Belletristik REZENSIONEN

Der "Samizdat"- ein System mit Schneeballeffekt

Über den russischen Samizdat
Präprintium
Moskauer Bücher aus dem Samizdat (Ausstellungskatalog)
Dokumentationen zur Kultur und Gesellschaft im östlichen Europa,
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Band 5
Mit Multimedia CD
Edition Temmen, Bremen 1998, 230 S.

Russe
Lebt in Moskau!
Aus dem Russischen von Erich Klein und Susanne Macht
Folio Verlag, Wien/Bozen 2003, 347 S.

Präprintium ist genau das Buch, das uns die postsowjetischen Autoren besser verstehen lehrt.

Seit etwa zwanzig Jahren sind die Herausgeber Günter Hirt und Sascha Wonders bemüht, für die Arbeiten der Moskauer Post-Avantgarde angemessene Dokumentationsformen (Tonaufnahmen von Dichterlesungen, Videoaufzeichnungen von Aktionen und Szenen) zu finden. Die Rolle des Buches in der inoffiziellen Kultur war bisher unberücksichtigt geblieben. Mit dem sehr beeindruckenden Buch Präprintium füllen die beiden Herausgeber diese Lücke.  "Wir konzentrieren uns auf Moskau", schreiben Hirt und Wonders in ihrem "Editorial", "aus Erwägungen der wissenschaftlichen Solidität." Es sei ihnen um eine Dichte der Beobachtung gegangen, die ein Netz von historischen Bezügen und Traditionslinien knüpfen lasse; der Schwerpunkt läge auf den späten sechziger, den siebziger und achtziger Jahren. "Die neunziger Jahre finden insofern eine recht starke Berücksichtigung, als hier unter neuen, legalen Bedingungen experimentelle Buchkunst auf die Erfahrungen des Samizdat bewußt zurückgreift."

Was genau bedeutet "Samizdat"? Von den sowjetischen Politmächtigen wurde in den späten fünfziger Jahren der Zugang zu den offiziellen Druckmöglichkeiten eingeschränkt und vom "Goskomizdat" (Ministerium für Druck, Graphik und Buchhandel; gegründet 1963) streng reglementiert. Dieses Vorgehen konfrontierte viele Schriftsteller mit großen Schwierigkeiten, und nicht wenige Texte wurden "für die Schublade geschrieben". An die Stelle der nicht gewährten Öffentlichkeit traten Meinungsaustausch und Lesungen im engen Freundeskreis in der Privatwohnung. Viele der dort besprochenen Texte kursierten entweder als handgeschriebene Exemplare oder als oft kaum noch lesbare Kopien von Schreibmaschinen-Durchschlägen. Wer sie lesen wollte, erklärte sich bereit, weitere Abschriften anzufertigen - ein System mit Schneeballeffekt. Der "Samizdat" ist ein universeller Gegenkosmos, der von den Schriften russisch-nationalistischer Dissidenten bis zu Übersetzungen amerikanischer Soziologen, von russisch-orthodoxen bis zu buddhistischen Schriften, von GULAG-Memoiren bis zu Pornoromanen reicht. Neben diesem so genannten "Samizdat" (Eigenverlag, als ironische Analogiebildung zu "Gosizdat", Staatsverlag), entwickelte sich auch der "Tamizdat" (Dortverlag): Manuskripte wurden heimlich in den Westen geschafft und dort gedruckt (wie zum Beispiel Pasternaks "Dr. Shiwago), um über dieselben Kanäle und genauso illegal wieder in die Sowjetunion, in die Netzwerke des "Samizdat", zurückgeschleust zu werden. "Der westeuropäischen und US-amerikanischen Slavistik", schreibt Christine Engel in der von Klaus Städtke herausgegebenen "Russischen Literaturgeschichte", kam in diesem Prozess nicht nur die Botenrolle zu, sondern über Jahrzehnte hinweg auch die einer kritischen Würdigung und wissenschaftlichen Bearbeitung dieses Teils der russischen Literatur."

In diesem Präprintium der ungedruckten Bücher finden wir heute so bekannte Autoren wie Dmitrij A. Prigov (Dmitrij Prigow), Lev Rubinštejn (Lew Rubinstein), Pavel Pepperštejn (Pawel Pepperstein), Vladimir Sorokin, Eduard Limonow, aber auch Autoren, die bisher in Deutschland nicht verlegt wurden, wie Nikolaj Glazkov, Vilen Barskij, Rimma Gerlovina und mehr als fünfzig weitere (alle mit Kurzbiografien). Von ihnen werden Gedichtbände, Alben, Kataloge, Karteien, Alphabete, Briefumschläge, Telegramme, beschriftete Textilien... aus der inoffiziellen Moskauer Literaturszene von den fünfziger bis zu den neunziger Jahren gezeigt. Neben den 304 interessanten Exponaten finden sich in Präprintium sehr informative Texte von den Herausgebern  (Schrift-Kult im alten Russland/Schriftkunst im Zeitalter des Barock/Popularisierung der Schrift in der Druckgrafik/Avantgarde und Stalinsmus/Kritik des Textes im Moskauer Konzeptualismus/Der Samizdat/Manierismus und Exhibitionismus) und von den Autoren dieses Buches (Vsevolod Nekrasov, Andrej Monatyrskj, Dmitrij A. Prigov, Lev Rubinštejn u. v. a.). Alles sehr gediegen und fachmännisch geschrieben, fotografiert und gestaltet. Nur eines ist nicht korrekt: Der kolorierte Holzschnitt auf S. 15 zeigt nicht, wie einem Altgläubigen der Bart abgeschnitten wird, sondern der Bart eines Bojaren muss dran glauben; die Bildunterschrift könnte lauten: "Der Zar bricht mit dem alten Russland und lässt seinen Bojaren die Bärte abschneiden."

Von Dmitrij Prigow (Dmitrij A. Prigov) finden sich im Buch siebzehn Exponate. Seine Kurzbiographie schließt in Präprintium mit den Worten "Lebt in Moskau". Lebt in Moskau! ist auch der Buchtitel des Romans von Dmitrij Prigow. Zu zwei Veranstaltungen der Frankfurter Buchmesse 2003, bei denen er angekündigt war, erschien er nicht. Die Veranstalter wussten nicht, warum er durch Abwesenheit glänzte. Dabei behauptet Prigow doch in seinem Buch, dass er ständig zu früh käme, und er dann gelangweilt auf Leute warten müsse, die sich verspäten. Doch plötzlich kam er zu einer Veranstaltung, zu der er gar nicht angekündigt war und deklamierte mit raumfüllender Stimme einige seiner Gedichte.  Bisher kannte ich eine ähnliche Art des ausholenden Deklamierens nur von Jewgeni Jewtuschenko. Mir hat´s außerordentlich gut gefallen.

Prigow (geboren 1940) wurde bekannt als Verehrer der Küchenschabe, der er einige seiner 20 000 Gedichte widmete, und mit seinem Gedicht über den Milizionär (1982). Zwei Jahrzehnte später hat der in Westeuropa als Konzeptualist und Patriarch des Moskauer Untergrunds bekannte Künstler einen Roman geschrieben über seine Erinnerungen als Kind und als Jugendlicher. Dmitrij Prigow ist Mitbegründer des Moskauer Konzeptualismus, der als Oberbegriff und Weiterentwicklung der Soz-Art gelten kann. Während sich die Soz-Art vor allem auf die Zeichensysteme von Kommunismus und Sozrealismus konzentriert, wird im Moskauer Konzeptualismus darüber hinaus eine Dekonstruktion des (ideologisierten) Alltagesbewusstseins angestrebt, wobei Sprache, Mythen, Religion und Literatur eine Schlüsselrolle spielen. So etwa jedenfalls steht es in Städtkes "Russischer Literaturgeschichte". Wer damit wenig anfangen kann, der kann sich mit Valeria Narbikova trösten, die in ihrem Roman "Die Reise" schreibt, dass der "Konzeptualismus eine Hymne auf die Scheiße ist" sie begründet ihre grobe Meinung leider nicht.

In seinen surrealistischen Erinnerungen Lebt in Moskau! ist nicht Prigow der Protagonist, sondern Moskau und seine "einfachen, mitten im Leben stehenden Menschenwesen". Die Ereignisse, um die es geht, reichen vom Stalin-Terror, über die kommunalen Gemeinschaftswohnungen, die Zucht von Küchenschaben, das Schlangestehen, den GULAG, über Chruschtschows Wohnungsbau, das Lenin-Mausoleum, die Moskauer Welt-Jugend- und den Studentenfestspielen, die Bildhauerklasse des Stroganow-Instituts, bis zur Perestroika... Diese Ereignisse erscheinen bei Prigow nicht als politische Geschichte, sondern als Quasi-Naturereignisse, als unabwendbares Schicksal kosmischen Ausmaßes. Es beginnt meist damit, dass von Prigow ein realer Vorfall erzählt wird. Im selben Moment kommt ein imaginärer zweiter Erzähler hinzu, der das Vorhergesagte grotesk ausschmückt, so dass es als wirkliches geschichtliches Ereignis kaum noch zu erkennen ist. Prigow ist nicht der Erzähler von Ereignissen aus seinem Privatleben. "Ich bin nur der Erzähler des gewaltigen, allgemein-gültigen, gesellschaftlichen Alltags. (...) "Wie (...) leicht festzustellen ist", schreibt Prigow in seiner kurzen Anmerkung zur deutschsprachigen Ausgabe, "löst sich in dieser Lebensbeschreibung (...) jede authentische oder quasi-authentische Tatsache sowie jede Beobachtung sogleich auf, und sie entgleitet flugs in den unendlichen Bereich unkontrollierbarer Fantasy." Fantasy? "Ich erfinde überhaupt nie etwas. Ich kann gar nicht erfinden. Eine solche Gabe besitze ich nicht." Nein? Nun, manchmal ist man fast ermüdet von der Widergabe der (erfundenen) ungeheuer gewaltigen Katastrophen. Gut nur, dass der Autor aufgrund "seiner damaligen Jugend und seiner heutigen Gedächtnisschwäche nichts beschwören" kann...

Großes Vergnügen hat mir die Beschreibung der Zeit Jurij Andropows bereitet, der den "alten, schon etwas abgestandenen, aber eigentlich sehr netten, auf seine Art weisen Großvater Breschnew" abgelöst hatte. Andropow war der vorletzte Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Er hatte Trunksucht, Schlamperei, Diebstahl, Fernbleiben von der Arbeit - um zum Friseur zu gehen oder "Defizita", seltene Waren, zu erstehen - den Kampf angesagt. Ich habe in Moskau einige Kontrollen - warum die Menschen nicht an ihrem Arbeitsplatz sind - selbst erlebt und stand auch einmal - wie Prigow - nach einer solchen Kontrolle in einem fast menschenleeren Laden und hätte alles kaufen können, was mein Herz begehrte.

An einigen Stellen des Buches frage ich mich allerdings, ob einem unbeteiligtem Fremden das Lesen von Lebt in Moskau! genau so viel Vergnügen bereitet, wie dem Eingeweihten oder einem, der - wie ich - jedes Jahr mindestens einmal in Moskau weilte. Fest jedenfalls steht, dass Dmitrij Prigow, Vladimir Sorokin, Lev Rubinštejn... die zeitgenössische russische Literatur grundlegend verändert haben.

Warum ist Lebt in Moskau! mit einem Ausrufezeichen versehen? Wenn auch nicht gerade als Befehl, so scheint es doch als Aufforderung gemeint. Denn: "Es geschah in Moskau. Wie alles, was von Bedeutung ist."


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 09.01.2017.

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