Belletristik REZENSIONEN

Helden? Antihelden!

Russe
Heldenleben
Zwei Erzählungen
Aus dem Russischen von Hedy Pross-Weerth
Piper Verlag, München / Zürich 1996, 160 S.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Petra Peck und Hans Fischer.)

"Solschenizyns langes Leben ist einmalig und außerordentlich. (...) Geboren [1918]* in wirrer Zeit, aufgewachsen in der von der Propaganda heftig geschürten Aufbruchstimmung der bolschewistischen Anfangsjahre, dann Frontoffizier in der Roten Armee. Es folgten der Schock der Verhaftung wegen unvorsichtiger Briefe mit kritischen Bemerkungen über Stalin; der Horror der Lubjanka; Verhöre; Straflager und `ewige Verbannung´; Rehabilitierung in den milderen Chruschtschow-Jahren; plötzlicher Ruhm als Verfasser von `Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch´, jener Erzählung, die erschütternd an den Tag brachte, worüber man in der Öffentlichkeit nur geflüstert hatte. Dann, in Ungnade gefallen, begann seine Dissidentenzeit, in der er schier unglaubliche Furchtlosigkeit und Kühnheit zeigte; schließlich seine Entlarvung der gesamten sowjetischen Tyrannei seit Lenin im `Archipel Gulag´; Wiederverhaftung und gewaltsame Ausweisung aus der Heimat (...); Streit mit den Gastgebern im Westen; endlich Rückkehr nach Rußland, wo er es aus sehr unterschiedlichen Gründen für notwendig erachtet, eine Art Dissident zu bleiben." So erfasst der britische Bestsellerautor Donald M. Thomas das Leben Solschenizyns in seiner Biographie. Der russische Schriftsteller, Politiker, Ethiker, Moralist Solschenizyn war 1994 nach zwanzig Jahren Exil in seine russische Heimat zurückgekehrt. Nach Trotzki war er der erste Russe, der gewaltsam aus Russland ausgewiesen worden war.

Die beiden Erzählungen aus Heldenleben sind die ersten belletristischen Texte, die der Nobelpreisträger (1970) nach seiner triumphalen Rückkehr veröffentlichte. Wer deshalb etwas besonders Originelles oder Aktuelles erwartet, wird enttäuscht sein. Die erste Erzählung "Ektow, der Philanthrop" (russischer Titel "Ego" nach Ektows Pseudonym) spielt in den Wirren nach der Oktoberrevolution, die zweite, "Ein Heldenleben" (im russischen "An den Abgründen") ist vorrangig im zweiten Weltkrieg angesiedelt.

Pawel Wassiljewitsch Ektow ist "Dorfkooperator" und leitet eine genossenschaftliche Spar- und Darlehenskasse. Als diese 1918 verstaatlicht wird, zahlt der redliche Kooperator den Bauern auf eigene Faust ihre Einlagen aus. Er hält auch weiter zu ihnen, als sie unter der Losung "Sowjets ohne Kommunisten" einen Aufstand beginnen. Die Bauern sind im Bürgerkrieg zwischen Rot und Weiß aufgerieben und danach von den bolschewistischen Lebensmittel-Beschaffungstrupps** bis aufs Hemd ausgeplündert worden: "In Gruschewska waren die Leute so wütend über die Raubzüge, daß sie einen der Beschaffer zu Boden stießen und ihm, als sei er ein Baumstamm, den Hals durchsägten." Ektow, der Volkstümler, sah für sich keinen anderen Weg als den der Aufständischen. Er verließ Tambow und gesellte sich zu den "Antonowern", die der Roten Armee erbitterten Widerstand leisteten. Ektow gerät zwischen den Fronten von Weißen und Roten, Tscheka und Kosaken. Unter Druck gesetzt, entschließt er sich zum Verrat an seinen Kameraden, in dem er als "Wegführer" dient - zu den letzten noch Widerstand leistenden Partisanen Alexander Stepanowitsch Antonows. Ist Ektow ein namenloses Opfer, so ist Antonow eine historische Persönlichkeit der Bauernaufstände - gescheitert sind beide. Ein Heldenleben?

In der Erzählung "Ein Heldenleben" ist die Hauptfigur Georgi Schukow [Shukow]***. Der Bauernjunge wird 1919 Parteimitglied und verdient sich in den Kämpfen gegen die Partisanen Antonows seine ersten Sporen. Marschall Tuchatschewski wird sein Vorbild, der Armeebefehlshaber mit der unerbittlichen Härte: "Wer vorher die möglichen Verluste berechnet und nachher die tatsächlichen zählt, wird niemals ein Heerführer." (Während der Großen Säuberung wird Tuchatschewski 1937 erschossen.) Schukow (1896-1974) ließ die deutsche Wehrmacht nicht nach Moskau, befreite Leningrad, siegt in Stalingrad und eroberte Berlin. Für seine weltbewegenden Siege wurde er als einziger im ganzen Land von Stalin (dessen Pronomen Er, Sein, Ihm... im Buch göttlich groß geschrieben sind) viermal als Held der Sowjetunion ausgezeichnet. Der Schwerpunkt dieser Erzählung liegt in der Zeit, in der Schukow Marschall ist und nach zwei Herzinfarkten beginnt, seine Memoiren zu schreiben. Erschütternd, wie der Memoirenschreiber abwägt, woran er sich erinnern will und woran nicht. Schukows "innerer Zensor" setzt alle moralischen Prinzipien außer Kraft. Breshnews Forderung zum Beispiel, seine militärischen Leistungen zu würdigen, obwohl er keine überragenden hat, kommt Schukow geflissentlich nach. - Immer dann, wenn der Erzähler historisch Bedeutsames berichtet oder Schukow sich daran erinnert, mischt sich in der Erzählung eine Stimme ein, die dem Leser sagen will, dass der Marschall aus ideologischen Gründen so und nicht anders handeln musste: "Leider kannst du auch diesen süßen Augenblick nicht in deinen Memoiren festhalten. Es wäre nicht zweckdienlich (...) für die Sache der Kommunistischen Partei." Schukow - ein Heldenleben? Im Kampf ja, im Leben nicht.

Auch ich bin enttäuscht von der historischen Thematik der beiden 1994er Geschichten Solschenizyns, versöhne mich aber mit ihnen wegen der typischen solschenizynschen Wahrhaftigkeit und der vielen neuen Einzelheiten, die man erfährt, besonders über Chruschtschow, den "Maisbauernzar". Unversöhnlich von Solschenizyn enttäuscht jedoch bin ich von seinem unliterarischen Stil. Er frönt in beiden Erzählungen einen emotionslosen Berichtsstil - auch bei allen revolutionären  und  kriegerischen Grausamkeiten.  Geradezu  kitschig-komisch  wirkt da ein solcher epischer Einschub: "(...) Nach einem Gefecht liegt ein Erschlagener mit dem Kopf in einem Bach. Das Pferd steht traurig neben seinem toten Herrn, stundenlang... und durch das Gras trippelt eine Bachstelze..."

Wahrlich, Solschenizyn ist der Schriftsteller starker Erzählungen. "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" und "Matronjas Hof" standen in den sechziger Jahren am Anfang der Lagerliteratur und der Dorfprosa. In den beiden vorliegenden Texten bleibt Solschenizyn zwar seiner Berufung als Chronist der Sowjetherrschaft treu, aber an die viel bewunderten Geschichten von einst können sie nicht anknüpfen; sie wirken eher wie Entwürfe zu dem geplanten Romanzyklus "Das Rote Rad".  ("Das Rote Rad" war von Solschenizyn als zwanzigbändiges  Epos über die russische Oktoberrevolution konzipiert. 1991 brach der Schriftsteller den Romanzyklus, an dem er seit 1969 gearbeitet hatte, ab. Er sei zu der Entscheidung gezwungen, schreibt der damals zweiundsiebzigjährige Solschenizyn in der in Paris erscheinenden Zeitschrift "Das russische Denken", wegen des Umfangs der Arbeiten und wegen seines Alters.)

 


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

      * Alexander Solschenizyn starb am 4. August 2008.

    ** Das ukrainische Parlament hat den Hungertod von Millionen von Menschen unter Stalin in den Jahren 1932/33 in einem Gesetz von 2006 als Völkermord eingestuft. Es soll Hinterbliebenen Anspruch auf Schadenersatz geben.

  *** Die russische Regierung gab 2006 einigen geographischen Punkten in der Antarktis Namen. So bekam der Gipfel mit den Koordinaten  71o 36,4´ südlicher Breite und  12o 37,0´ östlicher Länge, absolute Höhe 2 240 Meter den Namen "Schukow" zum Andenken an den sowjetischen Marschall und Teilnehmer des zweiten Weltkrieges Georgi Schukow.

 

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Am 24.10.2006 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 01.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

Wecke keinen schlafenden Bären, erzürne keinen furchtlosen Menschen.
Sprichwort der Russen

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