Hörbuch REZENSIONEN

Um Geld verspielen zu können, muss man welches haben...

Russe
Der Spieler
Hörspiel
Aus dem Russischen von Werner Creuziger
Sprecher: Christoph Bantzer, Brigitte Hobmeier, Sophie von Kessel, Jennifer Minetti, Milan Peschel u. a.
Hörspielbearbeitung und Regie: Beate Andres, Ton: Johanna Fegert, Kirstin Petri, Produktion: Südwestrundfunk 2004,
Der Audio Verlag, Berlin 2005, 1 CD, Laufzeit: etwa 69 Minuten. Mit Booklet von Frank P. Erben, Redaktion: Britta Brugger.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Dirk S.)

Zeitweise hat man das Gefühl, der Roman Der Spieler müsste "Die Spielerin" heißen, so verbissen zockt am Rouletttisch in Roulettenburg (Womit Wiesbaden gemeint ist; Städtke schreibt in seiner Literaturgeschichte falsch, es handle sich um Bad Homburg.) die resolute Erbtante (voluminös gesprochen von Jennifer Minetti, 1940 in Berlin geboren, von 1977 bis 2001 Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele). Die deutschen Kurstädte von Bad Homburg bis Baden-Baden und natürlich Wiesbaden sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa groß in Mode. "Die Deutschen (...) sorgten dafür, daß nicht nur die kostbaren Quellen, sondern auch die Einnahmen" sprudelten. Jede Kurstadt bekam ihr eigenes Spielkasino; die Spielbank von Wiesbaden wurde von Fürst Carl von Nassau-Usingen erstmals 1771 konzessioniert.

Der Spieler erschien laut Kasacks "Hauptwerke der russischen Literatur" 1867, laut Nachwort von Ralf Schröder (in "Der ewige Ehemann", Ausgewählte Prosa, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1971) schon 1866. Fjodor Dostojewski - der neben Tolstoj bekannteste, produktivste und einflussreichste russische Schriftsteller - wurde 1821 als jüngster Sohn einer verarmten Adelsfamilie in Moskau geboren. Nach dem Tod der Mutter übersiedelte die Familie nach St. Petersburg, wo er an der Militärakademie studierte. Ab 1844 war er als freier Autor in St. Petersburg tätig. Nach ersten schriftstellerischen Erfolgen - wenige Autoren sind schon von ihrem ersten Auftreten in der Literatur so gut aufgenommen worden - wurde er 1849  wegen angeblich staatsfeindlicher Aktionen im Kreis um Petraschewskij, einer Gruppe von jungen, sozialistisch-orientierten Intellektuellen, denunziert, verhaftet und zum Tode verurteilt. Zar Nikolaus I. begnadigte ihn auf dem Richtplatz zu Verbannung mit Zwangsarbeit. 1859 kehrte er nach St. Petersburg zurück, wo in den folgenden Jahren seine bekannten Romane entstanden. 1867 floh er vor seinen Gläubigern nach Europa und kehrte erst 1871 nach Russland zurück. Fjodor Dostojewski starb 1881 nach einem Blutsturz. An der Trauerfeier nahmen sechzigtausend Trauergäste teil; er war auch Swetlana Stalins Lieblingsschriftsteller.

Dostojewski war 1863 nach Westeuropa gereist, mit dem Ziel, sich in Paris mit seiner Geliebten Polina (Apollinarija) Suslova zu treffen. Durch das Verbot der von ihm mit herausgegebenen Zeitschrift "Wremja" (Die Zeit) war er in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Sie waren wohl der Anlass zu seinem Besuch in der Wiesbadener Spielbank. Dort kam Dostojewskis verhängnisvolle Spielleidenschaft zum Ausbruch. Welche fatalen, auch bemitleidenswerten Auswirkungen seine Spielsucht hatte, darüber erfährt der Leser in Karla Hielschers Buch "Dostojewski in Deutschland" viele Einzelheiten -  auch über den glanzvollen Spiel- und Kurbetrieb der deutschen Kurorte im 19. Jahrhundert.

1863 war Dostojewski vorübergehend nach Russland zurückgekehrt. Doch schon im Sommer 1865 zog es ihn wieder nach Wiesbaden an den Rouletttisch. In kurzer Zeit verspielte er dort dreitausend Rubel, Geld, das ihm sein Verleger für die Rechte an einer Ausgabe seiner bisherigen Werke und unter der Bedingung, dass er bis zum 1. November 1866 einen neuen Roman vorlege, vorgeschossen hatte. Unter dem Druck dieser vertraglich festgelegten Forderung diktierte er im Oktober 1966 in knapp vier Wochen den "Spieler" seiner späteren zweiten Frau Anna Grigorjewna. Sie schreibt in ihren "Erinnerungen": "Am 29. Oktober fand unser letztes Diktat statt. Der Roman `Der Spieler´ war beendet. Vom 4.-29 Oktober [1866], also in sechsundzwanzig Tagen, hatte Fjodor Michailowitsch einen Roman von sieben großformatigen Druckbogen zu zwei Spalten geschrieben."

In der Hauptgestalt des fünfundzwanzigjährigen Erzählers Alexej Iwanowitsch (überzeugend gesprochen von Milan Peschel, geboren 1968 in Berlin; mir gefiel er besondern in seiner Fernsehrolle in "Stauffenberg", 2003) porträtiert sich Dostojewski selbst. Worum geht es in diesem Buch, dessen Autor von Friedrich Nietzsche als der "tiefste Psychologe" der Weltliteratur" bezeichnet wird und als der "einzige Psychologe", von dem er "etwas zu lernen hatte". In "Roulettenburg" wartet die Familie eines hoch verschuldeten russischen Generals voller Ungeduld auf die Nachricht, dass die Erbtante endlich gestorben ist. Doch statt des sehnsüchtig erwarteten Geldes trifft die mopsfidele Tante persönlich ein. In wenigen Tagen verspielt sie fast ihr ganzes Vermögen. In dieser verzweifelten Situation sucht Polina, die Tochter des Generals (abwechselnd verständnisvoll und abweisend gesprochen von Brigitte Hobmeier, geboren 1976 in München; 2004 erhielt sie den Mario-Adorf-Förderpreis) die Nähe des Erzählers, des Hauslehrers - "was für eine unbedeutende Person (...) in Rußland".  Nachdem sie von ihrem Liebhaber, dem jungen Franzosen des Grienx (eine für das Hörbuch stark eingekürzte Rolle, gesprochen von Robert Hunger-Bühler, geboren 1953, brillierte z. B. in der Rolle des Mephisto in der "Faust"-Mammutinszenierung 2003) verlassen wurde, gesteht sie Alexej Iwanowitsch ihre Liebe. Zu spät? Obwohl die Hassliebe zu Polina bisher sein eigentlicher Lebensinhalt war, stürzt er fort, setzt das letzte Goldstück und gewinnt. Zwar kehrt er zu Polina zurück, doch beide wissen, dass eine unbezähmbare Sucht ihn wieder zum Spieltisch treiben wird. ("Warum soll denn das Spiel schlechter sein als irgendein anderes Mittel des Gelderwerbs, zum Beispiel als der Handel?") Der arme Hauslehrer Alexej Iwanowitsch wird zum Spieler, um soziale Unabhängigkeit und Glück zu erlangen, aber durch seine (anfänglich) märchenhaften Gewinne verfällt er dem Spielteufel. Polina verlässt Alexej, als sie erkennt, dass er dem Spiel rettungslos verfallen ist. Und sie tat gut daran, denn Alexej Iwanowitsch - ein vielseitiger, aber unfertiger Charakter, der die Universität besucht hat - gerät in den Schuldturm und fristet sein Leben zeitweise als Diener. Anna Grigorjewna Majakowskaja sagt in ihren "Erinnerungen", dass ihr späterer Mann voll und ganz auf seiten des `Spielers` stand, und er vieles von dessen Gefühlen und Eindrücken an sich selbst erfahren habe: "(...) man könne sehr wohl einen starken Charakter besitzen, dies mit seinem Leben beweisen und dennoch nicht die Kraft aufbringen, die Leidenschaft für das Roulettspiel zu bezwingen."

Ich finde, dass man spürt, dass dieses Werk unter Zeitdruck geschrieben wurde. Es erscheint eher improvisiert als durchkomponiert. Und dies schreibt Anna Grigorjewna in ihren "Erinnerungen": "Die Kritiker warfen Fjodor Michailowitsch oftmals die mißlungene Form seiner Romane vor, tadelten, in einem Roman seien im Grunde mehrere enthalten, die Ereignisse häuften sich und vieles bleibe unvollendet. Die gestrengen Kritiker wußten wahrscheinlich nicht, unter welchen Bedingungen Fjodor Michailowitsch schreiben mußte. Es kam vor, daß die ersten drei Kapitel eines Romans schon gedruckt waren, das vierte gesetzt, das fünfte soeben mit der Post abgeschickt, das sdechste geschrieben wurde, die übrigen aber noch nicht einmal konzipiert waren."

Trotz aller Improvisation klingen im "Spieler" bereits Zentralmotive von Dostojewskis späteren großen Romanen an: die Hassliebe - die Alexej und Polina verbindet, wie sie im Leben Dostojewski und die Suslova verband - und die mit Reichtum einhergehende Machtgier. Der Spieler ist ein Werk des Übergangs vom novellistischen Frühschaffen zu den großen Spätromanen Dostojewskis. Der Roman hat den "Charakter eines Schlüsselwerks" (Ralf Schröder). Wahrlich in Starbesetzung kommt das Hörbuch Der Spieler daher. Neben den schon genannten Schauspielern sprechen ihre Rollen besonders eindrucksvoll als Mademoiselle Blanche Sophie von Kessel (geboren 1968 in Mexico City. Von 1997 bis 2001 war sie an den Münchner Kammerspielen engagiert, gegenwärtig spielt sie in zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen), als General Christoph Bantzer (geboren 1936 in Marburg an der Lahn, seit 1985 hat er ein Engagement  am Thalia Theater in Berlin). Was nervt, sind die Geräusche (die rollenden Kugeln?) am Rouletttisch...

Das Hörbuch hat seinen Siegeszug noch lange nicht beendet. In den ersten neun Monaten des Jahres 2005 ist der Umsatz von Hörbüchern um fast 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Die Verlage hoffen nach geschätzten 60 Millionen Euro Vorjahresumsatz im laufenden Jahr die Marke von 100 Millionen Euro zu erreichen. Den größten Zuwachs verzeichnete die Belletristik mit plus 34,6 Prozent.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 06.12.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.
 

Faule lieben´s fertig.
Sprichwort der Russen

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