Hörbuch REZENSIONEN

Ein "Schandfleck der Sowjetliteratur"...

Russe
Fälle
Lesung; gelesen von Peter Urban
Aus dem Russischen von Peter Urban
Kein & Aber Records, Zürich 2003, 1 CD, Laufzeit: etwa 45 Minuten. Mit Booklet.

(Rezensiert, entsprechend dem Gästebuch-Eintrag von Franz Schön.)

"Ach, ich würde noch mehr schreiben, aber auf einmal ist das Tintenfass verschwunden..." Viele von Charms Geschichten enden pointenlos, viele mit dem berühmten Schlußsatz "Das ist eigentlich alles."

1937 schrieb Daniil Charms in sein Tagebuch: "Mich interessiert nur Quatsch, nur das, was gar keinen praktischen Sinn macht. Mich interessiert das Leben immer in sehr unsinnigen Erscheinungen." Peter Urban - verdienstvoller Übersetzer und Herausgeber so interessanter russischer Autoren wie Tschechow, Babel, Gogol, Puschkin, Turgenjew begegnete Daniil Charms im November 1964, als die Prager Literaturzeitschrift "Flamme" zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution "ein etwas anderes Bild der russischen Kultur entwarf als das gewohnte: [es werden Namen genannt] wie Leonid Panteleev, Anatolij Marienhof, Jurij Lotmann (...) und eben Daniil Charms". Von der tschechischen Übersetzerin Olga Mašková erhielt Peter Urban eine Kopie des Samizdat-Manuskripts, über das er schrieb:" (...) ein Lachen wie dieses, in Rußlands tiefster Stalinzeit, in den Jahren der Schauprozesse - unvorstellbar." Vielleicht ist da sogar die kleine Geschichte mit dem im weiten Sowjetland nicht erhältlichen (Klo)Papier gemeint:

So tritt denn schließlich alles ein/und es ergibt sich Folgerichtigkeit./Wie merkwürdig wäre, träten zwei Ereignisse (Auf einmal gleichzeitig ein./Rätselfrage: Und wenn statt zweier Ereignisse acht/Seifenblasen einträten?/Antwort: Dann würden wir uns natürlich hinlegen./Diese Antwort war klar und kurz,/Ein Mensch wurde in Papier eingewickelt,/Es gibt kein Papier. Der Winter ist da. (13. Januar 1930)

Für wie gefährlich man in der Sowjetunion das Charms´sche Lachen noch zu Breshnews Zeiten hielt, belegt der Umstand, dass der Leningrader Literaturwissenschaftler Mejlach, der es gewagt hatte, "diesen Schandfleck der Sowjetliteratur" im westlichen Ausland auf russisch zu publizieren, 1985 zu fünf Jahren Straflager verurteilt wurde.

Alle in Fälle vorgetragenen Texte wurden "für die Schublade geschrieben, und wir wüßten von der Existenz eines Daniil Charms nichts, aber auch gar nichts, hätte nicht Jakov Druskin, ein Freund des Dichters, 1941, während der Blockade Leningrads und nach der zweiten Verhaftung von Charms, dessen Wohnung aufgesucht, alles Schriftliche in ein Köfferchen gepackt und dieses Köfferchen nicht mehr aus den Augen gelassen, unter Lebensgefahr, wie man weiß, und den Nachlaß auf diese Weise gerettet", schreibt Peter Urban im Booklet zum Hörbuch. 1967 zitierte die Prager "Flamme" Charms Freund Druskin mit diesen Worten: "In seinen Erzählungen und Gedichten begegnen wir dem, was man das Absurde, Alogische nennt. Aber absurd und alogisch sind nicht seine Erzählungen, absurd und alogisch ist das Leben, das er in ihnen beschreibt... Charms interessierte das Böse, die Wurzel des Bösen im Menschen. Drei thematische Hauptelemente sind 1. das Leben in seiner häßlichen Gestalt, 2. die Enthüllung seiner verborgenen, geheimgehaltenen Seiten, und 3. der selbstgefällige Pseudomensch, der keine moralischen Grundsätze und Werte kennt - sie durchdringen sich in seinen Texten manchmal in einem Maße, daß eine Art neuer literarischer Gattung entsteht, von der man nur schwer sagen kann, ob es sich um eine Tagebuchnotiz handle, um eine philosophische Betrachtung, um eine Erzählung oder ein Gedicht. Das Grauen übersteigt hier den Rahmen der Kunst. Die `Schweinerei´, über die Charms schrieb, war ihm nicht lieb, sie war für ihn nicht einmal komisch, sie war für ihn nur einfach grauenhaft." Charms enttäuscht mit seinen Nonsensversen fast jede Erwartung, die sich auf so genannte Logik gründet. Dr. Angela Martini-Wonde schreibt in Kasacks "Hauptwerke der russischen Literatur" vom Widersinn und Un-Sinn in Charms Schaffen, meint aber, dass nicht Sinnlosigkeit und Alogisches entstanden ist.

Der "russische Großmeister des absurden Humors und der Groteskdramatik" (Rakusa) hieß ursprünglich Daniil Iwanowitsch Juwatschow. Er wurde 1905 in Petersburg geboren, schrieb schon früh Scherzgedichte unter diversen Pseudonymen, veröffentlichte 1925 seine ersten Texte unter dem Künstlernamen Daniil Charms und gründete wenige später die Gruppe "Linke Flanke", die 1927 in "Oberiu" (Objedinenie realnogo Iskusstwa) - Vereinigung der realen Kunst - umbenannt wurde. Die Auftritte der Gruppe, der auch Alexander Wwedenskij, Nikolaj Sabolozki und Konstantin Waginow angehörten, glichen poetischen Aktionen von absurder, dadaistischer Komik. Gemäß dem Grundsatz, dass die "reale" Kunst weder eine realistische (im Sinne der einengenden Forderung nach einer allgemeinverständlichen Kunst) noch eine futuristische (im Sinne der transmentalen Lautexperimente) zu sein habe, vielmehr Gegenständlichkeit erzeugen müsse durch die Konfrontation und Kombination der Wortsinne, schufen die Oberiuten die Losung "Die Kunst ist ein Schrank" und realisierten die Metapher, indem sie Charms auf einen riesigen Schrank thronend und in absonderlicher Aufmachung - karierter Gehrock, runde Mütze, ein grünes Hündchen auf die Wange gemalt - Gedichte vortragen ließen. 1930 wurde diese letzte avantgardistische Gruppe der Oberiuten verboten "und die Alleinherrschaft des Sozialistischen Realismus etabliert". (Rakusa) Daniil Charms starb am 2. Februar 1942 unter ungeklärten Umständen im Gefängnis Kresty in Leningrad.

Der Zyklus Fälle wird von Peter Urban gelesen.  Man spürt: Hier liest kein Schauspieler, sondern ein Mensch, dem Daniil Charms nahe steht.


Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de

 

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Am 03.02.2005 ins Netz gestellt. Letzte Bearbeitung am 04.01.2017.

Das unterschiedliche Schreiben von Eigennamen ist den unterschiedlichen Schreibweisen der Verlage geschuldet.

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