begleitet sich mit vor Angst zitternden Fingern, ohne den Fuß vom Pedal zu nehmen. Sie kann gut sticken - und bereitet den Tee in aller Form - rechnet gut, aber langsam. Gutes Mädchen, das man bedauert, weil man es so langweilig findet." (Hübsch gehässig, was? Zeichnung siehe unten)

Erstmals veröffentlicht wurden Turgenevs Zeichnungen im Almanach "Literaturnoe nasledstvo", Band Nr. 76, erstes Buch, Moskau 1967. Dort reproduziert sind nur die Bildunterschriften von Ivan Turgenev und Pauline, nachdem die Handschriften der anderen, z. T. unbekannten Spielteilnehmer nicht mehr zu ermitteln waren. Zu ihnen gehörten die Töchter Paulines, zu denen Turgenev ein inniges Verhältnis hatte, aber auch  Gäste des Hauses, u. a. Theodor Storm, Bertold Auerbach, Ludwig Pietsch.

Ich habe nun drei Veröffentlichungen der Friedenauer Presse genossen (Guro, Lieder der Stadt; Charms, Briefe aus Petersburg 1933; Turgenev / Viardot, Rätsel-Spiele). Ja, genossen, was Inhalt, Herausgeberschaft und Ausstattung anbelangt - schön gestaltete, Faden geheftete französische Broschuren, gesetzt in der Perpetua-Antiqua.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

    * Peter Urban ist der erste Preisträger des russischen Turgenev-Preises, den er im Dezember 2008 erhielt. Der Preis wurde ihm für seine herausragenden, weithin gewürdigten Übersetzungen aus dem Russischen verliehen.

 ** Jürgen Kesting zitiert in seinem Buch "Maria Callas" (List Taschenbuch, München, 2002) den Komponisten Camille Saint-Saëns. Er sagt über Pauline Viardot: "Ihre Stimme war ungeheuer kraftvoll, reich in ihrem Umfang. Sie bewältigte alle technischen Schwierigkeiten des Singens. Doch erfreute diese wunderbare Stimme nicht alle Hörer, denn sie war keineswegs geschmeidig und samtig. In der Tat war sie ein wenig harsch, und man kann ihren Geschmack vergleichen mit dem bitterer Orangen. Aber es war eine Stimme für eine Tragödie oder für ein Epos, weil es eine übernatürliche Stimme war und keine einfach menschliche. Sie gab tragischen Partien eine unvergleichliche Grandeur..., und leichtere Partien wurden vollständig verwandelt, wurden das Spielwerk einer Amazone oder einer Riesin."

 

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Am 10.06.2004 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 08.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

  
Porträtskizze:
von

Ivan Turgenev,
1868.

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