Reiseliteratur-Bildbände REZENSIONEN

Der Archipel des Schreckens

Pole; über den russischen Gulag und die Nenet*
GULAG
Mit 450 Bildern, Format: 28 cm x 38 cm
Mit Vorworten von Norman Davies, Jorge Semprun und Sergej Kowaljow
Aus dem Französischen von Michael Tillmann
Hamburger Edition, Hamburg 2004, 495 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Dudik.)

Was für ein gut gemachtes Buch! Hervorragend die Auswahl der historischen Fotos, hervorragend die heutigen Aufnahmen, hervorragend die Texte, hervorragend Layout und Gestaltung.

Tomasz Kizny, 1958 in Polen geboren, ist Fotograf und Journalist. 1981 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern von "Dementi", einer polnischen Untergrundorganisation unabhängiger Fotografen. Er lebt und arbeitet in Wrocław, seine Arbeiten wurden in Lausanne, Stockholm, Darmstadt, Budapest, Wrocław und Warschau ausgestellt. Fünfzehn Jahre lang hat Kizny nach verbliebenen Spuren und Zeugnissen von sechs sowjetischen Bauprojekten und Lagern geforscht, die sinnbildlich sind für das sowjetische Lagersystem des Gulag. Das Wort Gulag (Glawnoje Uprawlenije Lagerej) - Hauptverwaltung der Lager - wurde gebräuchlich mit den Werken Alexander Solschenizyns, die auf Deutsch unter dem Titel "Archipel GULAG" erschienen. Die von Thomasz Lizny beschriebenen Projekte und Lager sind:

- Die Solowezki-Inseln (1923-1939); seit 1992, da die Restaurierungsarbeiten zum größten Teil abgeschlossen sind, ist der gesamte Klosterkomplex der Solowezki auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. (Pjotr Aleschkowski, der Architektur studierte und Autor von "Der Iltis"; und "Stargorod" ist, war bei den Restaurierungsarbeiten auf den Solowezki-Inseln dabei.)

- Der Weißmeer-Ostsee-Kanal (1931-1933) wurde1929 nicht nur von Maxim Gorki und Alexej Tolstoj besichtigt, sondern auf Befehl Stalins von über hundert weiteren sowjetischen Journalisten und Schriftstellern (u. a.  von Demjan Bednij, Valentin Katajew, Viktor Schklowskij, Michail Sostschenko). In der 1934 veröffentlichten Propagandaschrift "Belomorsko-Baltiiski Kanal imeni Stalina" (Der Weißmeer-Ostsee-Kanal namens Stalin) sprechen sechsunddreißig angesehene sowjetische Schriftsteller mit begeisterten Worten über dieses Bauprojekt, das  etwa fünfzehntausend Menschenleben kostete.

- Die Waigatsch-Expedition (1930-1936) bei der immer wieder Angehörige der Nenet (auch im Bild) auftauchen. Obwohl ich drei Jahrzehnte lang als DDR-Journalistin kreuz und quer durch die Sowjetunion reiste und mein journalistisches Spezialgebiet die über hundert kleinen sowjetischen Völker waren, sind die Nenet ein mir völlig unbekanntes Volk; auch im Lexikon "Die Völker der ehemaligen Sowjetunion" von Rudolf A. Mark, 1992 in zweiter Auflage erschienen, ist diese Völkerschaft nicht vermerkt*. Tomasz Kizny schreibt über die Nenet, dass es etwa einhundert Angehörige dieses Volkes gäbe, die auf der Insel Waigatsch von Jagd, Fischfang und Rentierzucht leben. "Manche haben Anspruch auf eine armselige Rente und auf geringe Sozialleistungen für ihre Familie durch den Staat. Fast alle Erwachsenen haben mit alkoholbedingten Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Im Dorf gibt es weder eine Schule noch einen Arzt, noch einen Vertreter der Staatsmacht."

- Die Kolyma (1931-1955); aus diesem Abschnitt ist in der "Historischen Notiz" über einen Skandal zu berichten: 1931 wurde Eduard Petrowisch Bersin von Stalin persönlich zum Generaldirektor des gesamten Kolyma-Komplexes ernannt. Seine Aufgabe war die zügige Erschließung des Kolyma-Gebiets und die Ausbeutung der in dieser Region entdeckten beträchtlichen Goldvorkommen. Wenige Tage nach seiner Ankunft in der Kolyma stürzte sich Bersin mit allen Kräften in die Arbeit, ließ die Stadt Magadan aus dem Boden stampfen, Goldminen anlegen und richtete Arbeitslager für zehntausende Häftlinge ein. "Bersin herrschte als Zar und Gott über die Kolyma. Als Direktor von `Dalstroi´, dem Unternehmen zur Erschließung des äußersten Nordostens der Sowjetunion, verfügte er über eine unbegrenzte Machtfülle über die Weiten Nordostsibiriens. Er präsentierte absolut alle sowjetischen Machtorgane: Partei, Exekutive, Strafverfolgungsapparat, Justiz und Armee. Im Gegenzug erwartete der Kreml nur eines: Gold, soviel Gold wie möglich. Im ersten Jahr schickte Bersin eine halbe Tonne Gold nach Moskau, drei Jahre später 14 Tonnen. Einem Lagerhäftling der Kolyma, der sein Arbeitssoll nicht zu 100 Prozent erfüllte, wurde die ohnehin schon karge tägliche Essensration gekürzt. 1933 lag die tägliche Förderungsnorm goldhaltiger Erde knapp unter einen Kubikmeter pro Häftling. Zwei Jahre später belief sie sich auf zwei Kubikmeter, und 1936 - bei gleich bleibender Menge Brot und einem Teller Suppe - forderte der Direktor von `Dalstroi´ zwischen vier und sechs Kubikmeter täglich. Wie viele Gefangene dies mit ihrem Leben bezahlen mußten, ist nicht gesichert. Fest steht allerdings, daß Eduard Petrowitsch Bersin mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet wurde, `weil er die vorgesehene Förderungsmenge übertroffen´ habe." Gleich nach dieser Auszeichnung erließ er ein neues Gesetz, durch das sich die Situation der Gefangenen noch beträchtlich verschlimmerte. Die Arbeit in den Goldminen durfte erst unterbrochen werden, wenn das Thermometer mehr als minus 50 Grad Celsius anzeigte. "1936 wurden von den Strafgefangenen dreiunddreißig Tonnen Gold gefördert. Im selben Jahr verbrauchte `Dalstroi´ von den zweihundert Tonnen Gulag-Stacheldraht insgesamt dreiunddreißig Tonnen. (...) - Die Bersins wohnten in einer großen Villa in der Bersin-Straße, die diesen Namen zu Ehren des Leiters der Kolyma trug. - 1937 wurde Bersin auf seiner Urlaubsreise nach Moskau verhaftet, zum Tode verurteilt und noch am selben Tag mit einem Schuss in den Nacken hingerichtet. Wir wissen schon, die Terrormaschine Stalins machte auch vor alt gedienten Parteikadern nicht halt.

Eine große, etwa fünfzehn Meter hohe Skulptur aus Menschenköpfen blickt in Magadan nach Norden, dorthin, wo die Gefangenentransporte verschwanden. Dieses Denkmal für die Opfer blickt auf die Stadt hinunter. Und nun der Skandal: Auf dem Zentralen Platz in Magadan steht auch eine Bronzebüste Eduard Bersins. Das Denkmal ist 1989 zur Feier des 50. Jahrestages des Erhalts der Magadaner Stadtrechte aufgestellt worden. Außerdem tragen eine Grundschule und eine der Hauptstraßen der Stadt den Namen des Gründers der Kolyma-Lager, des größten Lagerkomplexes der Sowjetunion. "Eine Straße oder Schule", schreibt Tomasz Kizny, "die nach dem Schriftsteller Warlam Schamalow benannt ist, der mit den `Geschichten aus Kolyma´ eines der eindrücklichsten literarischen Zeugnisse des Gulag-Lebens vorgelegt und siebzehn Jahre in den Lagern Eduard Bersins zugebracht hat, sucht man dagegen vergebens."

- Workuta (1931-1956). Hier nimmt der Streik der Häftlinge 1953 (über den auch Horst Schüler in "Workuta" und Gerhart Schirmer in "Sachsenhausen-Workuta" berichten) einen besonderen Raum ein. Im Juli 1953 streikten sieben der siebzehn Lagerkomplexe von Workuta. Die Streikenden forderten eine Revision ihrer Strafen und ihre Freilassung. Sie übernahmen die Kontrolle über das Lager und befreiten ihre Kameraden in den Strafzellen. Ein Streikkomitee aus Russen1, Ukrainern2 und Polen (Die Polen stellten in Workuta ein besonders starkes Kontingent von Häftlingen, die in den Jahren 1937 bis 1941 und 1944 bis 1948 eintrafen.) garantierte die Ordnung im Lager. Die Protestbewegung dauerte sechs Tage. Am 1. August wurde das Lager von der Armee umstellt. Die Lagerinsassen weigerten sich, das Lagergebiet zu räumen und leisteten den Soldaten, die sie einzeln wegzutragen versuchten, passiven Widerstand. Kurze Zeit später eröffnete die Armee von den Wachtürmen aus mit Maschinengewehren das Feuer auf die dicht gedrängt auf dem Lagerplatz stehenden Gefangenen. Ungefähr siebzig Menschen wurden getötet und hundertunddreißig verletzt. Zu meinem Entsetzen erfahre ich von Tomasz Kizny, dass der sowjetische Hauptankläger bei den Nürnberger Prozessen, Roman Rudenko,  verantwortlich für das Massaker beim Streik der Häftlinge in Workuta war.

(Jüngst las ich bei Simon Sebag Montefiore in "Stalin. Am Hof des roten Zaren", dass auch der sehr bekannte Drehbuchautor Alexej Kapler zu fünf Jahren Lagerhaft nach Workuta verurteilt worden war - wegen "antisowjetischer Umtriebe". Bei den antisowjetischen Umtrieben handelte es sich um eine (harmlose) Liebesbeziehung mit Stalins Tochter Swetlana. Stalin war empört, denn schließlich war Kapler vierundzwanzig Jahre älter als Swetlana (Der Altersunterschied zwischen Stalin und seiner zweiten Frau Nadja betrug zweiundzwanzig Jahre!) und: Kapler war Jude. Nach seiner Entlassung 1948 kehrte er nach Moskau zurück, wurde dort erneut festgenommen und zu weiteren fünf Jahren in den Bergwerken verurteilt. Nach Stalins Tod kehrte Kapler zurück, verheiratete sich wieder und erlebte dann schließlich doch noch eine leidenschaftliche Affäre mit Swetlana. Er starb 1979.)

- Die Todesstrecke (1947-1953) - war das letzte große Stalinsche Bauprojekt. Die Baugeschichte dieser Eisenbahnlinie Nord veranschaulicht besonders nachdrücklich die Brutalität und Unsinnigkeit des sowjetischen Totalitarismus: Siebzigtausend Gefangene (...), die im Sommer in diese gottverlassene, sumpfige Tundra geschickt wurden, trugen ihren Proviant auf dem Rücken und schliefen in Holzhütten. "Der Schlamm floß in ihre Stiefel, ihre Kleider wurden nie trocken, die blutgierigen Mücken Sibiriens forderten ihren Tribut. (...) Das Polarklima machte die Situation noch schlimmer. In den Wintermonaten sank die Quecksilbersäule bis unter minus 50 Grad Celsius, Schneestürme tobten, bildeten in wenigen Stunden zwei oder drei Meter hohe Schneeverwehungen. Schnee bedeckte Schienen, Lager, Geräte- und Vorratsschuppen. (...) Die Sinnlosigkeit der Todesstrecke endete erst 1953 mit dem Tod Stalins. Zwei Wochen nach der Beisetzung Stalins stellte die Sowjetregierung den Bau ein und befahl die sofortige Aufgabe des gesamten Vorhabens. "Dem gesunden Menschenverstand zum Trotz wird eine Strecke gebaut, bei der Häftlinge eingesetzt werden, die Tausende Opfer fordert und doch nirgendwo hinführt."

(Ein besonderes Kapitel widmet Tomasz Kizny - in Wort und Bild - dem Theater im Gulag. Die Einrichtung der Theatergruppen, deren Repertoire von der klassischen Tragödie bis zur Operette reichte, war für die Lagerkommandanten geradezu Ehrensache. Für manche Künstler unter den Häftlingen bedeutete die Aufnahme in das Ensemble sogar das Überleben aufgrund besserer Haftbedingungen.)

Sechs von dreißigtausend Gulag-Lagereinheiten - viele Standorte zeigt Tomasz Kizny auf einer Karte der Sowjetunion und in einer umfänglichen Liste der Verwaltungseinheiten des sowjetischen Gulag von 1923 bis 1960 auf. Der polnische Fotograf und Journalist hat sich in den sechs Abschnitten über die sechs Gulag-Lager einem strengen Ordnungsprinzip unterworfen. Jeder Abschnitt beginnt mit einer Karte, auf der der genaue Standort des Lagers eingezeichnet ist. Es folgt ein informativer gut geschriebener Text über das Lagerobjekt in Vergangenheit und Gegenwart. Dann folgen Archivfotos - die Kizny von ehemaligen Häftlingen, aus Alben von Lagerkommandanten und Verwaltungsbeamten als auch aus privaten und staatlichen Archiven zusammengetragen hat. Kizny stellt seinem Buch Worte des Schriftstellers Warlam Schamalow  voran: "Was ich gesehen habe, sollte niemand sehen oder auch nur davon erfahren. Wenn man es aber gesehen hat, ist es besser, bald zu sterben." Bei aller aufreibenden Suche nach den historischen Fotos kann Kizny nicht zeigen, was Warlam Schamalows Augen gesehen haben; denn die grobe Gewalt des Lagers - gefrorene Leichenberge gefolterter und zu Tode gequälter Häftlinge, bis auf die Knochen abgemagerte Lagerinsassen bei Schwerstarbeit - wer schon hatte damals die Möglichkeit zu fotografieren? Doch nur das Wachpersonal. Und das rückte die Lager so ins Bild, wie sie die sowjetische Propaganda sehen wollte. Und so sieht man bei den historischen Abbildungen Steckbrieffotos von Häftlingen aus den Akten des NKWD, Aufnahmen der Klosteranlage auf den Solowezki-Inseln nahe des Polarkreises (Es ist das erste große Arbeitslager der Sowjetunion.), Bilder der Bauarbeiten an den gigantomanischen Projekten Stalins in Sibirien wie den Belomorkanal (Weißmeerkanal) oder der nie vollendeten Nordeisenbahn (der Todesstrecke), der Gold- und Uranminen im Lager Kolyma, wo immer mehr Gold unter katastrophalen Bedingungen gefördert wurde. Und Kizny zeigt sowjetische Schriftsteller als Lagertouristen: Maxim Gorki (mit Sohn und Schwiegertochter) auf den Solowezki-Inseln (vom 20.-23 Juni 1929), Alexej Tolstoi am Weißmeerkanal. Gorki wird immer wieder vorgeworfen, dass er durch sein Schweigen und durch seine schriftstellerische Arbeit diese Lager (die als Besserungslager vorgeführt wurden) sanktioniert habe. Bekannt ist sein Besuch des Isolationshaftlagers auf den Solowezki-Inseln in der Christi-Himmelfahrt-Kirche auf dem Sekirnaja-Hügel Dieses Lager war berüchtigt für die Strenge seiner Leitung und die Grausamkeiten seiner Wachbeamten. Nachdem die Besucher die Kirche verlassen hatten, notierte  ein Wachhabender des Lagers in sein Dienstbuch: "Ich habe Sekirnaja in Guter Ordnung vorgefunden." Maxim Gorki unterzeichnete und fügte noch hinzu: "Ich würde sogar sagen, in vorbildlicher Ordnung." In einem eigens abgeschickten Telegramm an das Zentralkomitee der WKP (b) - Kommunistische Allunionspartei (Bolschewiki), 1925-1952 - wurde Stalin über diesen Zusatz unterrichtet. Gorkis Artikel mit dem Titel "Solowki", in dem er die praktizierte Politik der "Umerziehung durch Arbeit" mit seinem Namen unterstützte, erschien sowohl in der nationalen als auch in der internationalen Presse. War Gorki so blauäugig, dass er die für die Schriftsteller hergerichteten "Potemkinschen Dörfer" nicht erkannte? 1944 besuchten der amerikanische Vizepräsident Henry Wallace und Professor Owen Lattimor, Mitarbeiter des amerikanischen Militärgeheimdienstes, die Kolyma auf einer Reise von Alaska nach China. Dort trafen sie sich mit dem "Dalstroi"-Verwalter Iwan Nikischew. Das Gorki-Theater für Musik und Schauspiel des "Dalstroi" des NKWD der UdSSR zeigt ihnen eine glanzvolle Aufführung. Professor Lattimor schreibt später, dass das Ehepaar Nikischew von dem Gefühl für ihre Verantwortung als Bürger erfüllt sind. "Die Erschließung der Nordgebiete der UdSSR wird planwirtschaftlich entschieden, aber das Dalstroi-Kombinat leitet die gesamten Arbeiten mit großem Können." Und: "Es lässt sich mit der amerikanischen Gesellschaft der Hudson-Bucht vergleichen." Können Schriftsteller hellsichtiger sein als der amerikanische Militärgeheimdienst? - Aber Gorki scheint damals so ahnungslos doch nicht gewesen zu sein; denn in seiner "Historischen Notiz" zu den Solowezki-Inseln schreibt Kizny unter dem 25. April 1930: " (...) Eine Sonderkommission der OGPU  [Vereinte Staatliche Politische Verwaltung] wird von Moskau aus mit der Untersuchung der Mißhandlungen im Lager beauftragt.  Etwa 60 Personen werden hingerichtet, zumeist gewöhnliche Gefangene, die als Wachbeamte eingesetzt wurden, sowie einige in der Lagerverwaltung tätige Tschekisten, denen Vergewaltigungen, Folter und Mord an Gefangenen vorgeworfen wurden. Vermutlich war diese Untersuchungskommission der OGPU eine Folge des Besuchs Maxim Gorkis. Dimitrij Lichatschow, einem im Lager inhaftierten Historiker zufolge, soll der Schriftsteller von den Behörden eine Überprüfung der Lebensbedingungen im Lager verlangt haben. Darüber war mir bisher nichts bekannt, obwohl ich 1979 mit Lichatschow ein Interview führte.

Nach der jeweiligen Karte, dem Text über das Lager und den historischen Fotos folgt jeweils eine "Historische Notiz", die die wichtigsten Ereignisse des Lagers chronologisch auflistet - allein diese Angaben zeugen von der intensiven und akkuraten Recherche Kiznys. Auf einer ganzen Seite sind dann emotionelle Zitate von ehemaligen Häftlingen, Ausschnitte aus Biographien und Erinnerungen, auch Zitate aus Geheimdienst-Dokumenten abgedruckt... Jetzt erst schließen sich Tomasz Kinzys zeitgenössische Fotografien an. Er fotografierte in diesem Teilabschnitt Zeugnisse und Spuren des Gulag, wo er Aufnahmen der heutigen Ruinen und weiterer Überbleibsel der Lager und ihrer Einwohner machte: Schuhberge, Essnäpfe, verlassene, eingeschneite Lokomotiven, verbogene Schienenstränge... Seine (meist) Großfotos und Porträts sind nicht schlechthin Fotografien, sondern fotografische Meisterwerke.

Dem großformatigen Bildband sind drei Vorworte vorangestellt:

- Das erste Vorwort stammt von dem britischen Historiker und Schriftsteller Norman Davies. Obwohl der Gulag, schreibt Davies, von den zwanziger bis zu den achtziger Jahren in Betrieb war, seien die eigentliche Tragweite und die wirkliche Natur dieses Systems selbst in der UdSSR ein streng gehütetes Ereignis gewesen. Erst unter Chruschtschow hätten die schlimmsten Exzesse wie beispielsweise die verbreitete Sklavenarbeit ein Ende gefunden, und es sei zu systematischen Beschreibungen und Statistiken gekommen: "Zudem - und vielleicht vor allem - schreckt die westliche Öffentlichkeit, die umfassend  (und zu Recht) über die Schrecken des nationalsozialistischen Holocaust aufgeklärt wurde, davor zurück, den Umfang der Massenverbrechen eines Regimes zu akzeptieren und zu ermessen, das im Krieg gegen Hitler an der Seite der Westmächte gekämpft hatte. Ein Teil dieser tonangebenden Öffentlichkeit weigert sich, auch nur den geringsten wie auch immer gearteten Vergleich zwischen Gulag und Holocaust anzustellen." Natürlich räumt Davies ein, gäbe es zwischen dem System der nationalsozialistischen Konzentrationslager und dem sowjetischen Gulag markante Unterschiede, aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten. "Im Nazi-System gab es beispielsweise eine Reihe von bewußt als solche eingerichteten Todeslagern wie Treblinka, Sobibòr und Bełżec, in denen die meisten Inhaftierten sogleich nach ihrer Ankunft ermordet wurden. Das nationalsozialistische Deutschland besaß zudem eine Reihe von Lagern für Kriegsgefangene an der Ostfront, in denen weder für Ernährung noch für Unterkunft oder Einsatz der Gefangenen Vorkehrungen getroffen worden waren." (In dieser Homepage findet sich eine Rezension zu dem Buch "Jüdisches Glück" von Semjon S. Umanskij, das über ein solches Lager in Transnistrien berichtet.) Demgegenüber, fährt Davies fort, umfasste der Gulag ein viel größeres Netz an Konzentrationslagern, das sich bis an die nördlichsten Grenzen Europas und Asiens erstreckt habe - wobei diese Standorte als Arbeits- [und Besserungslager] bezeichnet wurden." - Die russische Parole "Tscheres trud domoi" (Die Arbeit ist der Weg nach Hause), meint Davies, sie die Entsprechung, die das berüchtigte "Arbeit macht frei" vorwegnahm.

- Auch das zweite Vorwort, geschrieben von Jorge Semprun - ein nach Buchenwald deportierter Widerstandskämpfer, der spätere ehemalige Kulturminister Spaniens, Schriftsteller und Mitglied der Académie Goncourt - prangert die Mauer des Schweigens  über  den Gulag an,  oder  besser: " (...) die Mauer der Taubheit des Westens". Diese Mauer, die "erst mit dem berühmten Geheimbericht Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei Rußlands und vor allem einige Jahre später im Zusammenhang mit dem erschütternden Erlebnisbericht Alexander Solschenizyns erste Risse" bekam.

- Das dritte Vorwort ist verfasst von einem ehemaligen Häftling der Kolyma, dem heutigen russischen Menschenrechtler Sergej Kowaljow (Autor des Buches "Der Flug des weißen Raben, Von Sibirien nach Tschetschenien"). Kowaljow schreibt, dass die massive Repression in der UdSSR mehr Tote gefordert habe als alle Kriege, an denen sich die Sowjetunion im Laufe ihres achtzigjährigen Bestehens beteiligt habe. Das auf Hass und Brutalität gründende politische System habe seinen Schrecken in der ganzen Bevölkerung verbreitet, bis zu den Apparatschiks, die ihm genauso zum Opfer fallen konnten wie alle anderen. "Als Reaktion darauf entwickelte sich bei den russischen Bürgern eine gefährliche Mischung aus Unterwürfigkeit und revolutionärer Gesinnung." Kowaljow beklagt, dass in der Sowjetunion ein Verfahren wie die Nürnberger Prozesse nicht stattgefunden habe. "In Rußland (...) sind heute gerade die Schlüsselpositionen mit Menschen aus diesem System besetzt, mit ehemaligen Parteifunktionären und Beamten der Geheimdienste, von denen niemand Wert darauf legt, daß die ganze Wahrheit ans Licht kommt."

Interessieren würde mich, wie es heute mit Straflagern in Russland aussieht? Im Oktober 2005 war in den Medien zu lesen, dass der russische Ex-Ölmagnat Michail Chodorkowski (früherer Mehrheitseigentümer des Ölkonzerns Jukos) seine achtjährige Haftstrafe in einem Straflager in Ostsibirien an der Grenze zu China angetreten hat.

Leider fehlt bei Kizny ein Personenregister, dass bei einem so fakten- und personenreichen Buch angebracht gewesen wäre. Ein besonderes Lob hingegen verdienen die informativen (lesbar gedruckten) Bildunterschriften, die bei so manchem Bildband (z. B. bei "Jakutien" von Andreas Horvath) geradezu stiefmütterlich behandelt werden. Alles in allem: GULAG ist die bisher größte, beeindruckendste und (mit acht Pfund) gewichtigste Zusammenstellung von Foto- und Textdokumenten aus dem Archipel des Schreckens**.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

   * Auch im neuesten "Brockhaus" von 2006 ist ein Volk der Nenet nicht aufzufinden.

**  Im Moskauer Gorkipark steht inzwischen ein Denkmal, das an das Schicksal von fast drei Millionen Häftlingen in den über vierhundert Arbeitslagern des GULAG erinnert.

Weitere Rezensionen zum Thema "Lagerliteratur (GULag / Gulag / GULAG und Verbannung)":

  • Anne Applebaum, Der Gulag.
  • Anna Larina Bucharina, Nun bin ich schon weit über zwanzig.
  • Gerhart Schirmer, Sachsenhausen - Workuta. Zehn Jahre in den Fängen der Sowjets.
  • Horst Schüler, Workuta, Erinnerung ohne Angst.
  • Lydia Tschukowskaja, Sofja Petrowna.
  • Semjon S. Umanskij, Jüdisches Glück. Bericht aus der Ukraine 1933-1944.
  • Julius Wolfenhaut, Nach Sibirien verbannt.

Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 15.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Streue auf Leid nicht noch Salz.
Sprichwort der Russen

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