Hörbuch REZENSIONEN

Ihr Leben hatte keinen anderen Zweck mehr,
als ihrem Liebhaber zu gefallen...

Russe
Anna Karenina
Hörspiel
Aus dem Russischen von Peter Urban
Sprecher: Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Walter Andreas Schwarz  und viele andere
Bearbeitung: Palma, Regie: Ludwig Cremer, Musik: Hans Martin Majewski, Toningenieur: Robert Brückner, Tontechnik: Nita Raudszus, Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln und Hessischer Rundfunk, 1967. (Leider gibt es keine Angabe,  nach welcher Ausgabe und Übersetzung das Hörspiel erarbeitet wurde.)
Der Hörverlag, München 2001, 4 CDs, Laufzeit: etwa 268 Minuten. Mit Booklet von Julia Kursell.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

"Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich", schreibt Tolstoj zu Beginn seines großen Romans Anna Karenina. Die Hauptfiguren dieses weltberühmten Romans gruppieren sich um drei untereinander verwandte, der russischen Oberschicht angehörende Familien: um die Karenins, die Levins, die Oblonskijs. Die spannungsgeladene Handlung beginnt damit, dass Anna, verheiratet mit einer "Ministerialmaschine", dem Offizier Graf Vronskij in unwiderstehlicher Liebe verfällt. Im Verlauf des Romans untergräbt die unerbittliche Leidenschaft Stück für Stück den ganzen moralischen Halt dieser schönen, stolzen Frau. "Alles Gute in ihr, ihr tapferes und treues Herz verkümmert; sie hat nicht mehr die Kraft, ihre oberflächliche Eitelkeit zu opfern; ihr Leben hat keinen anderen Zweck mehr, als ihrem Liebhaber zu gefallen. (...) Eifersucht martert sie (...)". (Roman Rolland).

Zwischen der ersten schicksalhaften Begegnung Annas und Vronskijs auf einem Moskauer Bahnhof und der Verzweiflungstat des Selbstmordes Annas unter den Rädern eines Eisenbahnwagens liegen die von Tolstoj minutiös nachgezeichneten Stationen eines durch schuldlos-schuldhafte Verstrickung heraufbeschworenen Leidenswegs. Die dem Autor vorschwebende "Familienidee" wird ergänzt durch eine positive Gegenerzählung: das harmonische Familienleben des Ehepaars Levin - auf ihrem Landgut. Als kompositorisches Bindeglied zwischen den Karenins und den Levins fungiert das Ehepaar Oblonskij - er, ein adliger Lebemann, der Familie und Besitz leichtfertig aufs Spiel setzt, ist der Bruder Anna Kareninas; sie, Dolly, Oblonskijs Gattin, das Ideal der mütterlichen Frau, ist die Schwester Kitty Levins.

Der Roman von Leo Graf Tolstoj erschien in der Zeitschrift "Russkij vestnik" ("Der russische Bote") 1875-1877; in Buchform 1878,  vierunddreißig Jahre vor Erscheinen dieses Hörbuchs - eine besondere Freude für Bewunderer von Koczian und Felmy, deren Stimmen heutigentags schon zu sehr in die Jahre gekommen wären als Sprecher für die junge Anna Karenina und den jungen Graf Vronskij. Man darf auf weitere ältere Produktionen gespannt sein, denn die Radiosender verfügen noch über Tausende Schätze in ihren Archiven. Aber natürlich haben auch Eigenproduktionen Vorteile, zum Beispiel, was die Anzahl der Kassetten bzw. CDs anbelangt; denn mit den vier CDs  für Anna Karenina können nur etwa 250 Buchseiten vorgestellt werden - bei einem tatsächlichen Seitenumfang von knapp 600 Seiten. Da machten sich natürlich enorme Romankürzungen erforderlich. Und so haben sich die Bearbeiter vorrangig auf die Handlung Karenina/Vronskij konzentriert und die anderen (vielen) handelnden Personen - der Sendezeit eines Rundfunk-Hörspiels entsprechend - sehr stark zurückgenommen. Konstantin Levin zum Beispiel - mir scheint, er ist in diesem Roman die Lieblingsgestalt Tolstojs - ist die zentrale Person der zweiten Haupthandlung. Er ist der Typ des russischen Gutsbesitzers und russischen Wahrheitssuchers, der das lasterhafte und müßige Treiben der russischen Gesellschaft um 1860 - mit Salons, Bällen, Offiziersfesten, Pferderennen, Opern und Theateraufführungen -  verabscheut. Er sieht in der Harmonie des tätigen Landlebens das Ideal des echten Menschendaseins;  seine Liebe gehört dem  russischen Bauern und seiner im  Einklang mit der Natur verrichteten Arbeit - besonders schön die Episode der Heumahd. Mit der Einführung der Gestalt Levins hatte Tolstoi die Möglichkeit, eine Vielzahl geistiger, moralischer, philosophischer, religiöser, aber auch sozialer Probleme in sein Buch einzubringen. Im Hörspiel bleibt davon fast nichts. Dem Wahrheitssucher Levin stellte Tolstoj mit seiner Frau Kitty eine einfühlsame, lebenstüchtige Frauengestalt zur Seite. Jene Szenen, in denen der Dichter Kitty zur tragenden Figur macht - bei der Werbung und Hochzeit, bei der Geburt ihres ersten Kindes, bei der Pflege ihres vom Tode gezeichneten Schwagers - gehören für mich zu den ergreifendsten Szenen des ganzen Buches. Im Hörspiel erfahren wir nichts von diesem ersten Kind; der Bruder Levins taucht gar nicht erst auf.

Viel zu kurz kommen auch die Szenen zwischen Anna Karenina und ihrem von ihr verlassenen Sohn Serjosha; ihre innige Mutterliebe erschließt sich dem Hörspiel-Hörer nicht. Und erst die Naturschilderungen, die bei Tolstoj nie bloßer Hintergrund sind, z. B. die herrliche Beschreibung des Frühlingserwachens auf dem Land, die breit ausgesponnenen Jagdszenen oder Levins Nacht auf dem Feld... Verständlich, dass sie aus Zeitgründen gestrichen wurden. Aber: schade, schade, schade.

Was das Bekanntwerden mit der Erzähltechnik Tolstojs (namentlich die Verwendung des inneren Monologs), den Stil und die überaus nuancenreiche sprachliche Gestaltung anbelangt, so kann sich der Hörer durchaus ein Bild machen. Angenehm auch das unaufdringliche dramaturgische Pferdegetrappel, Papierrascheln, Kutschengepolter, Lokomotivschnauben, Sturmgebraus, die Opernstimmen... Erfreulich auch eine kenntnisreiche Text-Beilage zu Tolstoj und seinem Werk Anna Karenina von Julia Kursell.

Eine Umfrage besagt, dass die meisten der Hörer das Hörbuch als Ergänzung zum Buch verstehen, nur 20 Prozent ersetzt es das Lesen. Anna Karenina sollte man nach Anhören des Hörspiels unbedingt auch noch lesen. Dann kann man sich über nun schon Bekanntes (mit all den wunderbaren einprägsamen Stimmen im Ohr) freuen und sich an Neuem besonders intensiv erfreuen.

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 27.08.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Mit Worten ermahnt man den Menschen für eine Stunde, mit einem Buch für´s ganze Leben.
Sprichwort der Russen

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