Belletristik REZENSIONEN

Wie aus einer langweiligen Mücke ein interessanter Elefant wird...

Russischer Jude, Russe mit deutscher Staatsangehörigkeit
Mein deutsches Dschungelbuch
Manhattan Verlag, München 2003, 255 S.

Es sei bei ihm Tradition, sagt Kaminer, zum Abschluss einer Buchlesung aus dem Manuskript des zukünftigen Buches zu lesen (in perfektem Deutsch mit gepflegtem russischem Akzent). Und so las er im Pankower Jüdischen Waisenhaus die Geschichte "Doppelstadt (München)". Knapp ein Jahr später finden wir diese Geschichte und 37 weitere Erzählungen in Mein deutsches Dschungelbuch - es ist Kaminers siebentes Buch. Sieben Bücher in drei Jahren. An der Quantität des Autors ist wahrlich nichts auszusetzen...

Wladimir Kaminer, der vor mehr als einem Jahrzehnt als Russischer Jude in die DDR gekommen ist, sagt von sich selbst, dass seine Heimat die Sowjetunion sei und Deutschland sein Zuhause, dass er privat Russe und von Beruf ein deutscher Schriftsteller ist; seit einigen Monaten besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft. In seiner deutschen Wahlheimat ist er inzwischen eine Attraktion. Selten trifft man jemanden, der den Namen Kaminer noch nicht gehört hat, viele kennen ihn sogar von Angesicht; denn zwischen Hiddensee und Baden-Baden bestreitet er wacker Buchlesung um Buchlesung. Und diese Reisen von Ort zu Ort sind dann auch Grundlage seines neuen, seines deutschen Dschungelbuches. Anfangs hatte der Großstädter Kaminer gar keine Lust, in die Provinz zu fahren: "Der Alltag in einer Kleinstadt, wo alle einander kennen, alle gleichzeitig ins Bett gehen, gleichzeitig aufstehen und wo der Briefträger mit seinem Vornamen begrüßt wird, kam mir gruselig vor."

Vor drei Jahren, als Kaminer sein erstes Buch "Russendisko" herausbrachte, blieb ihm dann aber doch nichts weiter übrig, den "Großraum Deutschland" zu erkunden, "(...) weil mich nacheinander Hunderte von Buchläden, Kulturhäusern, Theatern und ländlichen Clubs zu einer Buchlesung einluden". "Unvorbereitet", gesteht Kaminer, "ohne jegliches geographische und historische Wissen (...) tourte ich landauf, landab." So "gebildet" reiste Kaminer nach Langen und Wellmar, nach Weinberg, Waldbröl, Halberstadt und Hamm und wurde, wie er meint, zu einem Deutschland-Experten - 2002 mit dem Ben-Witter-Preis "für seinen genauen Blick auf Befindlichkeiten in diesem Lande, auf Deutsches und Allzudeutsches" geehrt und für den Deutschen Bücherpreis 2003 nominiert.

Fleißig macht sich Kaminer also in jedem Buchlesungs-Ort Notizen, schreibt im Zug und in Hotelzimmern. Der Stoff, aus dem seine Texte sind, ist jeweils das unmittelbare Erleben. Grenzenlose Phantasie und eigenwillige Deutungen machen daraus einige urkomische Geschichten. Hinter bedeutungslosen Beobachtungen macht er erstaunlich wahre Dinge aus, macht aus langweiligen Mücken interessante Elefanten, z. B., wenn er über Karl-Marx-Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt, als Austragungsort des "Deutschen Gartenzwerg-Kongresses" schreibt. Da beobachtet er alles haarscharf, aber ob er auch weiß, wenn er über den Chemnitzer Karl-Marx-Kopf sagt ("Bei uns hatten die Marx-Köpfe immer einen  ergreifenden, geradezu raubgierigen Blick, mit Falten auf der Stirn und Augen, die wilde Entschlossenheit ausstrahlten."), dass dieser 40 Tonnen schwere Kopf auf einem Sockel von ukrainischem Granit 1971 von Lew Kerbel gestaltet wurde, also von seinem Landsmann."?

Mich stört, dass Kaminers Geschichten (nicht nur die dieses Buches) ganz ohne Recherchen auskommen, dass sie in der Regel "ohne jegliches geographische und historische Wissen" geschrieben sind. Es ist wahr, auch beim Lesen seines siebenten Buches muss man bisweilen schmunzeln, auch hier finden sich einige Pointen und Aha-Effekte. Aber eine Menge Geschichten geraten gar zu langweilig, wiederholen sich: wieder eine nette Buchhändlerin, wieder ein gottverlassener Bahnhof, wieder eine japanische Touristengruppe, wieder ein weinseliger Abend in einer ortsansässigen Kneipe, wieder die Frage aus dem Publikum, in welcher Sprache der auch deutschsprachige russische Autor träume. Man hat den Eindruck, Kaminer hasst Recherchen, denn um seine Geschichten zu stricken, reicht es ihm,  den Leuten aufs Maul zu schauen und sich jeweils eine ortsansässige Zeitung zu kaufen. Vielleicht sollte der Autor auch mal ins Archiv gehen und nicht nur Eindrücke, sondern auch Fakten sammeln. Mir jedenfalls würde gefallen, wenn ich das Gefühl hätte, Kaminer weiß mehr als er schreibt - statt umgekehrt. Aber dafür müsste sich der Autor für seine Bücher ein bisschen mehr Zeit nehmen. Doch er kündigt schon sein nächstes Buch an: ein Weltdschungelbuch - über seine Lesereisen in Amerika, England, Estland, Island, Tschechien, Schweden, Dänemark...  Und statt sich geographisch und historisch vorzubereiten, liest Kaminer sogar schon aus seinem übernächsten Buch, einem Roman über Karaoke. Er handelt von Musik als Soundtrack zum Leben. "Es geht", sagt Kaminer, "nicht um Musik als Kunstrichtung, sondern um die Frage, warum man zu bestimmten Zeiten bestimmte Lieder mit bestimmten Texten hört."

Irgendwo habe ich über Kaminer, "dem witzigsten Russen Deutschlands", gelesen, "Wo nichts ist, kann auch nichts schief gehen." So schlimm ist es freilich (noch) nicht, aber, sich lediglich hier und da über eine Pointe zu freuen, reicht für ein echtes Lesevergnügen auf  Dauer nicht!

Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

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Am 18.12.2003 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 06.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.


Ein dummer Kopf gibt den Beinen keine Ruhe.
Sprichwort der Russischen Juden

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